ATX:Osteuropa sorgt für kräftige Schrammen
Andreas Wolf in DAX Daily
vom 9. März 2009, 08:00 Uhr
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Liebe DaxDaily Leser,
als es in Deutschland in den Jahren 2000 bis 2003 kam, schauten einige Investoren neidisch zum Nachbarn nach Österreich herüber. Dort hatte der Aktienmarkt die Börsen-Hausse in Europa und den USA verschlafen. In der politischen Entwicklung war der südöstliche Anrainer dem großen Bruder aber schon um ein Jahrzehnt voraus, denn die Große Koalition hatte für die Zementierung des stark durch staatliche Einflüsse geregelten Wirtschaftslebens gesorgt. Zwei wesentliche Umstände lieferten dann aber den Anlass für eine Turbo-Hausse in der Mitte dieses Jahrzehnts. Zunächst wurde nach der Wahl 2003 eine konservative Regierung unter Beteiligung der bis dahin isolierten FPÖ installiert, die sich der Privatisierung staatlicher Konzerne verschrieb. Zum anderen erlebte das von österreichischen Banken und Unternehmen früh nach der Wende 1989 bearbeitete Osteuropa eine neue Blütezeit und ließ die Kassen klingeln. Von Oktober 2002 bis Juli 2007 konnte sich der ATX-Index, der die 20 größten börsennotierten Aktien Österreichs enthält, von rund 1000 auf etwas mehr als 5.000 Punkte zulegen. Der DAX schaffte es in dergleichen Zeit von 2.100 auf 8.000 Punkte.
Österreichische Banken stark engagiert
Der Boom an der österreichischen Börse versandet allerdings mit der Ausbreitung der Hypothekenkrise aus den USA. Insbesondere US-Fonds gehören zu den Finanziers der überwiegend kreditfinanzierten Projekte im öffentlichen und privaten Bausektor. Die internationale Kreditkrise bringt den Geldfluss schnell zum versiegen, die prognostizierten Wachstums-und Gewinnziele lassen sich nicht halten. Als besonders problematisch stellt sich das Fehlen eines eigenen funktionierenden Bankensektors in den Osteuropa, vor allem in Ungarn und der Ukraine, heraus. Hauptsächlich die Raiffeisenbank-Gruppe und die Erste Bank, vergleichbar mit den deutschen Sparkassen, sorgen für die Verteilung von Krediten. Das Bestreben der osteuropäischen Bevölkerung, die Lebensstandards des Westens möglichst schnell zu erreichen, lässt sich nicht in dem von den jeweiligen Regierungen versprochenen Tempo seriös umsetzen. Durch die Krise geraten viele Staaten an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit, werden praktisch als Insolvenz-Kandidaten gehandelt.
Konsolidierung wird Jahre in Anspruch nehmen
Wie real ein Staatsbankrott aufgrund einer Krise im Finanzsystem sein kann, haben Argentinien vor sieben Jahren und Island im vergangenen Jahr vorgeführt. Eine Konsolidierung der hohen Verschuldung und die Erarbeitung eines soliden Schuldnerrufs wird Jahre in Anspruch nehmen. Deutschland brauchte nach 1945 hierfür knapp 25 Jahre, berücksichtigt man die Zahlung der letzten Rate aus dem Marshall-Plan an die USA sogar mehr als 40 Jahre. Ganz so dramatisch wird es für die österreichischen Unternehmen nicht kommen, denn das Wachstumspotenzial in Osteuropa ist gemessen an seinem Verschuldungsgrad noch immer sehr hoch. Dennoch werden viele Regierungen harte Sparmaßnahmen in den nächsten Jahren vollziehen müssen,um die gewährten Finanzhilfen der EU und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) zurückzahlen zu können. Der Kurssturz des ATX auf mittlerweile nur noch knapp 1.400 Punkten hat die reduzierte Wachstumsfanatsie allerdings weitgehend eingepreist.
Technische Erholung in absehbarer Zeit
Den Großteil des scharfen Abschwungs vollzog der ATX im Verlaufe des zweiten Halbjahres 2008. Von Anfang Juni des vergangenen Jahres bis zum Freitag der vergangenen Woche betrug der Verlust rund 69 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit einer stärkeren Gegenbewegung nimmt nicht nur wegen des hohen Kursverlustes zu. Mittlerweile notiert der ATX bereits dicht über einer massiven Unterstützungszone im Bereich um 1.366 Punkte, die sich aus mehreren Hochpunkten des Jahres 2002 herleiten lässt. Verläuft ein Test dieses Bereichs in den nächsten Tagen erfolgreich, könnte das der Auftakt zu einer größeren Gegenreaktion sein. Weniger eine Verbesserung der kurzfristig trüben Lage, sondern eher ein Garantieversprechen der EU, die osteuropäischen Mitglieder vor einer Insolvenz zu schützen und durch eigenes zusätzliches Konjunkturprogramm zu stützten könnte dem ATX wieder etwas Leben einhauchen. Eine Gegenbewegung hätte Potenzial bis an den Widerstandsbereich um 1.800 Punkte. Spätestens hier werden sich die Realisten wieder zu Wort melden und die Bärenrallye wieder beenden. Ebenso wie die osteuropäischen Staaten wird der ATX Zeit zur Konsolidierung und Bodenbildung brauchen. Regionen von 5.000 Punkten sind auf absehbare Zeit auf jeden Fall nicht mehr zu erreichen.
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