Ben Bernanke: Eine Gefahr für die Märkte?
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 08. März 2007 18:00 Uhr
ENL5454
Ich sehe eine Gefahr für die Märkte, und das ist Ben Bernanke. Ich hatte gestern von dem Einfluss der Zinsen auf die Märkte berichtet. Daran kann ich nun nahtlos anknüpfen:
Dazu gehen wir in das Jahr 2000 zurück, schließlich lernt man aus der Vergangenheit am Besten.
Nach dem 1998er Crash ging die Börse in eine massive Rally über. Schauen Sie sich den Chart an.
1997 stand der Leitzins bei 5,50 %, der Markt war bis dahin weit gestiegen. 1998 kam es zu dem bekannten 20 % Einbruch im S&P500. Sie sehen, dass die Fed prompt reagierte, indem sie anfing die Zinsen zu senken. (Hier erkennt man auch, dass nicht Zinsen und der Markt einhellig steigen oder fallen, sondern zeitversetzt.) Tatsächlich fängt der Reigen der Zinssenkungen am 29. Sept 1998 mit dem ersten Zinsschritt von zuvor 5,50 auf nunmehr 5,25 Prozent an. Das erste Tief des starken Einbruchs gab es allerdings schon am 1. Sept 1998, zum zweiten Tief kam es am 8. Oktober 1998. Das bedeutet, die Fed reagierte nach dem Einbruch. Und mit der Reaktion, der Zinssenkung, kam es zu einer Stabilisierung der Märkte. Die Fed nahm noch zwei weitere Zinssenkungen bis auf 4,75 % vor. Das reichte, um die Märkte zu einer massiven Rallye zu veranlassen, welche die Kurse weit über das Niveau vor dem 1998er Crash hinausschießen lies und die den Anfang der Rallye bis 2000 bildete. (Etwas Ähnliches könnte jetzt passieren, wenn die Fed eine Zinssenkung erkennen ließe)
Leitzinsen erreichen im Mai 2000 ihr Hoch
Im Chart erkennen Sie sehr schön, wie dann die Fed als Reaktion auf die massive Rallye bis 2000 die Zinsen immer weiter angehoben hat. Und zwar so lange, bis der Zinssatz bei 6,50 Prozent stand. Dieser wurde aber erst am 16.Mai 2000 erreicht, also erst nach dem Hoch im März. Diese letzte Zinserhöhung kam demnach erst zu einem Zeitpunkt, an dem die Märkte schon aufgrund der hohen Zinsen seitwärts liefen. Nun schauen Sie sich die Wirkung der Zinserhöhungen auf den Kursverlauf an. Es kam nach jeder Zinserhöhung zu einer Unsicherheit und tatsächlich schafften die steigenden Zinsen es, die Dynamik aus der Rallye 1998-2000 herauszunehmen.
Jetzt stellen Sie sich vor, Sie verfügen über ein großes Vermögen und sehen, dass die Märkte in zwei Jahren um mehr als 50 % angestiegen sind. Jetzt bemerken Sie, dass die Dynamik aus dem Anstieg geht. Ihnen wird nach diesem heftigen Anstieg etwas mulmig (so wie aktuell auch viele denken, dass die Rallye von 2003 bis jetzt schon sehr weit gelaufen ist).
Hohe Zinsen treiben Anleger aus dem Markt
Nun haben Sie die Möglichkeit, bis zu 6,5 % auf Ihr Vermögen zu kriegen (natürlich etwas weniger). Sie wären ja mit dem Staub größerer Dummheit gepudert, wenn Sie nicht nach und nach zumindest einen größeren Teil Ihre Gewinne in Sicherheit bringen und sie zu derart hohen Zinsen anlegen würden! Schließlich war eine größere Konsolidierung mehr als wahrscheinlich. Um bei dem Vergleich von gestern zu bleiben: Der Abfluss aus dem Börsensee wurde stärker!
Wie ich gestern geschrieben habe, spülen nur niedrige Zinsen Liquidität in die Märkte. Mit 6,5 % standen die Zinsen sehr hoch. Auf der anderen Seite wurde also auch noch der Zufluss beschränkt. Wenn der Abfluss stärker und der Zufluss gestoppt wird, dann kann der Börsensee nur sinken: Die Märkte fingen an zu fallen.
Und zwar im S&P500 von 1553 Punkten am 24. März 2000 bis auf 1254 Punkte am 21.Dezember 2000, sprich wieder 20 %. Und erst dann, fast ein Jahr nach dem Hoch, reagierte die Fed und zwar am 3. Januar 2001! Dieses Mal mit Nachdruck, Sie senkte die Zinsen direkt um 50 Basispunkte.
Damit lagen die Zinsen aber immer noch bei 6 %, also sehr hoch. Mittlerweile durch die fallenden Kurse verunsichert, haben immer mehr die Chance genutzt, zu diesen immer noch hohen Zinsen ihr Vermögen aus dem Markt zu nehmen.
Die Fed reagierte offenbar zu spät!
