Auf und Ab in den Pampas
Bill Bonner in Investors Daily
vom 08. November 2005 18:00 Uhr
ENL5454
Auch wenn das sehr unwahrscheinlich klingt, aber einmal bin ich aufgefordert worden, eine fremde Regierung zu beraten.
Draußen in den weiten Ebenen Europas liegt eine trostlose Nation namens Weißrussland. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erkannten die Parteileute, die damals für das Land zuständig waren, die Notwendigkeit, die Dinge anders zu regeln. Aber an dieser Stelle fing die Idee auch schon an, sich zu verlieren. Das einzige, was ihnen dazu einfiel, war, "Experten" aus dem Westen ins Land zu holen, um sich von ihnen erklären zu lassen, wie sie ihre Wirtschaft "reformieren" könnten. Es ist ein gutes Maß für die Überzeugungskraft des Autors dieser Zeilen, dass Weißrussland bis heute unter den Nationen in Osteuropa am rückständigsten und aussichtslosesten dasteht.
Doch in der heutigen Ausgabe geht es nicht um Weißrussland oder Osteuropa. Es geht um eine Gegend, die seit kurzem meine Aufmerksamkeit erweckt hat ... nicht die Steppe, sondern die Pampas. In Länder zu investieren ist ein Spiel. Man hat nicht nur keine Ahnung, welche Karten man auf der Hand haben wird, man hat auch noch den schleichenden Verdacht, dass derjenige, der die Karten austeilt die ein oder andere im Ärmel versteckt hat. Und doch denke ich, alles in allem, dass Argentinien die Wette dennoch wert sein könnte.
Ich habe Weißrussland nur deshalb erwähnt, weil mir dadurch eine Idee kam. Ich stellte fest, dass ich ebenso kulinarische Tipps an Kannibalen hätte geben können.
"Nun ... vielleicht sollten sie sich zu canard a l'orange entschließen", würde ich vielleicht vorschlagen. "Nur zu schade, dass sie weder Canard noch Orange haben."
Eine Ökonomie ist eine natürliche Sache. Jeder muss seinem eigenen Weg folgen. Das einzige, was die öffentlichen Vertreter tun können, ist, sicher zu stellen, dass das Privateigentum durch Gerichtshöfe geschützt wird. Darüber hinaus sollten Sie sich so wenig wie möglich einmischen und die Einschränkungen, Steuern, Genehmigungen, Verbote, Schmiergelder und Vergütungen abschaffen, die den Handel hemmen. Das ist natürlich das allerletzte, was die öffentlichen Vertreter wollen und in Weißrussland wäre es nur über die Leichen einiger der Menschen möglich gewesen, die ich beraten habe. Was mir Recht gewesen wäre, aber ich hatte nicht die Mittel, sie außer Gefecht zu setzen, oder ihre Freunde davon abzuhalten, diesen Gefallen zu erwidern. Also war die gesamte Reise nur eine groteske Farce.
Vor dem Zweiten Weltkrieg war Argentinien eines der reichsten Länder der Erde. "So reich wie ein Argentinier" lautete eine Redewendung in England. Zwischen den Kriegen hoffte der niedere englische Adel, den das Glück verlassen, der den Manieren aber treu geblieben war, dass man die Töchter an reiche argentinische Plantagenbesitzer verheiraten könnte. Einigen ist das gelungen.
Aber dann ist Argentinien in einen Schlammassel der Politik abgerutscht, wovon man sich nie richtig erholt hat. Wirtschaftliches Wachstum gab es nur punktuell. Die Inflation war chronisch. Immer mehr Regeln wurden aufgestellt um dies zu vermeiden ... das zu beenden ... und etwas Drittes zu hemmen. Die Arbeitsgesetzte machten es in den Wachstumszeiten schwer, Leute einzustellen. Aber 1989 schien das Land auf seinem Tiefstpunkt angekommen zu sein. Die Inflation erreichte in diesem Jahr 3.000 %. Bald danach sagte man den Argentiniern, sie sollten sich an die Arbeit machen und aufhören sich zu beklagen.
Bis 1997 gab es eine Wachstumsrate von 9 %, aber es gab Probleme. Das Land verbrauchte und investierte mehr, als es verdiente. Und ein seltsames System der internationalen Finanzen führte die Argentinier auch noch in die Versuchung, noch mehr Geld zu leihen. Fondsmanager kauften die Schulden der aufkeimenden Wirtschaft basierend auf einem Index der Kreditnehmer. Dieser hatte zur verqueren Folge, dass die Verfügbarkeit von Krediten in den Ländern am stärksten zunahm, die die meisten Kredite aufnahmen. Somit hat Argentinien immer mehr Kredite aufgenommen und wurde so ein noch größerer Teil des Indexes der Schulden der aufstrebenden Märkte. Warum die Menschen Fondsmanager bezahlen, damit diese den Indices folgen, weiß ich nicht; aber genau das haben sie getan. Je mehr Geld Argentinien schuldete, desto mehr wollten die Fondsmanager die Schatzanleihen kaufen.
