Miriam Kraus ist eine gesuchte freiberufliche Finanzanalystin, deren besondere Kennzeichen die hartnäckige Recherche und ein Gespür für wesentliche Aspekte sind.
Miriam Kraus in Rohstoff Daily zum Thema Ratingagenturen
vom
...befindet sich Deutschland, wenn es nach der Rating-Agentur Moody's geht. Diese hat ja nun den Ausblick für die Kreditwürdigkeit Deutschlands auf negativ gesenkt (wie bei den USA). Eigentlich ziemlich peinlich, ab sofort auf einer Stufe mit dem Land zu stehen, das in absoluten Zahlen die höchsten Schulden der Welt hat. Na ja, wenn die Warnung nicht gerade von einer Rating-Agentur käme...und auf die hört ja mittlerweile auch keiner mehr. Was aber nicht heißt, dass man die Warnungen nicht ernst nehmen sollte.
Deutschland und die USA - warum das US-Phänomen nicht zwangsläufig immer gelten kann
Also, die bösen Rating-Heinis haben es gewagt uns einen auf die Mütze zu geben. Und auch den Niederlanden und Luxemburg im Übrigen. Klar darf einen das aufregen. Die Amis haben sich auch aufgeregt, als man ihnen letztes Jahr einen auf die Mütze gab (damals hatte es S&P sogar gewagt, nicht nur den Ausblick, sondern sogar die Bonitätsnote zu senken). Man regt sich halt auf, weil man Deutscher ist. Aber eigentlich haben die Rating-Heinis recht. Doch dazu gleich mehr...
Sprechen wir doch zunächst mal über den, wie ich es nennen möchte, US-Effekt. Die USA tragen eine Schuldenlast von geschätzt 106,6% vom BIP mit sich rum. Bei Deutschland sind es noch nur 81,6% vom BIP. Doch trotz hoher Staatsverschuldung und Rating-Abstufung zahlen sowohl die USA, als auch Deutschland praktisch nichts für ihre Schulden. Soll heißen: diese 2 Staaten refinanzieren sich zu so niedrigen Zinsen, dass sogar die jeweilige Inflationsrate höher liegt. Verlierer ist hier immer nur einer: derjenige der so blöd ist, diesen Staaten ihre Anleihen abzukaufen.
Weil das ganze in den USA zuerst zu beobachten war, nenne ich das den US-Effekt, der mittlerweile aber auch für Deutschland gilt. ABER...heißt das auch, dass das so bleiben wird? Meine Meinung: Nein! Auf lange Sicht kann das weder in den USA, noch in Deutschland ewig funktionieren. Vor allem wenn man eines bedenkt: beide Staaten nutzen diese außergewöhnlich liebenswürdige Phase (schließlich fassen die Märkte in diesem Fall die beiden Staaten mit Samthandschuhen an) leider nicht dazu, ihre Schuldenlast nachhaltig abzubauen. Im Gegenteil: es ist eher mit steigenden Schulden zu rechnen.
Nun sind die USA aber trotz allem noch ein Sonderfall. Denn leider drucken die USA zu allem Übel auch noch die Weltleitwährung. Und hinter der lässt sich nun einmal gut Verstecken spielen. Leider trifft dieser besondere Umstand nicht auf Deutschland zu. Und wenn die Eurozone unkontrolliert auseinanderbricht (so wie es momentan ja schon wieder aussieht), dann werden sich Deutschlands Staatsschulden noch drastisch erhöhen (dazu gleich mehr).
UND (und das ist vielleicht noch viel wichtiger) Deutschland ist dann nicht mehr die führende Volkswirtschaft des Euro-Blocks, sondern nur noch irgend eine (zwar zur deutlich stärkeren Sorte gehörenden) europäische Volkswirtschaft. Aber wird die Neu-DM tatsächlich die Funktionen des Euro übernehmen, der zeitweise schon als Ersatz-Reservewährung für den US-Dollar gehandelt wurde? Man wird sehen...
Die Frage ist dann nur noch (auf Sicht von ein paar Jahren): wie viel ist Europa dann eigentlich noch wert? Wird Europa eine Wiederholung der lateinamerikanischen Schuldenkrise (nein, ich will hier nicht Ursachen und Entwicklung vergleichen [was man zwar könnte, schließlich haben alle Krisen irgendwelche Ähnlichkeiten aber auch deutliche Unterschiede], sondern nur die Dauer der Nachkrisenphase...also, wie lange es gedauert hat, bis die Staaten wieder hoch kamen). Oder eher eine schnellere Asien-Krise? Tja, man wird sehen....niemand kann in die Zukunft blicken...
Um es noch einmal zusammen zu fassen: ich glaube, dass sowohl die USA, als auch Deutschland diese Sonderphase (in der sie mit Samthandschuhen angefasst werden und nur Tiefstzinsen bezahlen) nicht ewig aufrecht erhalten können. Im Falle der USA bedarf es vermutlich des Kollaps unseres aktuellen Finanzsystems (seien Sie nicht schockiert, so was passiert alle Jahrzehnte immer wieder einmal). Und im Falle Deutschlands? Tja, wollen wir hoffen, dass es nicht der Kollaps der Eurozone ist, aber ausschließen würde ich es nicht...
Kollaps der Euro-Zone wird teuer
Das ist es auch, was Moody's am meisten zu schaffen macht: nicht etwa, dass wir zu viel Geld für die Nachbarstaaten locker machen könnten. Nein, Moody's hat Angst davor, dass wir im Gegenteil zu wenig für den Erhalt der Zone tun, diese dann zusammenbricht und wir vor einem riesigen Schuldenberg stehen.
Der soll im schlimmsten Fall 770 Milliarden Euro hoch sein, sagt das ifo-Institut. Na ja, ich habe gelernt: wenn eine offizielle Kostenschätzung abgegeben wird, sollte man vorsorglich immer noch mal etwas drauf schlagen. Ich denke, ich liege mit meiner persönlichen Schätzung von 1-1,5 Billionen Euro (wie ich Ihnen ja schon mehrmals mitgeteilt hatte) wahrscheinlich gar nicht mal so schlecht.
Was bleibt?
Für mich ist Europa aktuell ein etwas heißes Eisen. Meine Alternativen hatte ich Ihnen ja schon am vergangenen Freitag genannt: Gold, Emerging-Market Aktien und Landkauf außerhalb Europas. Wer aber lieber im westlichen (na ja westlich-asiatischen) Dunstkreis bleiben möchte, schauen Sie sich doch noch einmal meinen Beitrag vom 26.Juni an: Australien - ein sicherer Hafen!
So long liebe Leser...das wars für heute....morgen und Freitag gibt es noch einmal Interessantes von meinem Kollegen Tom Firley...und wir lesen uns am kommenden Montag wieder...liebe Grüße..
Ihre Miriam Kraus