Bernanke auf Crashkurs
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 24. Mai 2006 18:00 Uhr
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Ich fühle mich genötigt einen Aufschrei des Entsetzens von mir zu geben: Herrje!
Sollte sich Ben Bernanke doch noch als große Luftnummer herausstellen? Nicht genug, dass er den Märkten damals das große „Ben Bernanke Missverständnis“ angetan hat, indem er einer Reporterin gegenüber freimütig zugab, dass seine Äußerungen vom Markt missverstanden wurden, nein, nun legt er noch eins drauf:
Er betonte vor dem Bankenausschuss reumütig, dass ihm damals ein Lapsus unterlaufen sei, der sich aber so nicht mehr wiederholen werde. In Zukunft werde seine Kommunikation mit der Öffentlichkeit und mit den Märkten voll und ganz über die regulären und formalen Wege laufen.
Vielleicht ist er doch noch nicht aus seinem Universitätselfenbeinturm herausgekommen? An den Märkten agieren keine Studenten, mit denen man bei einer gemütlichen Tasse Tee persönliche Eigenheiten diskutieren kann.
Weitere Unsicherheiten
Sicher war das eine brave Antwort, formal korrekt, ein Eingeständnis – sauber. Schließlich solle man zu seinen Fehlern auch stehen, oder etwas nicht? Aber auch diese Aussage ist geneigt, die Unsicherheit an den Märkten zu erhöhen, denn ein Notenbankchef, der „Fehler“ macht, ist ein Unsicherheitsfaktor. Diesen Fehler hat er nun im Prinzip auch noch unterstrichen und wie ein erwischter Schuljunge dem Bankenausschuss und damit der Öffentlichkeit eingestanden. Ein falsches Signal für die Märkte.
Nun kann man fragen, was hätte er denn auch sagen sollen? Mir fällt da nur Old Greenspan ein, der es möglicherweise bis zu Unkenntlichkeit verfloskeliert hätte, so in der Art: Es sind Dinge geschehen, die nicht so hätten geschehen sollen. Das was nicht hätte derart geschehen sollen, ist von den Märkten in einer Art und Weise aufgenommen worden, wie es hätte nicht aufgenommen werden dürfen. Ich versichere Ihnen, dass solche Dinge, die derart geschehen sind, sich nicht mehr in diese Art wiederholen, also nicht mehr geschehen werden - somit die Märkte auch nichts mehr nicht so aufnehmen müssen, was nicht so aufgenommen werden soll.
Scherz beiseite. Nein, Ben Bernanke macht wirklich keine gute Figur als Notenbankchef. Das ist eine der großen Gefahrenmomente, die kaum jemand also solche sieht und genau solche Faktoren sind geeignet die Märkte in Bedrängnis zu bringen. Es muss unbedingt zu einer klareren Richtungsangabe in der US-Zinspolitik kommen, ansonsten crasht der Markt.
Fed Statement bleibt wenig sinnvoll
Denn auch das Statement, welches die Fed unter Bernanke so brav wiederholt: Die Fed werde die Konjunkturdaten beobachten und danach die weitere Zinspolitik beurteilen, ist nichts mehr als eine leere Floskel.
Es ist schließlich doch genau das, was die amerikanische Zentralbank machen soll und schon immer gemacht hat. Dieser Satz hat für mich in etwa die Qualität und Aussagekraft von: Wenn die Sonne scheint, dann scheint die Sonne. Ich mache mir Sorgen, dass der Markt Ben Bernanke bald beibringen wird, dass er so nicht als glücklicher Notenbankchef in die Geschichte eingehen kann. Der Markt ist gnadenlos, das musste auch Alan Greenspan 1987 erfahren.
Der Crash?
Und dann würde sich alles zusammenfügen. Die Übertreibungen, der ZEW, des IFO Index etc. Meine Besorgnis nimmt immer weiter zu. Doch wir sollten niemals vergessen, dass man immer am meisten besorgt ist, wenn die Märkte in der Nähe ihrer Tiefs notieren.
Damit zu der Frage, warum die Märkte derart intensiv auf die US-Zinsentwicklung achten:
Der Weg des Geldes ist der einzige vernünftige Indikator für die Entwicklung der Märkte:
Wenn Sie an der Börse Erfolg haben wollen, gibt es eigentlich nur einen einzigen Indikator, den Sie beachten müssen. Jeder, der lange genug an den Börsen überlebt, wird früher oder später auf diese einfache Formel zurückgreifen: Wohin fließt das Geld? Hier gibt es zwei Hauptanlageklassen, die entscheidend sind: Anleihen/Aktien.
