Bärenfutter?
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 12. April 2007 18:00 Uhr
ENL5454
Es war ja klar, eigentlich verhält sich die Fed genau wie vorhergesagt. Wie Sie wissen, hatte ich geschrieben, dass die Fed keine verbale Zinssenkung gebrauchen kann und darum bemüht sein wird, die Märkte davon abzubringen, mit einer baldigen Zinssenkung zu rechnen.
Denn die US-Aktienmärkte selbst brauchen noch keine Unterstützung, sondern der US-Immobilienmarkt und der US-Konsum. Und genauso fiel dann auch das Sitzungsprotokoll aus. Aus diesem ging hervor, dass die Fed mit der Formulierung im letzten Statement sich lediglich alle Optionen offen halten wollte, nicht jedoch Zinserhöhungen generell ausschließen wollte.
Eine Überzeugung weniger
Damit verschwand eine Überzeugung des Marktes, und das wurde eingepreist. Aber man muss sich nur überlegen, was weitere US-Zinserhöhungen für eine katastrophale Signalwirkung hätten. Der US-Immobilienmarkt würde unter noch stärkeren Druck geraten, das in Bedrängnis geratene US-Wirtschaftswachstum würde wahrscheinlich auf Minuswerte sinken und dann würden auch die Märkte wahrscheinlich in einen Crashmodus übergehen. Denn, dass sie dafür anfällig sind, das konnte man im März sehen.
Ich glaube nicht an eine Zinserhöhung
Nein, eine Zinserhöhung wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht geben. Es sei denn, die Inflation würde tatsächlich massiv ausufern, dann hätte die Fed keine andere Wahl. Jede Notenbank dieser Welt würde lieber eine Rezession riskieren, als eine „galoppierende Inflation“ die schlussendlich eben auch in einer Rezession enden würde. Aber soweit sind wir noch nicht.
Die innere Stärke des Marktes
Jedoch ist die Hoffnung auf eine baldige Zinssenkung nun ebenfalls aus dem Markt genommen worden. Es ist nun interessant zu sehen, wie der Markt darauf reagiert. Wird er nun wieder fallen, dann wissen wir, dass tatsächlich lediglich auf eine Zinssenkung gesetzt wurde. Wird er weiter steigen, dann wissen wir, dass immer noch Liquidität Hirn frisst. Sprich die Kurse steigen aufgrund der niedrigen Zinsen im Vergleich zur hohen Inflation, weil das Geld einfach nicht weiß, wohin es sonst noch soll.
Trotzdem, Sie kennen mich, ich beleuchte immer beide Seiten der Börsenmedaille. Also kommen wir heute zu einigen bearishen Gedanken.
Das Ende des Trends?
Vielleicht erinnern Sie sich noch, ich hatte als Kursziel für den Dax 7200 Punkte angegeben, und das schon Mitte letzten Jahres. Hintergrund war dieser Chart gewesen:
Ich hatte von einer 5er Welle geschrieben. Die Eins, Drei und Fünf waren Aufwärtsbewegungen und die Zwei und Vier Abwärtsbewegungen. Trends verlaufen gerne in diesem Muster. Da die Drei länger als die Eins war, musste man davon ausgehen, dass die Fünf genauso groß ausfallen würde, wie die Eins (blaue Kästen). Daraus ergab sich ein Kursziel von 7200-7400 Punkten. Ja, und in dieser Woche haben wir diese Zielzone erreicht.
Auf Umkehrformationen achten
Sollte sich nun abzeichnen, dass sich unter dieser Marke eine große Umkehrformation ausbildet, zum Beispiel eine Schulter-Kopf-Schulterformation oder ähnliches, dann müsste man sehr, sehr vorsichtig werden und so langsam auf die Bärenseite wechseln, zumindest bis zum Herbst/Ende des Jahres
Ein andere Variante ist, dass wir an dieser Marke erst einmal eine Konsolidierung erleben werden, welche die Märkte einige Zeit beschäftigen wird. Aber auch das wäre zu erkennen.
Die bullishe Variante
Doch, vielleicht erinnern Sie sich, ganz viele Analysten hatten dann im letzten Jahr, etwas später als wir im Investor's Daily auch diese 7200-7400er Marke im Visier. Das bedeutet, viele Banken und Institutionellen haben ihre Zielmarken erreicht und vielleicht schon verkauft. Wird diese Marke jetzt deutlich und nachhaltig gebrochen, dann ist das Allzeithoch im Dax bei 8136 Punkten fast sicher! Das wiederum passt zu dem Szenario von gestern, der Beschleunigung nach dem Bruch des Aufwärtstrends nach oben.
Und diese charttechnischen Szenarien passen dann auch wieder zu dem, was ich oben geschrieben habe: Wenn die Amis nun, nachdem die Zinssenkungshoffnung (erst einmal) aus dem Markt genommen wurde, weiter steigen, dann ist einfach zu viel Liquidität im Markt – dann geht es weiter, und dann wird der Dax seine Outperformance mit hoher Wahrscheinlichkeit auch deutlich fortsetzen.
Wir haben auf jeden Fall eine wichtige Marke erreicht – die nächsten 200-300 Punkte werden viel über die Verfassung des Marktes verraten.
