Bei Erreichen streichen oder: Was nun plötzlich daneben gehen könnte
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 28. Juni 2007 07:30 Uhr
ENL5454
Guten Morgen, verehrte Leserinnen und Leser!
Was mich im Augenblick am meisten erstaunt, ist die kollektive Gelassenheit angesichts abrutschender Kurse. Wo ich auch hinblicke, lese oder telefoniere ... nahezu jeder geht im Augenblick davon aus, dass wir uns jetzt gerade mal wieder Einstiegskursen nähern, weil doch die Liquidität so hoch ist (und bei fallenden Gold- und Anleihepreisen ja offenbar immer mehr zunimmt) und wir doch nun schließlich gelernt haben, dass jeder Rücksetzer sofort aufgekauft wird. Also kann man da, so man schon nicht mitmacht, doch zumindest absolut locker bleiben. Aha. Da kommen doch ein paar Fragen auf ...
Nur ein Rücksetzer von vielen? Vielleicht, aber ...
Erstens: Nur weil Liquidität vorhanden ist, muss sie denn dann zwangsläufig in den Aktienmarkt fließen? Könnte es nicht sein, dass manch einer doch noch über einen eigenen Willen verfügt und sich mit Festgeld oder Anleihen zu momentan ja einigermaßen angenehmer Verzinsung begnügt, weil er dem Aktienmarkt eventuell nicht zutaut, kurzfristig noch zuzulegen?
Zweitens: Könnte es nicht auch sein, dass alle zwar darauf bauen, dass irgendwer in Bälde die Kurse schon wieder hochziehen wird – immerhin wird in den Medien ja wie üblich gepredigt, dass da doch so viele noch gar nicht drin seien und sehnlichst jeden Rücksetzer erwarten um einzusteigen – aber diese „irgendwers“ gar nicht existieren? Kann denn jemand in die Köpfe und Konten der übersichtlichen Schar von Millionen von Investoren weltweit blicken und im Voraus erkennen, was diese tun werden ... wenn sie es doch selbst noch gar nicht wissen?
Drittens: Und selbst wenn diese angeblich in ausreichender Menge verfügbaren Investoren mit ungezählten Bargeldmengen existieren und eigentlich entschlossen sind, bei einem Rücksetzer einzusteigen ... könnten die nicht plötzlich ihre Meinung ändern, wenn sonst auch keiner kauft?
Hannemann, geh Du voran ...
Wer will schon der Held sein und in ein fallendes Messer greifen, während um ihn herum alle zusehen, dass sie aus dem Markt herauskommen? Solche Sprüche wie „noch viele nicht investiert“ und „Liquidität ohne Ende“ sind alle wachsweich, schwammig, nicht belegbar und keinen Pfifferling wert. Einerseits eben, weil man dies nicht nachweisen kann. Andererseits, weil es nun einmal selbst bei vorheriger Willensbekundung, kaufen zu wollen, immer das Problem gibt:
Jeder schaut erst mal, ob die anderen auch kaufen. Man will ja nicht daneben liegen. Also gilt: „Hannemann, geh du voran“. Und passiert wider Erwarten und Hoffen nichts, passiert mit den vorher so schön zurecht gelegten Kauflimits das, was immer passiert, wenn es dann überraschend doch zu schnell oder zu weit fällt: „bei Erreichen streichen“.
Die Börse lässt sich nicht mit ein paar Erfahrungswerten kontrollieren, wie es ein neuronales Netz tun würde. Dreimal nach Einbruch eine Rallye mit neuen Hochs ... klick ... biep ... beim viertenmal in den Einbruch kaufen – weil eine Rallye mit neuen Hochs kommen wird. Das haut so nicht hin. Hier agieren Menschen, die keinen entsprechenden physikalischen Gesetzmäßigkeiten unterliegen. Und diese Individuen sind in ihrem Handeln nicht berechenbar – auch nicht, wenn es um die Masse und damit einen breiten Durchschnitt geht. Was bedeutet:
Trotz gestiegener Wall Street: Setzen Sie nicht zu sehr auf eine erneute Rallye!
Es kann ja durchaus sein, dass nun schlagartig wieder eine Rallye die Kurse in die Höhe treibt. Dass der S&P ebenso wie der Dow Jones gestern an der Nackenlinie ihres potenziellen Doppeltops wieder nach oben drehen konnten, ist aber alleine noch kein taugliches Indiz dafür. Dass es unter eine solch entscheidende Linie nicht in einem Satz durchgeht, ist eher normal. Das sollte Sie also besser nicht in Sicherheit wiegen.
Denn gerade der Umstand, dass so extrem viele Kommentatoren und Akteure davon ausgehen, dass „es“ schon wieder steigen wird – selbst aber voll investiert sind, nicht mitmachen sondern erwarten, dass „die anderen“ kaufen, gibt mir sehr zu denken.
Denn wenn es nicht so kommt ... wie viele stehen dann völlig überrascht und unvorbereitet mit vollem Depot vor gebrochenen Trends? Daher: Gerde weil es zuletzt immer schneller immer weiter nach jedem Rücksetzer nach oben ging, erscheint mir die Gefahr besonders hoch. Und sollte es auch diesmal noch mal gut gehen, dann käme es beim fünften Rücksetzer binnen zwei Monaten umso dicker!
Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag – bis morgen!
Ronald Gehrt
The Daily Observer
