Beliebter Irrtum: Der Welt gehen die Rohstoffe aus
Martin Stephan (Chefredakteur "Wahrer Wohlstand") in Investoren Wissen
vom 22. Januar 2010, 16:00 Uhr
ENL5462
immer wieder ist zu lesen, dass auf längere Sicht die Versorgung mit Rohstoffen nicht gesichert ist. Am bekanntesten ist diesbezüglich die Theorie zu „peak oil“, die von einem bereits erreichten Fördermaximum für Rohöl ausgeht und aus der zumeist ein Versorgungsengpass in den kommenden Jahrzehnten abgeleitet wird. Auch bei anderen Rohstoffen werden solche angeblichen Fakten gerne von interessierter Seite gestreut, zumeist um eigene unhaltbare Thesen zu „untermauern“. So führt die Anti-Atomkraft-Bewegung auch heute noch in ihrer zumindest für sie schlüssigen „Beweiskette“ gegen die Kernkraft an, dass die Menge des für die Kernspaltung zur Verfügung stehenden Urans in den kommenden 40 bis 50 Jahren komplett verbraucht sei. Je grotesker der Unsinn, desto eher wird er wohl geglaubt.
Wenn wir die Lage zu einfach beschreiben, stimmen die Fakten nicht mehr
Das Problem liegt in den statischen Modellen und Vereinfachungen, mit denen wir versuchen, einen Zustand zu beschreiben. So besitzen sowohl die „peak oil“- als auch „peak uranium“-Variante und alle anderen „peak“-Theorien zumindest einen Denkfehler. Alle gehen von einer begrenzten Menge an Rohstoffen aus, die der Erde abgetrotzt werden können, vergleichbar mit einem Krug, dem
immer mehr Wasser entnommen wird, bis er schließlich leer ist. Das stimmt theoretisch, nicht aber in der Praxis. So befinden sich noch immer gewaltige Rohstoffmengen in unserer Erdkruste. Exploriert und abgebaut haben wir nur jene, die besonders einfach zugänglich waren oder die wir teilweise per Zufall gefunden haben. Die nächste Generation an Ölfeldern oder Kupferadern wird lediglich teurer
im Abbau, eventuell viel teurer. Eine Knappheit bzw. ein Überangebot besteht immer nur zu einem fixierten Preis. Verändert sich der Preis, verschieben sich Angebot und Nachfrage. Die beiden Funktionen berühren sich in anderen Marktausgleichs-Schnittpunkten.
Substitution wird Preisexzesse abfedern
Natürlich wird es Rohstoffe geben, die knapper sind als andere, deren Nachfrage also kontinuierlich hoch bleibt – jedenfalls für einen längeren Zeitraum. Je höher ihr Preis, desto größer ist der Anreiz, sie zu substituieren. So besitzt Erdgas eine große Chance, zumindest in der Ersten Welt Erdöl bei der Energieerzeugung sukzessive zu ersetzen. Palladium verdrängt immer häufiger Platin,
Aluminium Stahl. Doch derzeit befinden wir uns noch nicht einmal in einer echten Substitutionsphase, weil das noch gar nicht zwingend notwendig ist. Vielmehr wird bei vielen Rohstoffen derzeit die historische Unterbewertung beseitigt. Mit den BRIC-Staaten als neue Großnachfrager nach Rohstoffen aller Art verschieben sich die Weltmarktpreise langsam nach oben – ohne dass wirklich Knappheit besteht. Wer Kupfer benötigt, kann es in großen Mengen kaufen, das Gleiche gilt für andere Basismetalle.
Der technische Fortschritt führt zu Einsparungen
Ein weiterer Faktor, der viel zu wenig Berücksichtigung findet, ist jener des technischen Fortschritts. Autos benötigen immer weniger Benzin, Hochhäuser immer weniger Stahl. Pipelines werden dünner, aber dennoch härter und korrosionsbeständiger. Neue Rohstoffgruppen werden entdeckt und ermöglichen zumeist in Kombination mit bereits bekannten Materialien einen Entwicklungssprung. Die Seltenen Metalle und Erden seien in diesem Zusammenhang erwähnt.
Und dann sind da sogar Entwicklungen von völlig neuen Verbundstoffen, die mit deutlich geringeren Mengen an herkömmlichen oder mit bisher fast beliebig vorhandenen Rohstoffen auskommen. Die Kohlefaser sei hier als Beispiel genannt. Ein entscheidender Faktor ist
auch das Recycling bereits verwendeter Ausgangsstoffe. Durch optimierte Trennungsprozesse steigt die Rückgewinnungsquote
bei Rohstoffen wie Metallen seit Jahren, ein Ende dieses Prozesses ist nicht in Sicht.