Dazu ein paar Beispiele
Beispiel 1 :
Aktien sind vergleichsweise teuer, hohes KGV. Die Zinsen sind hoch, eventuell sogar über möglichen Dividendenrenditen. Das war zum Beispiel im Jahr 2000 der Fall.
Das führt dazu, dass das Geld aus dem Aktienmarkt in den Anleihenmarkt fließt mit der Folge:
Fallende Kurse
Beispiel 2:
Aktien sind relativ billig (niedriges KGV). Eventuell hohe Dividenden zu erwarten. Zinsen sind historisch niedrig. Siehe 2003/2004/2005
Geld fließt (aus dem Anleihemarkt) in den Aktienmarkt = steigende Kurse
Soweit ist das ganz einfach.
Schwieriger wird es, wenn man sich das aktuelle Bild in den USA anschaut:
Dort werden Aktien immer billiger, das KGV sinkt, aber noch (!) steigen die Zinsen.
Wo wird also das Geld hinfließen?
So lange die Zinsen weiter steigen, kann Geld auch bei einem relativ preiswerter werdenden Markt noch in die Anleihenmärkte fließen. Derartiges beobachten wir gerade.
Besonders, wenn die Aktienmärkte derart schwach sind, wie es in den letzen Monaten der Fall war. (Aktien ziehen Geld an, wenn sie steigen). Interessanterweise werden durch die fallenden Kurse Aktien immer billiger.
Und hier kommt jetzt ein psychologisches Moment ins Spiel. Wann werden die Aktienmärkte im Vergleich zu den Zinsen „unterbewertet“ sein und zwar in der Art, dass Anleger, besonders die institutionellen, wieder auf Aktien zurückgreifen. Kurz: Wann fließt das Geld zurück in die Aktienmärkte.
Der entscheidende Impuls durch das Ende des Zinserhöhungszyklus
Natürlich könnte ein Ende des Zinserhöhungszyklus den entscheidenden Impuls geben. Das war Kern meiner Prognose. Der steigende Ölpreis und die dadurch wachsenden Inflationssorgen, die wir zurzeit auch überall bestätigt kriegen, können aber die FED dazu veranlassen, die Zinsen weiter anzuheben. So lange das nicht aus dem Markt ist, wird es schwer für Aktien.
Und was macht Greenhorn Ben Bernanke? Nicht nur, dass er sich in Missverständnissen und Fehler verstrickt, er nimmt dem Markt auch zunehmend die Hoffnung. Meines Erachtens ist das ein weiterer Fehler. Eben weil die Gefahr eines Crahs wächst.
Was mich wundert, ist, dass die Fed das offenbar einfach nicht zur Kenntnis nehmen will. Aber vielleicht sehe ich auch das ein wenig zu eng.
Mittelfristige Hoffnung
Die Aktien im Dax sind immer noch vergleichsweise billig, im Verhältnis zu den niedrigen Zinsen. Das sollte den Dax, nachdem Übertreibungen abgebaut wurden, stützen. Auf welchem Niveau das sein wird, will der Markt offenbar gerade herausfinden.
Durch die lange quasi Seitwärtsbewegung in den USA werden auch die Aktien im Verhältnis zu den Gewinnen billiger, sprich das KGV sinkt. Gleichzeitig sind die Zinsen im historischen Vergleich noch „relativ“ niedrig. Sollte sich die US-Wirtschaft abkühlen, zu stark abkühlen, dann kann es auch wieder zu Zinssenkungen kommen. Spätesten dann wird der US-Markt höchst interessant.
Wir müssen also nicht damit rechnen, dass wir einen langen anhaltenden Crash wie 2000 erleben. Aber ein größere Schwächephase ist denkbar.
Es hängt alles von zwei Faktoren ab, deren Entwicklung ich persönlich nicht vorhersagen kann:
- Der Ölpreis (Rohstoffpreise), denn dieser ist relevant für die weitere Inflationsentwicklung in den USA. Die Entwicklung des Ölpreises vorhersagen zu wollen gleicht einem Blick in die Kristallkugel.
- Die Zinspolitik
Ich fand Old Greenspan trotz seine vergleichsweise undeutlichen Aussagen in seinem Handeln extrem logisch und stringent. Wenn er auch manchmal aus meiner Sicht etwas über das Ziel hinausgeschossen ist, so war doch immer die Richtung klar. Bei Ben Bernanke habe ich nicht den Hauch eines Schimmer, was er eigentlich vorhat.
Das macht die Prognosen im Moment schwierig. Mittelfristig wird auch in den USA das Geld bei steigender Inflation keine Alternative zu den Aktienmärkten kennen. Denn gerade (bestimmte) Aktien sind auch geeignet, um inflationäre Tendenzen zu überleben. Mir scheint, das haben einige vergessen...
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