Aufgespießt
Axel Retz in DAX Daily
vom 04. September 2006 08:30 Uhr
ENL5454
Champions League, Birdie und Bogey, Golden Goal, Hattrick, Return, Pole Position, Break, Matchball – die Sprache im Sport passt sich mehr und mehr dem etwas bei den Deutschen Telekom oder Siemens gesprochenen Deutsch an.
Nur Spießer mögen das nicht. Wobei auch dieses Wort ja schon vereinnahmt wurde. Beispielsweise von den Freunden der Waidmannskunst. Bei ihnen ist ein „Spießer" nämlich ein Bock mit Erstlingsgeweih. Ha, jetzt wissen Sie es. Und ich bin es los. Ein Bock allerdings ist ein junger Hirsch. Und ein Erstlingsgeweih besteht aus zwei einfachen Hörnern ohne Abzweigungen.
Sollten Sie solch einem Spießer einmal ganz direkt gegenüberstehen, dann übrigens nicht Auge in Auge. Denn seine Augen heißen Lichter.
Die Nachrichten vom Wochenende lassen allerdings vermuten, dass der Titel Spießer schon bald neue Begehrlichkeiten wecken könnte. Wie bekannt, nimmt in Bayern der Gammelfleischskandal wieder neue, dramatische Formen an.
Gleich tonnenweise wurde, so die Nachrichten, verdorbenes Wild- Geflügel- und Dönerfleisch beschlagnahmt, das teilweise vier Jahre überlagert war, ohne dass den turnusmäßig kontrollierenden Behörden die besagten Lichter aufgingen.
Wildfleisch? Ok. Geflügelfleisch? Auch Ok. Wie aber sieht ein Döner aus? Und warum eigentlich sagt uns niemand etwas darüber? Ist er/sie/es ein heimisches Tier, überhaupt ein Tier, oder wachsen die Döner-Frischlinge/Welpen oder sonst wie in der Türkei (auf)?
Fest steht (und zwar wirklich fest), dass das Döner ein gradliniges Rückgrat aus Metall hat, das sich in einen Schwanz fortsetzt. Und dem verleihe ich den Titel Spieß. Innere Organe besitzt dieses Lebewesen offensichtlich auch nicht, wohl aber einen direkt die Wirbelsäule umlagernden, ringförmig angeordneten, muskulösen Körper.
In stoisch durchgehaltener, aufrechter Haltung vermag das (oder doch der?) Döner selbstverliebt langsam um seinen Spieß zu kreisen, um hurtig die uns im angeblichen Sommermonat August versagte Bräune zu erlangen. Sonnenbankfreunde sollten über ein ähnliches Verfahren nachsinnen, um der Mitwelt frohsinnige Reisen zu suggerieren.
Ich frage mich allen Ernstes, was passieren könnte, wenn solch ein muskulöser Döner in freier Wildbahn auf einen seinem Tagewerk nachgehenden, normalen Spießer trifft. Wenn Sie eine Idee haben, schreiben Sie mir.
Nicht mehr aufgespießt kommen sich die Anleger an den internationalen Rentenmärkten vor, an denen sich zuletzt alles um das Thema Inflation gedreht hatte. Das Thema scheint gegessen, und der Markt beginnt fallende Zinsen einzupreisen. So winkte die EZB in der abgelaufenen Woche zwar mit weiteren Leitzinsanhebungen, die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihen hat jedoch seit ihrem Hoch Anfang Juli von 4,14 auf 3,75 Prozent nachgegeben.
An den Zusammenhängen des internationalen Zinsgefüges und der Inflationsentwicklung interessierten Lesern möchte ich wärmstens eine Kolumne der heutigen Financial Times Deutschland empfehlen: http://www.ftd.de/meinung/leitartikel/110027.html