Atomausstieg=Preisexplosion? Stürmen die EU-8 deutschen Arbeitsmarkt?
Sven Weisenhaus in Wave Daily
vom 27. April 2011, 13:00 Uhr
ENL5454
Am Montag behandelte ich noch die Frage nach einem sofortigen Ausstieg aus der Atomenergie und kam zu dem Schluss, dass übereilte Forderungen danach nicht sinnvoll sind. In die gleiche Kerbe schlug nun laut dem Handelsblatt der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI).
Atomenergie - BDI sieht Strompreiserhöhungen von mehr als 220 Prozent
Hans-Peter Keitel warnte vor einem Preisschock für die deutsche Industrie und nannte für einige Branchen Strompreiserhöhungen von mehr als 220 Prozent, wenn Deutschland bis zum Jahr 2017, wie von den Grünen gefordert, aus der Kernenergie aussteigt. Auch wies er auf das von mir genannte Hauptargument hin, wonach Atomstrom aus Nachbarländern bezogen werden müsse. Die dortigen Atommeiler weisen jedoch nicht die gleichen hohen Sicherheitsstandards vor, wie in Deutschland.
Heißen wir die EU-8 auf dem deutschen Arbeitsmarkt willkommen
Wie ich einer Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes entnehmen konnte, laufen am 1. Mai 2011 nach sieben Jahren die Übergangsbestimmungen zur Beschränkung der vollen Arbeitnehmerfreizügigkeit gegenüber acht Mitgliedstaaten der Europäischen Union aus. Ab dann haben auch die Staatsbürger der sogenannten EU-8, also Estlands, Lettlands, Litauens, Polens, der Slowakei, Sloweniens, der Tschechischen Republik und Ungarns freien Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt.
Deutscher Arbeitsmarkt im EU-Vergleich attraktiv
Und der deutsche Arbeitsmarkt gilt als durchaus attraktiv im EU-Vergleich. Das deutsche Verdienstniveau war 2008 (aktuellere Zahlen liegen nicht vor) das fünfthöchste in der EU, nach Dänemark, Luxemburg, den Niederlanden und dem Vereinigten Königreich.
Polen dagegen (mit rund 18 Millionen stellt es gut die Hälfte aller Erwerbspersonen der EU-8) kam kaufkraftbereinigt (Preisunterschiede in den Ländern sind schon herausgerechnet) zum Beispiel nur auf circa 44% des deutschen Verdienstniveaus.
Zudem war die Erwerbslosigkeit im Jahr 2010 in allen Staaten der EU-8 weiter verbreitet als in Deutschland.
Arbeitnehmer-Zuwachs und Verlust durch Renteneintritt halten sich die Waage
Schätzungen der Bundesagentur für Arbeit und verschiedener Stiftungen gehen von bis zu 150.000 Arbeitnehmern aus, die nun pro Jahr zusätzlich nach Deutschland kommen. Doch würden diese von der Anzahl her gerade die durch den Renteneintritt verloren gehenden Arbeitnehmer ersetzen.
Ein "Klau" von Arbeitsplätzen durch die "neuen Ausländer" ist also nicht zu befürchten. Ich bin allerdings gespannt, wie sich das Verdienstniveau in Deutschland vor diesem Hintergrund entwickeln wird.
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von hajo (27.04. 2011 15:15 Uhr):
Es geht nicht um den "Klau" von Arbeitsplätzen, sondern ... wieviele von den neuen Arbeitnehmer sind offiziell, d.h. werden Steuern und Sozialabgaben etc. bezahlt ? Das Hauptproblem sind die Schwarzarbeit und das Lohndumping ! Hier ist eine große gedankliche / logische Lücke zu Ihrem Beitrag bezüglich der Alters- und Sozialsysteme.
Antworten- Antwort von Sven Weisenhaus (28.04. 2011 11:54 Uhr):
Hallo hajo! - - - Schwarzarbeit gab es auch schon vor dem 1. Mai. Wer aus dem Ausland in Deutschland schwarz arbeiten wollte und konnte, für den gab es also nie Hürden. Hier wird sich durch den Wegfall der Beschränkungen also nicht viel ändern. Und die inoffiziellen Arbeitnehmer beziehen keine Leistungen aus unseren Sozialsystemen. - - - Ändern wird sich also nur, dass nun Arbeitnehmer aus den EU-8 nun auch offiziell hier in Deutschland arbeiten dürfen. Die könnte die Schwarzarbeit also eventuell sogar eindämmen, wenn auch nur in einem geringen Maße. Allerdings dürfte dadurch auch das Lohnniveau in Deutschland belastet werden. - - - Insofern gibt es hier keine gedankliche oder logische Lücke. - - - Mit freundlichen Grüßen - - - Sven Weisenhaus
- Antwort von Sven Weisenhaus (28.04. 2011 11:54 Uhr):
- Kommentar von Klaus Morian (27.04. 2011 21:14 Uhr):
"Ich bin allerdings gespannt, wie sich das Verdienstniveau in Deutschland vor diesem Hintergrund entwickeln wird." Ich nicht : Bei einer Verdoppelung des Angebotes bei konstanter Nachfrage, wird der Preis fallen. (Dann wird das Steueraufkommen sinken und die Steuern erhöht, damit die Politiker auch ordentlcih gut verdienen)
Antworten- Antwort von Sven Weisenhaus (28.04. 2011 12:00 Uhr):
Guten Tag! - - - Ganz so einfach ist es leider nicht. Bedenken Sie bitte die nötige Qualifikation ausländischer Arbeitnehmer. Oder sprachliche Barrieren. - - - Eine Verdopplung des Angebotes wird es daher nicht geben. Wie im Beitrag angegeben wird mit derzeit etwa 150.000 neuen Arbeitnehmern gerechnet. Diese könnten in geringem Maße den Fachkräftemangel beseitigen. - - - Andererseits dürften geringqualifizierte ausländische Arbeitnehmer lediglich den Niedriglohnsetor weiter belasten. - - - In Summe gehe ich nicht von einem massiv sinkenden Verdienstniveau aus.Aber dies bleibt natürlich zunächst abzuwarten und ist nur eine erste Abschätzung der vorliegenden Informationen. - - - Mit freundlichen Grüßen - - - Sven Weisenhaus
- Antwort von Sven Weisenhaus (28.04. 2011 12:00 Uhr):