Auf der Kippe
unserem Korrsepondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 03. September 2002 18:00 Uhr
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An einem bestimmten Punkt ändern sich die Dinge. Das ist immer so. An den Märkten. Bei der öffentlichen Meinung. In der Kunst, in der Architektur und bei Kurs-Gewinn-Verhältnissen. Selbstsicherheit, Optimismus – derzeit in Amerika besonders hoch – werden eines Tages wieder verschwinden. Eines Tages, glauben Sie es oder nicht, werden Händler physische Dollar-Noten nur noch widerwillig annehmen. Aber wann?
Zum Millenniums-Wechsel gab es einen sehr interessanten Artikel von Francis Fukuyama im Wall Street Journal. In seinem Beitrag schlug er eine Alternative zum Mann des Jahrhunderts des TIME-Magazins – Albert Einstein – vor.
Fukuyama nominierte den deutschen General des 1. Weltkriegs Alexander von Kluck.
Von Kluck hat den Lauf der Geschichte unwiderruflich geändert. Die westliche Zivilisation stand "auf der Kippe."
Er wird dafür verantwortlich gemacht, dass er seine Armee von ihrem eigentlichen strategischen Ziel ablenkte und damit den Schlieffen Plan (Plan zum schnellen Sieg über Frankreich) unmöglich machte.
Aus französischer Sicht natürlich eine sehr positive Wendung – aus deutscher Sicht natürlich nicht unbedingt.
Als von Kluck sah, dass sich die französische Armee vor ihm in vollem Rückzug befand, kam er zu einer zu optimistischen Schlussfolgerung. Er ging davon aus, dass die Franzosen fast geschlagen wären. Er ließ seine Truppen deshalb nicht auf das strategische Ziel – Paris – weiter vorstoßen, sondern befahl, die sich zurückziehenden französischen Truppen zu verfolgen.
Viele deutsche Offiziere kritisierten diese Entscheidung. Wenn die französischen Truppen wirklich so nah vor dem Zusammenbruch wären, dann hätten die deutschen Truppen viel mehr Gefangene machen müssen. Aber es gab nur relativ wenige Gefangene – was implizierte, dass der Kampfeswille der Franzosen noch nicht gebrochen war ... weshalb sich ihr Rückzug auch in halbwegs geordneter Formation abspielte.
Aber von Kluck hielt an seiner Einschätzung fest. Und der erfahrende französische General Galieni sah diesen deutschen Fehler fast sofort. "Monsieurs," so soll er zu seinen Offizieren gesagt haben, "sie bieten uns ihre Flanke an." Dadurch, dass von Kluck nämlich seine Truppen vom strategischen Ziel weggeführt hatte, hatte er ein Loch von rund 50 km. Zwischen seiner 1. Armee und von Bülows 2. Armee verursacht. Beide Armeen waren deshalb empfindlich für Gegenangriffe. Die Franzosen nutzten diese Chance. Sie setzten sogar 600 Pariser Taxis ein, um möglichst schnell möglichst viele Truppen zu diesem Punkt zu transportieren. Die sogenannte "Schlacht an der Marne" hatte begonnen, die später als "Wunder an der Marne" bekannt wurde. Die Verluste: Rund eine halbe Million Soldaten. Das Ergebnis: Der deutsche Vormarsch war gestoppt.
Was wäre passiert, wenn von Kluck am ursprünglichen Plan festgehalten hätte? Fukuyama spekuliert, mit Hilfe von Ray DeVoe:
* Die Deutschen wären bis Ende September 1914 in Paris gewesen und hätten damit die Kapitulation der französischen Regierung erzwungen (wie 1870/71 und 1940).
* Ein schneller deutscher Sieg hätte das kulturelle Selbstbewusstsein des Europa des 19. Jahrhunderts nicht beschädigt.
