Auf Bajonetten sitzen
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 02. Juni 2004 18:00 Uhr
ENL5454
Alles hat seine Zeit.
Gestern wollte ich Ihnen eigentlich über mein Gespräch mit einem jungen französischen Analysten berichten – vielleicht habe ich das doch, ich weiß es gerade nicht mehr. Er sagte: "Dynamik trennt Amerika von Europa. Ihr Amerikaner wollt immer handeln. Wir Europäer zögern."
Natürlich gibt es eine Zeit zum Handeln ... und eine Zeit zum Nachdenken. Zu den Merkwürdigkeiten des Lebens gehört es, dass die Menschen dazu tendieren, das zu vermischen. Sie tendieren dazu, nachzudenken, wenn sie handeln sollten – und zu handeln, wenn sie nachdenken sollten.
"Dynamik" soll der Vorteil der US-Wirtschaft sein. Ja, wir Amerikaner schulden zu vielen Leuten zu viel. Ja, die Amerikaner geben zu viel aus. Ja, die Asiaten arbeiten billiger. Ja, die amerikanischen Aktienkurse und Immobilienpreise sind sehr hoch. Ja, ihre Einkommen sind gesunken. Ja, sie haben ihr gesamtes Land zu künstlich niedrigen Zinsen überschuldet. Und ja, Millionen Amerikaner werden Pleite gehen, wenn die Zinsen steigen werden.
Aber nein, darüber muss man sich doch keine Sorgen machen, denn Amerika hat doch eine so "dynamische" Wirtschaft.
Sogar die Europäer bewundern das. Einerseits glauben sie, dass die Amerikaner naiv und dumm sind. Aber sie glauben auch, dass die dynamische US-Wirtschaft nicht scheitern wird.
Mit diesem heutigen kleinen Essay will ich Ihnen mitteilen, dass diese Dynamik die US-Wirtschaft nicht nur nicht retten wird ... sondern sogar zerstören wird.
"Man kann mit Bajonetten nichts tun ... außer auf ihnen zu sitzen." Das sagte Talleyrand, der französische Außenminister unter Napoleon. Er erklärte, dass die Eroberung einer Stadt etwas ganz Anderes als das Halten einer Stadt sei. Denn für das Halten brauche man zumindest ein Minimum an Kooperation der Bürger. Man musste sich mit ihnen zusammensetzen und eine Form von Frieden schließen. Und man konnte nicht auf Bajonetten sitzen.
Aber "Napoleon hat niemals die Bombardierung einer Hochzeit befohlen, in der Annahme, dass da auch feindliche Soldaten anwesend seien ... und ganz bestimmt hätte er das nicht auf der Basis dubioser Geheimdienstberichte befohlen", so mein französischer Gesprächspartner.
"Talleyrand würde gesagt haben: Sire, das ist schlimmer als ein Verbrechen – Sie haben einen Fehler begangen."
Alles hat seine Zeit. Es gibt eine Zeit zum Handeln. Eine Zeit, dumme Handlungen zu unterlassen. Und ein Verbrechen für jede nur mögliche Absicht unter dem Himmel.
George W. Bush und Alan Greenspan sind die dynamischen Männer, die die Geschichte braucht. Sie sind die Männer ihrer Zeit. Amerika braucht einen kleinen Nasenstüber, und die sind genau die richtigen Männer, um das zu tun. Der Beitrag von George W. Bush zu Amerikas Schaden ist offensichtlich: Ungeschickte Kriege ... und neue Ausgabenprogramme. Alan Greenspans Verbrechen sind weniger offensichtlich.
Mr. Greenspan hoffte, dass seine Politik des leichten Geldes zu einem Anstieg der amerikanischen Löhne und zu Neueinstellungen führen würde. Er weiß genau, dass es nur dann einen realen Boom geben wird, wenn die Konsumenten mehr Geld zum Ausgeben haben. Greenspan hat die neuen Arbeitsplätze und steigende Löhne geschafft – aber nicht in Amerika. Die neuen Fabriken wurden in China gebaut ... und die chinesischen Arbeiter erhielten Lohnsteigerungen.
In den USA hingegen sind die Löhne real gesunken. Die Amerikaner versuchten, diesen Verlust dadurch zu kompensieren, dass sie dynamischer und sorgloser als je zuvor wurden. Sie forcierten die "Informationsrevolution" ... und glaubten, dass diese neue Technologie ihnen gegenüber dem Rest der Menschheit einen deutlichen Vorsprung verschaffen würde. Dann kauften sie Aktien ... und Immobilien ... und liehen sich mehr Geld ... und gaben mehr Geld aus. Sie schienen bereit zu sein, alles zu tun – darunter die Invasion von ausländischen Ländern –, wenn sie dachten, dass sie das an der Spitze der Welt halten würde.
Wenn man einen Mann dafür verantwortlich machen kann, dann ist es Alan Greenspan. Natürlich ist es nicht alles seine Schuld. Aber niemand hat mehr zur Förderung dieser Entwicklungen getan.
Ich schreibe diesen Text nicht wütend, sondern in Resignation. Die Amerikaner glauben mittlerweile daran, dass sie für nichts etwas erhalten können – für immer. Sie denken nicht daran, dass sie irgendwann einmal ihre Schulden zurückbezahlen müssen. Sie stellen sich vor, dass sie immer 10 oder 100 Mal soviel verdienen werden wie die Arbeiter in China oder Indien. Sie glauben, dass ihre Wirtschaft gegenüber den wirtschaftlichen Gesetzen immun sei ... da sie so "dynamisch" ist, kann sie Rekordschulden und Defizite für immer überleben. Mr. Greenspan ist genau im richtigen Moment aufgetaucht; er wird ihnen zeigen, dass dies nicht der Fall sein wird.