Bärenmarktrallye vorbei?
unserem Korrespondenten Eric Fry in Manhattan in Investors Daily
vom 10. Dezember 2002 18:00 Uhr
ENL5454
Die Kursgewinne an der Wall Street scheinen gestoppt zu sein. Gestern ging es besonders mit den Technologiewerten rasant bergab. Während die Aktien fallen, gibt es schlechte News von der wirtschaftlichen Front. Bereits letzten Freitag wurden die neuesten Arbeitsmarktzahlen gemeldet: Die US-Arbeitslosigkeit stieg von 5,7 % auf 6,0 %, die Wirtschaft baute netto 40.000 Arbeitsplätze ab.
Währenddessen haben in den letzten 3 Monaten die amerikanischen Arbeitgeber den Abbau von weiteren 400.000 Jobs angekündigt, womit die Zahl der insgesamt in diesem Jahr angekündigten Arbeitsplatzverluste auf 1,3 Millionen gestiegen ist (Quelle: Challenger, Gray & Christmas). Angesichts dieses schockierenden Trends war es nicht überraschend, dass in den 12 Monaten bis zum 30. September 2002 eine Rekordzahl von 1,55 Millionen Amerikanern persönlichen Bankrott anmeldete (+7,7 % gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum).
Wenn sich die Wirtschaft tatsächlich so schön erholen würde, wie die Analysten derzeit sagen, dann sollte die Arbeitslosigkeit doch eigentlich fallen, oder? Irgendetwas stimmt doch nicht ...
"Die weiterhin schwache Wirtschaftslage und das enttäuschende Bild beim Arbeitsmarkt sind die zwei großen Gründe, die uns davon überzeugen, dass der starke Anstieg der Aktienkurse in den letzten beiden Monaten nicht mehr als eine Bärenmarkt-Rallye war", so Alan Abelson in der aktuellen Ausgabe des Barron's Magazins. "Aber abgesehen von den Fundamentals stört mich am Markt die Rückkehr der Spekulationsblasen-Mentalität ... die letzten Rückstände dieser Ära sind noch nicht vollständig abgebaut ..."
Während wir hier Ihnen oft unsere Meinung über die Inflation/Deflation-Debatte geben, gibt auch der Goldmarkt seine Antwort auf diese Diskussion. Das gelbe Metall sagt zwar nicht viel, aber es kann ein sehr interessantes Bild malen. Und dieses Bild scheint inflationär zu sein. Gold stieg letzte Woche per saldo um 9 Dollar auf 327,10 Dollar pro Unze ... plötzlich wird der Goldmarkt sehr interessant.
Ein Abschiedswort an den US-Finanzminister Paul O'Neill. Ich werde seinen Charme, seine Intelligenz, und besonders seine makroökonomischen Erkenntnisse vermissen. So wie diese: "Der beste Weg, um Armut zu beseitigen, ist, die Einkommen der Leute zu erhöhen."
Während seiner relativ kurzem Zeit an der Spitze des amerikanischen Finanzministeriums war O'Neill nicht so ineffektiv, wie er unsichtbar war ... außer dann, wenn er seinen Mund öffnete. Jim Grant bemerkte dazu vor rund 1 1/2 Jahren: "Der Finanzminister hat die Presse mit Aufrichtigkeit und direkten Worten überrascht. Obwohl er für manche Indiskretionen harsch kritisiert worden ist, hat er eigentlich nur die Dinge beim Namen benannt. Er hat Pik (Farbe beim Kartenspiel) Pik genannt. Allerdings gibt es ein Problem mit O'Neill: Er neigt auch dazu, Herz Pik zu nennen, oder Kreuz Pik zu nennen, oder Karo als Pik zu bezeichnen."
Von Zeit zu Zeit erschien O'Neill in der Öffentlichkeit, um eine geistlose Bemerkung über den Dollar abzugeben. Aber sonst schien er nicht viel zu machen. Leider geriet der Dollar unmittelbar nach dem Amtsantritt von O'Neill in einen Abwärtstrend. Das war wahrscheinlich nur Zufall. Immerhin kann man dem Mann sicherlich nicht vorwerfen, dass Amerika jeden Tag rund 1,5 Milliarden an ausländischen Kapitalimporten benötigt, um seine Defizite zu finanzieren.
"Ehrlich gesagt, tut es mir leid, Mr. O'Neill gehen zu sehen", schreibt Alan Abelson. "In Bezug auf die Wirtschaft lag er selten richtig, er hatte keine Ahnung davon; aber er hatte zumindest niemals Zweifel."