* Es hätte nicht die 8,5 Millionen Toten des 1. Weltkriegs gegeben und deshalb wahrscheinlich auch keine radikale revolutionäre Bewegung: Den Bolschwismus in Russland – und dann den Kommunismus.
* Ohne die deutsche militärische Niederlage wären Hitler und die Nazis höchstwahrscheinlich niemals an die Macht gekommen.
Fukuyama fasst die wichtigsten Punkte zusammen:
* Keine russische Revolution * Kein kalter Krieg * Keine Nazis, kein zweiter Weltkrieg, kein Holocaust * Keine Revolutionen in China oder Vietnam
"Und die USA, die durch die beiden Weltkriege zur Weltmacht wurden, könnten immer noch das isolationistische Paradies sein, wie es sich z.B. der ehemalige Präsidentschaftskandidat Pat Buchanan gewünscht hat," so Fukuyama.
Malcom Gladwell definiert in seinem Buch "Tipping Points" Situationen, in denen "alles auf der Kippe steht". In solchen "dramatischen Momenten kann sich alles mit einem Mal änderrn." Solche Momente können sehr unbedeutend scheinen – haben aber sehr große Auswirkungen.
Der Erste Weltkrieg hätte schon verhindert worden können, wenn der Chauffeur des Wagens von Erzherzog Ferdinand nicht einen falschen Weg genommen hätte und deshalb nicht direkt an einer Gruppe von Terroristen vorbeigefahren wäre – die ihr Glück kaum fassen konnten. Bekanntlich war die Ermordung von österreichischen Thronfolgers Erzherzog Ferdinand der Anlass – wenn auch nicht der Grund – für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs.
Ray DeVoe: In der Technik ist es genauso. Beispiel Sharp: 1984 führte diese Firma Faxgeräte ein. Bis 1987 lief das Geschäft nur schleppend – aber dann hatten genug Leute ein Faxgerät, so dass es sich auch für andere lohnte, eins zu kaufen. 1987 war der "Tipping Point" für Faxgeräte, in diesem Jahr verdoppelte sich der Umsatz.
DeVoe nennt ein weiteres historisches Beispiel: Im zweiten Weltkrieg stand bei der Pazifik-Schlacht bei Midway alles "auf der Kippe". Japan verlor diese Schlacht – und konnte nicht mehr gewinnen. Und nach April 1944, als 45 deutsche U-Boote versenkt wurden, waren die deutschen U-Boote nur noch als "eiserne Särge" bekannt – sie waren fast nutzlos geworden.
Gladwell zeigt, wie kleine Dinge eine Änderung der öffentlichen Einstellung bewirken können. Die Beseitigung von Grafitti in der New Yorker U-Bahn hat dort die Kriminalitätsrate erheblich gesenkt. Und manchmal können wenige Menschen die Art, wie andere Menschen denken, komplett ändern. Leider weiss man nicht genau, wann, oder was, so ein "Tipping Point" sein wird.
Deutschland hätte am Ende des Ersten Weltkriegs noch weiterkämpfen können. Die deutschen Truppen hätten sich auf das östliche Rheinufer zurückziehen können. Der Krieg hätte noch Monate oder sogar Jahre weitergehen können.
Aber ein "Tipping Point" war erreicht, im November 1918 stand in Deutschland alles "auf der Kippe". Hitler schrieb dazu: "Für alle, die es erlebt haben, waren die Augusttage 1914 die unvergesslichsten Momente ihres Lebens ..." Aber 4 Jahre später war die Erinnerung der deutschen Soldaten mit Krankheit und Tod aufgefüllt. Die Ankunft von frischen amerikanischen Truppen auf dem Kriegsschauplatz muss wie ein fataler psychologischer Schlag für die deutschen Soldaten gewesen sein.
Die Soldaten gaben auf. Für das Vaterland zu sterben, war auf einmal keine gute Idee mehr. Die deutsche Oberste Heeresleitung erkannte das Unvermeidliche.
Ihr Erster Weltkrieg Reporter,
Bill Bonner