Baisse-Mix - gleich drei Haare in der Suppe
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 14. Juli 2006 07:30 Uhr
ENL5454
Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser!
Ich bin unentschlossen, ob ich die drei Haare, die die Bullen gestern früh in ihrer Suppe fanden, als „apokalyptische Haare“ bezeichnen sollte. Es müssten ja dann eigentlich vier sein, ob es nun Haare oder Reiter sind ... aber ich würde mich nicht wundern, wenn sich Haar Nummer vier in der kommenden Woche noch hinzu gesellt und damit den Baisse-Mix komplettiert. Ich habe keine Ahnung, was dies sein könnte, aber wir haben ja ausreichende Auswahl. Die Bereiche, die gestern ausnahmsweise keinen Ärger gemacht haben sind Konjunkturdaten, Rentenmarkt, Euro/Dollar und die Industriemetalle. Und alle vier Sektoren stehen in brisanten Ausgangssituationen, um sich für die Aktienmärkte als Problem Nummer vier zu etablieren. Aber:
Haar Nummer 1: Instabilität im Nahen Osten
Drei „bad news“ reichten schon, um die meinerseits befürchteten Verkaufssignale an den Aktienmärkten auszulösen. Gleich vor Börsenbeginn kam die Nachricht, dass der Iran sich ab sofort keinen Deut mehr (hatte er das mal?) um irgendwelche Resolutionen irgendwelcher Vereinten Nationen scheren werde. Zugleich weitete Israel seine kriegerischen Handlungen im Libanon aus. Ein düsterer Hauch von politischer Instabilität wehte über das vorbörsliche Parkett und sorgte für kräftige Verkäufe an den europäischen Börsen. So lange die Lage nicht eskaliert, wird sich in dieser Hinsicht ein „Gewöhnungseffekt“ an den Märkten einstellen ... aber bei dergleichen unberechenbaren Situationen sollte man nicht zu sehr auf eine Beruhigung der Lage wetten.
Haar Nummer 2: Rohöl im Steigflug
Die logische Konsequenz der unerfreulichen Nachrichtenlage im Nahen Osten war ein erneuter, deutlicher Anstieg des Rohöls. Damit haben wir jetzt Rekordhochs erreicht. Und, Sie sehen es im Chart, es ist nicht unbedingt damit zu rechnen, dass die Kurse jetzt schnell wieder zurückkommen. Im Gegenteil: Mit dem Anstieg über die bisherigen Hochs (was für alle Rohölsorten genauso gilt wie für die abgebildete Sorte WTI) haben wir in diesen eine markante Unterstützung, zugleich zeigen alle wichtigen markttechnischen Indikatoren nach oben, ohne aber bereits eine Überhitzung anzudeuten. Mit einem Kurs von 76,32 US-Dollar per Fass am gestrigen späten Abend sind wir der Marke 80 Dollar schon nahe. Und ich erwähne die 80 nur, weil es eine „runde Zahl“ ist, keineswegs, weil dort schon Schluss sein müsste.
Haar Nummer 3: Hightechs mit Problemen
Es ging ja ohnehin schon bergab, aber nein, es muss trotzdem noch etwas dazukommen. Nach dem Motto „darf es noch etwas mehr Baisse sein“ meldete der Softwarekonzern SAP am Nachmittag „ad hoc“, dass die Umsätze im 2. Quartal deutlich unterhalb den Erwartungen liegen würden. „Ad hoc“ heißt quasi aus der Hüfte, sofort und (für den Markt) überraschend. Die eigentlichen Zahlen sind erst kommende Woche dran (siehe auch unten). Ad hoc-Meldungen werden nötig, wenn kursrelevante Informationen vorliegen und – Sie sehen es im Chart – diese Nachricht war kursrelevant. In der ersten Panikreaktion soff der Kurs binnen Minuten um zehn Prozent ab, erholte sich zwar, sieht aber dennoch mies und bearish aus. Die Aktie notierte im Tagesverlauf sogar auf einem neuen Jahrestief.
Kein gutes Zeichen für den gesamten Technologiesektor, nachdem ja bereits mehrere US-Unternehmen Gewinnwarnungen veröffentlichen mussten. Und solche Enttäuschungen hatten die Investoren gar nicht auf der Rechnung ... wir haben also noch einen Belastungsfaktor mehr.
Der Dax geht in die 2. Bären-Runde
Fassen wir mal zusammen: Wir haben als Belastungselemente für den Aktienmarkt die Gewinne, die Zinsen, die Konjunktur, die Devisen, das Öl, die Nahostkrise und die Metallpreise. Als positives Gegengewicht fällt mir nur ein: Wir sind Dritter bei der WM geworden. Mehr finde ich nicht. Und das spiegelt der Dax-Chart auch wieder. Nebenbei: Der Nasdaq 100 hat seine Verkaufssignale gestern bestätigt und auch Dow und S&P sind deutlich weiter abgesackt.
Ich habe Ihnen im Chart mal den Dax so abgebildet, wie er um 21:15 Uhr auf Basis des Dax-Future stand, sprich den Future auf den Dax umgerechnet. Mit diesem Stand hat der Dax gestern folgende Verkaufssignale generiert:
- Bruch des kurzfristigen Aufwärtstrendkanals- Bruch des 20 Tage-Durchschnitts- Bruch des 200 Tage-Durchschnitts- Bruch der horizontalen Unterstützungszone 5.550/5.600
Respekt, das muss man an einem Tag erst mal hinbekommen. Der MACD steht zudem kurz vor einem Verkaufssignal, das unweigerlich kommt, wenn der Dax heute nicht eine Super-Trendwende nach oben vollziehen sollte. Aus dieser Konstellation lässt sich folgendes erwarten:
Die Perspektiven deuten auf Dax 4.xxx
In jedem Fall ist jetzt ein Test der bisherigen Jahrestiefs knapp unter 5.300 recht zügig zu erwarten. Natürlich wird es nicht jeden Tag einfach weiter abwärts gehen, aber es stehen den Bullen einfach keine Argumente zur Verfügung, um effektiv dagegen zu halten. Und ich will mich mal aus dem Fenster lehnen:
Wenn sich das Umfeld nicht zügig und deutlich bessert – und das sollte mich wundern – werden wir im Dax in diesem Sommer auch Kurse unter 5.000 sehen ... wenn es übel kommt, sogar deutlich darunter. Ich hatte in dieser Konstellation ja mehrfach dazu geraten, vorsichtig erste Positionen abzubauen. Noch kann das alles eine Bullenfalle sein, noch kann der Dax zumindest an das Ausbruchslevel aus dem Trendkanal um 5.600 zurücklaufen und damit ein Pull-Back vollziehen. Aber man sollte jetzt Stück für Stück ein wenig abgeben, um in diesem Sommer nicht zu sehr mit Aktien bepackt zu schwitzen. Und eines möchte ich unbedingt unterstreichen: Das sind jetzt mit einer Wahrscheinlichkeit von 90:10 keine Schnäppchenkurse um einzusteigen!
Ich wünsche Ihnen einen schönes Wochenende – bis Montag!
Ronald Gehrt
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