In der Praxis werden die benötigten Rohstoffe kaum knapp werden
Wenn Ihnen also das nächste Mal wieder ein „Experte“ weismachen will, dass in x Jahren irgendein Element des Periodensystems „knapp“ werden wird, können Sie getrost weghören. Schlimmstenfalls, aus Sicht der Verbraucher, wird der Rohstoff teurer – doch das war es dann auch schon. Ein Lieblingszitat von Investmentstar Rick Rule lautet (frei übersetzt): „Das wirkungsvolle Mittel gegen hohe
Rohstoffpreise sind hohe Rohstoffpreise.“ Wann immer diese zu stark klettern, drücken neue Produzenten in den Markt, steigen die Substitutionsbemühungen, nimmt die Effizienz zu – mit dem Ergebnis, dass die Preise zumindest nicht in den Himmel wachsen.
Für Agrarrohstoffe gelten andere Bedingungen
Eine Rohstoffklasse möchte ich allerdings explizit von meinen bisherigen Ausführungen ausschließen: die nachwachsenden bzw. Agrar-Rohstoffe. Es ist eher eine Gefühlssache, als dass ich hier mit dichter Recherche aufwarten könnte. Ich befürchte allerdings, dass in diesem Bereich die eine oder andere noch kommende Knappheit in Teilen der Welt zu einer echten Katastrophe führen wird. Auf weltweiter Basis sind die gelagerten Vorräte an Weizen und anderen Getreiden, an Reis und Zucker außerordentlich niedrig. Nur leichte klimatische Veränderungen, die auch ohne „Klimakatastrophe“ stets vorübergehend auftreten können, können durchaus regionale Nahrungsmittelknappheiten hervorrufen. Auch das Thema „Trinkwasser“ bleibt aktuell. Hier sind enorme Mittel notwendig, um desaströsen Zuständen, vor allem in der Zweiten bis Vierten Welt, ein Ende zu bereiten. Für die Erste Welt wären Terroranschläge auf die Trinkwassersysteme ein wirkungsvolles Mittel, um Chaos zu verursachen. Wir alle sollten uns zukünftig, aus vielerlei Gründen,
spürbar mehr um eine sichere Grundversorgung mit Lebensmitteln aller Art kümmern. Vermeiden Sie hier unliebsame „Überraschungen“ – völlig abseits der Geldanlage.
Mit den besten Grüßen, Ihr
Martin Stephan
ANMERKUNG DER REDAKTION:
Martin Stephan ist Chefredakteur des Börsendiensts "Wahrer Wohlstand", der sich durch seine sichere Anlagestrategie und schonungslos offene und ehrliche Berichterstattung auszeichnet. Die Empfehlungen von "Wahrer Wohlstand" decken ein breites Spektrum krisensicherer als auch spekulativerer Investments ab. Darüber hinaus bietet Herr Stephan immer wieder auch Absicherungsstrategien und -investments zur Sicherung des eigenen Vermögens in der Krise an. Mehr zu "Wahrer Wohlstand" erfahren Sie hier...
