Aussichten von der Küste
J. Christoph Amberger in Baltimore in Traders Daily
vom 24. April 2007 12:00 Uhr
ENL5454
Was tut man mit einem Haus voll Jugendlicher an einem regnerischen Tag? Normalerweise stellt das kein so großes Problem dar. Man fordert sie auf, ihre Zimmer aufzuräumen, ihre Musikinstrumente zu üben, ihre Hausaufgaben nachzuholen oder etwas anderes Produktives oder Charakterbildendes zu tun.
Wenn man unter einer Wolkendecke in einem Bergressort aufwacht, dann ist die Lösung vermutlich noch einfacher. Man sagt ihnen einfach, sie sollen den Fernseher etwas leiser stellen und weiterschlafen. Dummerweise führte der Mangel an „Produktivität“ und „Charakter“ bei diesem Ansatz dazu, dass es für mich bald zu schwer wurde, ihn durchzuziehen.
Ganz in diesem Sinne habe ich meine Truppe versammelt, die sich beklagte und ganz plötzlich sehr daran interessiert war, ein Buch zu lesen, welches sie während der gesamten vergangenen Woche hatten links liegen lassen, und habe sie zum Lake Lure geschleift. Mein Plan: Die jugendlichen Energien erschöpfen, indem man Kajaks mietet.
Was die versammelten Menschenmengen anbelangt, war der Entschluss ein absoluter Geniestreich. Niemand sonst wagte sich bei knapp acht Grad auf das Wasser. Wir hatten den gesamten See für uns. Zumindest soweit man einen See für sich haben kann, bei dem eine ganze Reihe von Luxuswohnhäusern und Apartments an fast jedem Zentimeter der Küstenlinie aufgereiht sind.
Lake Lure ist nicht wirklich ein Meisterwerk der Natur. Tatsächlich gab es bis in die späten zwanziger Jahre überhaupt keinen See, nur einen Fluss, den einige gewitzte Unternehmer gestaut hatten, so dass er die angrenzenden Täler füllte. Aber augenscheinlich hat es bis heute gedauert, auf jeden Quadratmorgen ein 500.000-Dollar-Haus zu stellen – sowohl vertikal als auch horizontal. Verbesserungen der Bautechnologie und der Materialien – ganz zu schweigen von dem beispiellosen Ausbruch amerikanischen Wohlstands – haben es heute möglich gemacht, Ferienhäuser auch an die steilsten und erodiertesten Felsnasen rauer Kiefern und roter Erde zu stellen.
Ich habe den Jungen bei der Vermietung gefragt, ob es noch unerschlossenes Land gäbe, dass man entdecken könne. Er wies auf einen Hügel über einer Höhle, der die vielsagenden roten und gelben Markierungen frischer Baustellen aufwies. „Das Stück Land war im Besitz einer alten Dame, die es ablehnte zu verkaufen. Ihre Nichten und ein Neffe entschlossen sich, das Land ohne ihr Wissen schätzen zu lassen. Sie fand es heraus und spendete das Land an ein örtliches Gemeinschaftscollege. Und die gingen hin und verkaufen es an einen Bauunternehmer. Es tut mir leid, aber das ist alles, was wie haben.“
Uns ist es dennoch gelungen, hin und wieder einen Eisvogel oder sogar einen Fischadler vorbeifliegen zu sehen, der einen zappelnden Fisch in seinen Klauen hielt.
Durchnässt von gelegentlichen Schwällen drei Grad kalten Wassers, die meine achtjährige Tochter versehentlich mit ihrem Paddel in Richtung ihres alten Herrn beförderte, kehrten wir nach einer Stunde auf dem Wasser an den Strand zurück. Da das Vater-Tochter Team wesentlich besser zusammengearbeitet hatte als das andere Boot, beobachteten wir von einem verlassenen Strand aus, wie die Jungs ihr Kajak zurück an die Küste manövrierten Wie ein betrunkener Wasserkäfer schien das leuchtend orange Fahrzeug gegen das Grau des Himmels und des Wassers.
Ihr Beitrag zu den Anstrengungen des Teams spiegelte die Persönlichkeit: Hinten der dunkelhaarige, schlacksige Teenager von 1,90 Meter Länge, dessen sparsame Anwendung von Arbeit und dessen Unfähigkeit sich auf das einzustellen, was ein anderer tut, waren verantwortlich für den vollständig ungleichmäßigen Schlag. Und vorne der blonde, blauäugige, zehnjährige Wikinger mit den doppelten Haarwirbeln, der das Kajak mit reiner Gewalt und Begeisterung nach vorne trieb, trotz der „Steuerung“ seines Bruders.
Eingerahmt von einer Viertelmilliarde Dollar Eigentum entlang einer Küstenlinie, war ich mir nicht sicher, ob es ein angemesseneres Bild von Amerika geben kann.
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