Und das ist der wichtige Punkt, warum ich das alles erzähle. Die Fed hat damals eindeutig zu spät reagiert! Sie wollte die extremen Übertreibungen 2000 einfach beruhigen und ist etwas über das Ziel hinaus geschossen. Die Märkte gingen in eine Abwärtsbewegung über und da halfen auch keine weiteren Zinssenkungen mehr, zu hoch war immer noch das Niveau der Zinsen! Fallende Märkte verrusachen schlechte Nachrichten, der gefährliche Cocktail war perfekt. Es sei mir ein kurzer Einschub gegönnt:
Der 11. September
Wahrscheinlich wäre der 2000er Crash im September/Oktober 2001 zu Ende gewesen. Damals hatten dann die Zinsen ein unterstützendes Niveau von unter 4 % erreicht, die normalerweise zu erwartende Jahresendrallye 2001 hätte die Kurse langfristig stabilisiert. Aber dann folgte, genau in diesem höchst sensiblen Moment, das, womit keiner gerechnet hatte: Der Anschlag vom 11. September und die Erwartung der Kriege in Afghanistan und im Irak. Und erst das führte dann zu dem Fortgang des Crashs!
Zurück zu der aktuellen Situation
Ich hoffe, Sie haben gesehen, wie sehr die Fed unter Alan Greenspan auch auf die Märkte reagiert hat. Über die Zinsen versuchte die Fed erfolgreich Übertreibungen abzubauen und Crashs abzumildern. Doch der damalige Initiator hieß Alan Greenspan.
Nun haben wir es mit Ben Bernanke zu tun. Im Prinzip haben wir eine ähnliche, wenn auch nicht ganz so extreme Situation wie 2000. Würde die Fed jetzt die Zinsen weiter erhöhen, dann würde das den Zufluss in den Börsensee weiter abwürgen. Durch die lange Strecke steigender Kurse kann es zudem sein, dass immer mehr Anleger Geld aus dem Markt abziehen, um es in Sicherheit zu bringen. Und genau das könnte den Markt in arge Bedrängnis bringen.
Alan Greenspan hätte reagiert, da bin ich mir sicher. Aber wird es auch Ben Bernake tun? Alan Greenspan sah sich direkt nach seinem Amtsantritt einem größeren Crash gegenüber. Das hat ihn in seiner Amtszeit geprägt und für die Börsen sensibilisiert. Ben Bernanke hingegen ist ein Professor, der mit der Börse wahrscheinlich noch nicht wirklich umgehen kann. Das hat er zumindest in den ersten Monaten seiner Amtszeit bewiesen (Sie erinnern sich noch an das Interview).
Ben Bernanke will Inflationsziel
Zudem ist Ben Bernanke ein Verfechter eines Inflationsziels, ähnlich wie die EZB. Er ist eben nicht jemand, der mit dem Dollar und den Zinsen leichtfertig umgeht. Er wird einen wesentlich restriktiveren Kurs fahren als Alan Greenspan es getan hat. Zumindest bis er den ersten „richtigen“ Crash am eigenen Leib erlebt hat. Und darin sehe ich aktuell eine große Gefahr! (Mehr zu den Eigenarten von Ben Bernanke weiter unten!)
Aktuell schwächen sich die US-Konjunkturdaten ab. Das zeigte gestern auch das Beige Book. Die Inflation ist ebenfalls zurückgegangen. Die Börse, zumindest der Nasdaq zeigt erste Schwächezeichen. Wenn nicht jetzt, wann sollte die Fed dann reagieren? Geschieht das nicht, dann müssen wir im Laufe dieses Jahres mit fallenden Kursen rechnen. Vielleicht kommt es zuvor aber noch zu einem stärkeren Anstieg, oder einer längeren Seitwärtsbewegung. Kurzfristige Kursbewegungen kann man nicht aus dieser Zinstheorie ableiten.
Sollte die Fed aber erste Hinweise auf Zinssenkungen geben, wird der Markt sehr schnell positiv reagieren. Denn bei Zinsen unter 5 % wäre der Zinssatz wieder unterstützend. Darauf würde der Markt spekulieren.
Wenn ich mir das "Psychogramm" von Ben Bernanke ansehe, dass ich Ihnen unten angehängt habe, kann es gut sein, dass die Fed eine Neigung hat, ebenfalls zu spät zu reagieren. Und darin sehe ich eine der größten Gefahren für die Märkte 2007/2008, also mittelfristig, nicht unbedingt in den nächsten Wochen. (Ich will noch mindestens das Allzeithoch im S&P500 sehen). Trotzdem müssen wir alle auch jetzt schon höchst vorsichtig agieren und genau beobachten, wie sich Bernanke, die Fed und die Zinsen in den nächsten Wochen und Monaten verhalten.
EZB erhöht Zinsen
Die EZB hat übrigens heute die Zinsen um 25 Basispunkte auf 3,75 Prozent angehoben. Nach den Statement der EZB wird mit weiteren Zinserhöhungen gerechnet. Aber noch immer ist das Zinsumfeld für den Euroraum günstig. Obwohl die EZB Zinsen haben weniger Auswirkungen auf die europäischen Börsen, als die US-Leitzinsen - dort spielt einfach die Musik der weltweiten Konjunktur.