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Bernd (22.01. 2010 18:36 Uhr):
Ich lese normalerweise gerne die Newsletter des Investor Verlags. Nur diesem Artikel kann ich überhauppt nicht zustimmen. Ich frage mich ob der Author nur schlecht recherchiert hat, oder bewußt falsch informiert. Hier meine Entgegnungen zu den Hauptargumenten: - Um schwer zugängliche Reserven zu fördern braucht es nicht nur Kapital, sondern auch Energie. Entscheidend ist hierfür das Konzept des "Energie Return on Investment" EROI . Zu Beginn der Ölföderung in den USA lag das EROI bei 100:1, dh. für die Energie eines Barrels Öls konnte man 100 Barrel fördern. 1970 liegt das mittlere Verhältnis bei ca. 25:1. 1990 zwischen 18:1 und 10:1. Bei den Kanadischen Ölsanden sogar nur bei 7:1-4:1. Bei den aktuellen Funden in Ultra-Deep-Water sieht es auch nicht besser aus. Ab einem Verhältnis von 1:1 oder darunter ist Ölförderung technisch schlicht unsinnig und kann nie wirtschaftlich betrieben werden. - Uran: Seit 1980 übersteigt der Bedarf an Uran die jährliche Produktion. Die Lücke hat sich seitdem ständig erweitert. ZZ wird nur ca. 2/3 des Reaktorbedars aus der jährlichen Produktion gedeckt. Der Rest kommt aus dem Recycling von Atomwaffen. Was passiert wohl wenn diese Bestände aufgebraucht sind? Es gibt Studien, welche vorhersagen, dass 2013 die ersten AKWs aufgrund von Brennstoffmangel deaktiviert werden. Als Konzequenz hat sich der Uranpreis zwischen 2003 und 2007 vverdreizehnfacht! Unter [3] findet man die historischen Ölförderraten aller Länder weltweit. Ich denke die Charts sprechen für sich. Man muß sich verinnerlichen, dass jedes Land, welches im unwiederbringlichen Decline ist, durch Fördersteigerungen in anderen Ländern kompensiert werden muss, um nur die aktuelle Förderrate aufrecht erhalten zu können. Anhand dieser Daten kann jeder selbst überlegen, welchen Ländern er ein solches Potential zutraut. Ad Substitution: Trotz massiver Öl-Preissteigerungen von 2005-heute blieb die täglich geförderte Energiemenge in diesem Zeitraum nahezu konstant. [3] Ein exponentielles Wachstum der Energiegewinnung, wie es unsere wachstumsorientierte Wirtschaft fordert, scheint daher auch bei nicht bei diesen Preisexplosionen möglich. Wie sagt Campbell so schön: "Geologists find oil, engineers exploit it, beware of economists telling you how much is left." [4] Nichts für Ungut, Bernd PS: Ich hoffe, dass Ihr Verlag eine offene Diskussion zulässt und mein Kommentar nicht Ihrer Zensur zum Opfer fällt.
Antworten - Kommentar von Zafolo (24.01. 2010 17:48 Uhr):
Auch ich kann dem Artikel überhaupt nicht zustimmden. Zitat: "Eine Knappheit bzw. ein Überangebot besteht immer nur zu einem fixierten Preis. Verändert sich der Preis, verschieben sich Angebot und Nachfrage." Das stimmt aber nur, wenn es sich um Güter handelt, die sich beliebig produzieren lassen. Erdöl wird aber nicht produziert. Es wird gefördert und verbraucht. Natürlich werden bei einer Verknappung von Erdöl die Preise steigen, und natürlich werden hohe Preise ein Anreiz sein, die Förderung zu erhöhen. Garantiert das aber eine ausreichende Versorgung? Nein. Und zwar, weil man nicht einfach zum doppelten Preis die doppelte Menge fördern kann, sondern weil eine Erhöhung der Förderung in Zukunft eine Vervielfachung des finanziellen Aufwands erfordert. Und der Grund dafür ist die Endlichkeit der Ressource und hier vor allem die Endlichkeit der großen, billig zu fördernden Ölfelder. Interessanterweise weigern sich die meisten Ökonomen, diese Konsequenz der Endlichkeit zu sehen. Um ein einfaches Beispiel zu geben: Ich kann mit einer billigen Zitronenpresse für einen Euro aus einer Zitrone z.B. 50 Milliliter Saft pressen. Mit einer Zitronenpresse für 50 Euro bekomme ich vielleicht 70 Milliliter Saft, aber keine 2500 Milliliter. Denn die Menge an Saft in einer Zitrone ist endlich, genauso wie die Menge an erreichbaren Öl in der Erdkruste. Hinzu kommt noch etwas: Wenn sich der Ölpreis bespielsweise verzehnfacht oder verzwanzigfacht, hat das Auswirkungen auf die restliche Wirtschaft. Die Ölförderung in bestehendem Umfang kann nur aufrecht erhalten werden, solange die restliche Wirtschaft diesen stark wachsenden Aufwand tragen kann. Kann sie das nicht mehr, so kommt es zu dramatischen Rückkopplungseffekten. Ich persönlich habe es beispielsweise nicht nötig, für ein Wochenende für 30 Euro nach Athen zu fliegen und werde das auch nicht tun, wenn es wieder 300 Euro kostet. Ich muß auch keine Erdbeeren kaufen, die aus Mexiko eingeflogen werden, oder Blumen aus Kolumbien. Eine starke Erhöhung des Ölpreises wird aber dazu führen, dass derartige Geschäftsfelder massiv zusammenbrechen, wie man an der Luftfahrtindustrie und der Auoindustrie schon vor 1 1/2 Jahren beobachtete - und dies wiederum wird leider auch mich betreffen, da es in der Wirtschaft ja vielfältige Rückkopplungen und Wechselwirkungen gibt wie in einem Organismus. Zur Frage der Versorgungssicherheit beim Uran, hier möchte ich auf diesen Artikel hinweisen: http://europe.theoildrum.com/node/5631
