Bedenkliche Signale aus dem Irak
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 02. April 2004 18:00 Uhr
ENL5454
Nun muss ich doch einmal wieder über Nachrichten aus dem Irak schreiben. Dabei sind die Nachrichten über die fast täglichen Anschläge und Wirrnisse im Irak mittlerweile in unseren traurigen Frühstücksalltag integriert worden. Das ist natürlich auch eine Form der Stabilisierung, allerdings auf dem Niveau eines permanent latenten Kriegszustandes.
Doch die letzten Anschläge, bei denen vier US-Zivilisten getötet, verstümmelt und auch noch triumphierend zu Schau gestellt wurden, könnte eine Wende einleiten. Die USA haben mit scharfen Reaktionen gedroht und tappen blindlings genau in die Falle, die die irakischen Täter für sie aufgestellt haben. Denn umso aggressiver und brutaler die Amerikaner vorgehen, desto größer wird die Ablehnung in der irakischen Bevölkerung werden. Offenbar war genau das von den Terroristen geplant, wie amerikanische Nachrichtenagenturen heute berichten.
Doch was soll die amerikanische Regierung machen. Solche Bilder sind gefährlich. Der Irak-Krieg, der von der US-Regierung gerne als "sauberer" Krieg verkauft wurde, war auch für viele Amerikaner nur ein Art Fernsehspektakel und gereichte dazu, das amerikanische Gefühl der Überlegenheit zu fundamentieren.
Bilder von verstümmelten und geschändeten Leichen, die unter Triumphgeschrei durch die Straßen geschleift werden, treffen die Amerikaner also auf eine ganz besondere Art und Weise. Es zerstört die Illusion eines sauberen Krieges und zeichnet das hässliche aber wesentlich realistischere Bild eines realen Kriegszustandes, der durch Hass, Fanatismus und Wut gekennzeichnet wird.
Dem Entsetzen werden Fragen folgen. "Ist der Irak solche Opfer wert?" Und natürlich werden auch Erinnerungen an Somalia wach. Vor 11 Jahren waren es letztlich solche Bilder, die dazu führten, dass die amerikanischen Soldaten innerhalb eines Jahres aus Somalia abgezogen wurden. Natürlich ist der Irak allein schon von der Dimension und den Kosten des Einsatzes nicht mit dem Somaliaeinsatz zu vergleichen, aus diesem Grund kann und wird die USA ihre Truppen nicht (so schnell) aus dem Irak abziehen. Andere Lösungen müssen her.
Und so stehen die USA aktuell kurz davor gravierende Fehler zu machen. Fehler, die das Potential haben, aus dem Irakkrieg einen zweiten Vietnamkrieg werden zu lassen. Racheaktionen, so wie sie Zivilverwalter Paul Bremer angekündigt hat, werden wenig fruchtbar sein und nur zu einer Verschärfung der Situation führen.
Die Gruppe, die sich zu den Anschlägen bekannt hat, nennt sich "Gruppe des Scheichs Ahmed Jassin." Jassin war vor kurzem durch eine gezielte Militäraktion von Israel getötet wurden. Hier zeigen sich die ersten Auswirkungen auch für die USA nach dieser Tat.
Aus Spanien wird gerade gemeldet, dass einen Bombe mit 10–12 Kilogramm Sprengstoff an der Bahnstrecke zwischen Madrid und Sevilla gefunden wurde. Diese Bombe wurde durch Zufall entdeckt, sonst wäre es offenbar zu einem weiteren Anschlag gekommen. Es besteht kein Zweifel, es wird in den nächsten Jahren zu einer Vertiefung eines Konflikts zwischen der westlichen Welt und moslemischen Fundamentalisten kommen. Wir werden uns Wohl oder Übel auf die damit verbundenen Unsicherheiten einstellen müssen, auch an den Börsen. Ein wirkliche Sicherheit wird es nicht mehr geben.