Es fiel den Argentiniern 1990 keinen Deut leichter, der Schwemme von Krediten zu widerstehen, als es heute den Amerikaner fällt. Bis zum Ende dieser Phase hat die Fremdverschuldung Argentiniens 150 Milliarden Dollar ausgemacht. Das sind Peanuts für die Vereinigten Staaten, aber für ein Land wie Argentinien ist es eine Menge Geld. Einige wenige kluge Fondsmanager sahen die Katastrophe kommen (darunter die asiatischen Zentralbanken, nehmen Sie das zur Kenntnis). Sie verkauften die argentinischen Anleihen. Schon bald steckte das Land wieder in einer Krise, unfähig, die Schuldenzahlungen zu leisten. Im Dezember 2001 kam es zu Aufständen und Plünderungen. Präsident De la Rua entschied, dass es besser sei, den ausländischen Kreditgebern vor den Kopf zu stoßen, als die Einwohner mit ernsten Maßnahmen zu verärgern. Noch ehe der Monat vorbei war, ging Argentinien mit der größten Kreditaufkündigung aller Zeiten in die Geschichte ein.
Es gibt viele Möglichkeiten, eine Wirtschaft in den Ruin zu treiben. Argentinien hat mit den meisten davon experimentiert. Man hat die Währung entwertet und dann neu bewertet. Man hat sie angebunden und dann die Anbindung wieder gekappt. Man hat reguliert, kontrolliert, inspiziert, besteuert und konfisziert. In der Folge der Krise von 2001 fielen die Löhne um 30 % – und die Hälfte der Nation rutschte unter die offizielle Armutsgrenze. Bemerkenswert daran ist nur, dass die argentinische Wirtschaft das alles überleben konnte.
Ich kam in den Genuss eines Leserbriefes von einem Einwohner Argentiniens, der die Finanzgeschichte des Landes für mich in die richtige Perspektive gerückt hat.
"Ich bin 72 Jahre alt und ich schreibe aus Argentinien. Es ist wirklich wert, sich anzusehen, was im Laufe der Jahre in Argentinien passiert ist. Das Land wird rund alle fünf Jahre verrückt. Man hat die schmerzhafte Erfahrung machen müssen, dass es besser ist, ein Kreditnehmer zu sein, als ein Kreditgeber, wenn die Zeit kommt. Wenn es irgendwie knapp wird, dann werden die Kreditnehmer, die in der Überzahl sind, immer irgendwie von den Politikern geschont, die ihre Stimmen brauchen. Ich kann nicht erkennen, warum das nicht auch in Amerika gelten sollte."
Ich auch nicht.
Im September verkündete die argentinische Wirtschaft den 37. Wachstumsmonat in Folge. Dieses Jahr rechnet man mit einem Wachstum von 7,3 %, für das folgende Jahr wird ein Wachstum von 5,6 % erwartet.
"Die Regierung hat verdammtes Glück gehabt", sagt Luis Secco, ein Berater aus Buenos Aires.
Und da habe ich auch den großen Unterschied zwischen den Vereinigten Staaten und Argentinien gefunden. Wenn es in einem Land wie Argentinien gut läuft, dann hat es das dem Glück zu verdanken. Nördlich des Rio Grande dankt man jedoch weder den Sternen noch dem Schicksal. Stattdessen jubelt man dem Chef der Fed zu und klopft sich selber auf den Rücken.
Die argentinischen Wirtschafter haben sogar versucht, das gute Glück mit einem "Glücks-Index" messbar zu machen – er misst die Auswirkungen globaler Gegebenheiten. Der Index erreichte im vergangenen Jahr einen Höchstwert von 9,8 (auf einer Skala mit 10 Punkten). Dieses Jahr rechnet man mit einem Wert von ungefähr acht.
Gleichzeitig ist der Regierungshaushalt im Plus (vor den Zahlungen der Zinsen.) Die Reserven fremder Währungen steigen. Fremde Schulden sind als Satz des Bruttoinlandsprodukts auf 40 % gesunken. Die Inflation liegt bei unter 10 %. Die Handelsbilanzen sind positiv. Und die Wirtschaft wächst doppelt so schnell wie die amerikanische.
Aber was die Amerikaner im Übermaß besitzen – Zuversicht und Kredit – daran mangelt es Argentinien. Versuchen Sie nur mal ein Haus in Buenos Aires oder eine Ranch auf dem Land zu kaufen. Niemand wird Ihnen einen Kredit geben. Während Alan Greenspan die Solidität der amerikanischen Wirtschaft hervorhebt, sprechen die argentinischen Vertreter von der Zerbrechlichkeit der eigenen Wirtschaft. Während die amerikanischen Ökonomen nach vorne blicken und nur den Fortschritt sehen, blicken die argentinischen Wirtschaftler nach vorne und sehen nur Unentschlossenheit und Rückschläge. Sie warnen vor einer Inflation, sie warnen vor sozialen Unruhen.
Während die Amerikaner meinen das Glas sei halbvoll, sehen die Argentinier ein Glas, in dem es staubtrocken ist.
Ich weiß nicht, wie man die wirtschaftlichen Probleme Argentiniens lösen könnte. Aber es gibt Beweismaterial, das dafür spricht, dass Zuversicht sich zyklisch verhält. Nachdem man so lange so weit unten war, erwarte ich, dass die Zuversicht in den Pampas steigen wird. In Amerika wird sie wahrscheinlich mit den Preisen für Vermögenswerte die andere Richtung einschlagen.