Antworten - Kommentar von ich nur ich (25.01. 2010 20:21 Uhr):
ich will ja neimandem die hoffnungen verderben - aber nach meinen aktuellen berechnungen ist der zug längst abgefahren. wobei meine berechnungen aufgrund der unsicheren datenlage eher als schätzungen anzusehen sind!!! keine der offiziellen studien (auch nicht IEA , ASPO und Energy Watch Group) berücksichtigt dass der EROEI ständig sinkt (bis 2020 steht uns nach meinen "schätzungen" keine nettoenergie aus erdöl mehr zur verfügung (das EROEI von erdöl in summe (also alle derivate im schnitt) gegenwärtig bei unter 7:1) und dass eine umstellung auf "alternativen" einen zum normalen energieverbrauch zusätzlichen verbrauch erfordert. (auch die unbedingt notwendigen seltenen metalle haben bereits "gepeakt") ebenso wird nicht berücksichtigt das die "gute kohle" (qualität und erreichbarkeit) bereits im 19 jahrhundert verbraucht wurde. zusätzlich wird nicht berücksichtigt dass z.b. kohle eine wesentlich geringere energiedicht als öl besitzt und deshalb auch wesentlich mehr davon verbraucht werden muss um öl zu ersetzten. beim gas ist es das nicht ganz so schlimm aber trotzdem in etwa das selbe - und dass bei exponentiell steigenden verbrauch! mit anderen worten - kohle und gas werden wenige jahre (je nach mir zur verfügung stehenden datensatz) 3 bis 5 jahre nach dem öl "peaken". man hört auch immer "tolle" nachrichten von 25% windenergie und 30% wasserenergie usw... allerdings handelt es sich dabei nur um elektrische energie. wenn man mal den gesamtenergieverbrauch durchrechnet (metallindustrie = kohleenergie; glas/papier/chemieindustrie=gasenergie; transport= ölenergie; heizen=kohle+gas+ölenergie usw. usf) erkennt man das der anteil der alternativen an der gesamtenergie bis dato nur im promillebereich liegt! es wird also definitiv keine große "energiewende" geben... natürlich werden uns in wenigen jahren nur mehr die "alternativen" zu verfügung stehen. aber diese werden nach der gegenwärtigen datenlage nicht in der lage sein den bereits jetzt bestehenden bedarf zu decken und schon gar nicht den exponentiell wachsenden bedarf bei exponentiell wachsender wirtschaft. dazu kommt das man ja fossile benötigt um alternativer herzustellen und die infrastruktur umzubauen - und dass so nebenbei zu normal wachsenden wirtschaft die ja weiterhin exponentiell immer mehr gummienten herstellen will!!! auch wird gerne vergessen das erdöl nicht nur energielieferant ist sondern DER rohstoff für die gesamte petrochemie und dieser nicht durch reine elektronen ersetzt werden kann anstatt von umfangreichen alternativen zu träumen - die ja nur den sinn hätten (wenn sie möglich wären) so weiterzumachen wie bisher - sollten wir uns damit anfreunden auf jeder ebenen fläche ackerbau (ohne pflanzenschutzmittel und chemiedünger = öl;gas) zu betreiben... ölschiefer und ölsande haben einen maximal möglichen EROEI von 1:1,1 bis 1:1,2 und werden im tagebau gefördert. wenn nur 5% des ölverbrauches von 2006 damit ersetzt soll würde TÄGLICH ein abraum in der größe von 4 cheopspyramiden entstehen. es ist technisch nicht möglich - abgesehen vom unsagbaren umweltschaden... methanhydrat würde dem klima den endgültigen rest geben. unsere auf öl basierende kultur/gesellschaft ist längst tot und bewegt sich nur noch aufgrund ihrer "massenträgheit" ein klein wenig weiter... der kollaps steht meiner schätzung nach unmittelbar bevor und wird sich als wirtschaftskollaps "tarnen"... dass es sich um ein rohstoffproblem handelt werden die medien wahrscheinlich erst jahre später berichten... über meine analysen der mittelfristigen zukunft der wirtschaftslage möchte ich hier erst gar nichts berichten (zu schrecklich) - nur soviel: in wenigen monaten wird es kein geld mehr für alternativen geben..........
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