Asymmetrische Kriegsführung
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 15. April 2004 18:00 Uhr
ENL5454
Nicht ungeschickt, das neueste Tonband von Bin Laden (sofern es von ihm ist). Die El Kaida bietet darin den europäischen Staaten einen Waffenstillstand an, sofern sie nicht weiter oder nicht gegen Muslime kämpfen und sich aus den muslimischen Angelegenheiten heraushalten.
Bei der Bevölkerung Europas hat der Irak-Krieg wenig Sympathien gefunden. Der Druck auf die verschiedenen Regierungen wächst, den Einsatz im Irak zu beenden. Die Regierungen werden demokratisch gewählt, so dass der Einfluss der Bevölkerung nicht zu unterschätzen ist. Und genau in diese Differenz zwischen Regierungen und Bevölkerungen treibt dieses Tonband einen Keil (und dann erst im zweiten Schritt zwischen Europa und USA).
Natürlich ist es ein wenig seltsam, wenn in dem Tonband zu hören ist, dass die Europäer aufhören sollen das Blut der Muslime zu vergießen, damit die El-Kaida aufhören kann das Blut der Europäer zu vergießen. Es suggeriert, die Europäer oder die USA seien Agitatoren. Das stimmt jedoch so nicht, die El-Kaida hat den Anschlag vom 11. September geplant und ausgeführt. Der Akteur ist so gesehen die El-Kaida, nicht Europa und auch nicht die USA (In dem Tonband übernimmt die EL-Kaida erneut die Verantwortung für die Anschläge vom 11.September.)
Denn man muss hier etwas ganz deutlich unterscheiden: Die Bevölkerung Europas war/ist zwar gegen einen Irak-Krieg/Einsatz, aber ich denke, dass die meisten genauso deutlich gegen eine Terrororganisation "El-Kaidia" gestimmt sind (Ich bin so vermessen, das einmal zu unterstellen). Und genau hier werden zwei Dinge vermischt, die nicht zu vermischen sind: Der Irak-Krieg und die El-Kaida.
Sehr geschickt ... ein weiteres Puzzelteilchen zum Themenkreis der asymmetrischen Kriegsführung.
Noch ein weiterer Punkt ist zu beachten. Das Wort "Waffenstillstandsangebot" ist ein Euphemismus, denn eigentlich ist es nichts anderes als eine Drohung. Die Kernaussage ist doch diese: Wenn ihr euch nicht zurückzieht, dann machen wir mit dem Terror weiter.
Natürlich können sich die europäischen Regierungen auf so einen "Deal" nicht einlassen. Denn damit machen sie sich quasi "erpressbar". Und Regierungen sind grundsätzlich bemüht, sich so wenig erpressbar wie möglich zu machen. So verrückt es also klingen mag, dieses Tonband verschlimmert die Situation eigentlich sogar noch, denn nun wird es für die europäischen Regierungen noch ein wenig schwieriger, ihre Truppen aus dem Irak abzuziehen.
Mal ganz abgesehen davon, dass die europäischen Regierungen sicherlich nicht (offiziell) mit EL-Kaida über einen Waffenstillstand verhandeln werden, denn damit würden sie die EL-Kaida sozusagen als eine "verhandlungswürdige" Organisation anerkennen. Nein, das Tonband will einen Keil zwischen die Bevölkerung und den Regierungen treiben ...
Zur Börse:
Nach den guten Apple Zahlen und einigen zarten Umkehrsignalen bei den amerikanischen Indizes hatte ich eigentlich heute morgen mit einem stärkeren Anstieg gerechnet. Hier verhagelten die Japaner den zarten Bullenfrühling, denn der Nikkei ging um knapp 2,5 % zurück. Hintergrund waren erneute Geiselnahmen zweier Japaner im Irak und auch in Japan mehren sich die Sorgen, dass es hier zu einer Zinserhöhung kommen könnte. Mittlerweile sind drei im Irak entführte Japaner wieder freigelassen worden.
Der Dax notierte daraufhin unentschlossen.