Armes Merced
Bill Bonner in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 29. August 2008, 07:00 Uhr
ENL5454
Die gesamten Vereinigten Staaten scheinen auf dem gleichen Weg zu sein wie der Ort Merced in Californien - das Epizentrum der Immobilienkrise...
Das arme Merced: Die New York Times bezeichnet von der Stadt wie von einer Katastrophe. Die Hauspreise haben sich halbiert. Drei von vier Häusern, die zum Verkauf stehen, sind Zwangsversteigerungen. Wenn ein Verkäufer nicht bereit ist, den Preis auf das Niveau der Zwangsversteigerungen zu senken, dann hat er keine Aussichten darauf, es zu verkaufen, sagen die Immobilienmakler.
Wie ist es diesem goldenen Staat gelungen, in einen solchen Schlammassel zu geraten?
Die Times berichtet:
...kaum jemand in Merced hat sehr weit voraus geplant."
Nicht die Stadt, die enthusiastisch die Schaffung von Dutzenden neuen Wohngebieten begrüßt hat, ohne einen Moment inne zu halten, und zu überlegen, ob die Stadt das Wachstum auch aufnehmen kann. Ganz gewiss auch nicht die Bauunternehmen. Sie haben 4.397 neue Häuser in diesen Gegenden gebaut - einige davon kosten eine halbe Million Dollar - ohne sich zu fragen, wer in einer Stadt von nur 80.000 Einwohnern überhaupt in der Lage ist, dafür zu bezahlen."
Ganz offensichtlich auch nicht die Spekulanten, die zu Vermietern wurden, weil sie gedacht haben, sie könnten in einer landwirtschaftlichen Arbeiterstadt, die von der amerikanischen Lungen-Gesellschaft als eine der Städte des Landes mit der schlechtesten Luft eingestuft wurde, die gleichen Mieten bekommen wie in San Franzisco.
Und, traurigerweise, auch nicht die Leute aus dem Ort, die aufgestiegen sind und dann mehr Schulden aufgenommen haben, als sie sich leisten konnten. Sie glaubten, dass die guten Zeiten endlos andauern würden - denn wer hätte ihnen etwas anderes erzählt?...
Der Glaube, dass dieser Traum ohne ein Risiko, ohne Sorgen und ohne eine Anzahlung erreicht werden könnte, stand in den frühen Jahren dieses Jahrzehnts im Zentrum der romantischen amerikanischen Vorstellungen über die Immobilien und das nicht nur in Merced."
Wie lange wird die Wirtschaft noch den Preis für diese Illusion zahlen müssen? Die Erfahrungen in Merced, welches höher stieg und schneller fiel als irgendein anderer Ort, legen nahe, dass die Erholung vom landesweiten Immobiliendebakel schmerzhaft sein und sich in die Länge ziehen wird.
Ein schmerzhaftes und sich hinziehendes Debakel könnte sich sogar als gut für das Land erweisen. Die Amerikaner würden dann eine wertvolle Lektion über Geld lernen - dass man, wenn man reicher werden will, mehr Einkommen als Ausgaben haben muss; es gibt keine andere zuverlässige Möglichkeit. Der Schmerz wird sie davon überzeugen, alberne Spekulationen und übermäßige Ausgaben zu meiden.
Und wenn es lange dauert, dann werden sie Zeit haben, die Fehler der Vergangenheit abzuzahlen, Geld zu sparen und ihr Leben wieder in Schuss zu bringen.
Mir tun diese Leute Leid", sagte ein amerikanischer Gast am Wochenende. Sie fahren in diesen dicken Geländewagen... und sie haben Jobs, mit denen sie kaum den Mindestlohn verdienen... ich weiß nicht, wie sie über die Runden kommen. Und es gibt Millionen von ihnen..."
Man kann die amerikanische Wirtschaft aus einer ganzen Reihe von Gründen kritisieren", antwortete ein französischer Ökonom. Aber sie hat etwas ganz Beachtliches geschafft. Sie hat Millionen von Immigranten aufgenommen - und oft hatten sie keine Qualifikationen, und häufig ohne dass sie überhaupt Englisch sprechen würden. Die amerikanische Bevölkerung ist von 250 Millionen Einwohnern vor einigen Jahren auf heute 300 Millionen angestiegen.
Ich habe gesehen, was in Deutschland los war, nach der Wiedervereinigung. Die Kosten, eine moderne Wirtschaft nach Ostdeutschland zu bringen, waren sehr hoch... und das hat die amerikanische Wirtschaft ein Jahrzehnt lang gedämpft. Aber die amerikanische Wirtschaft war in der Lage für Millionen von Immigranten - viele davon auch illegal - Arbeitsplätze zu bieten und trotzdem zu wachsen. Keine andere Wirtschaft hätte das geschafft."
Ja, das war eine große Leistung für die amerikanische Wirtschaft. Sie hat die müden, armen und sich zusammendrängenden Massen der Neuankömmlinge aufgenommen und ihnen Arbeit gegeben. Diese Arbeitnehmer am Rande - die sich in den Minimallohnstellen schinden - haben das allgemeine Niveau der Einkommen nach unten gedrückt, so dass der durchschnittliche Arbeitnehmer beim Stundenlohn seit 40 Jahren schon keine Steigerung mehr verbuchen konnte.
Und heute verdient ein typischer Arbeitnehmer in Amerika aufgrund des Dollars sogar weniger als ein typischer Franzose oder Deutscher.
Aber was haben alle diese neuen Arbeitnehmer in den Vereinigten Staaten getan? Sie haben die Böden gewischt, die Regale aufgefüllt, sie haben Bettpfannen ausgewechselt. Mehr als das - sie haben dabei geholfen, das Schafott für die gesamte Verbraucherwirtschaft zu errichten. Sie haben die Kisten bei Wal-Mart geschleppt - wo die Leute gewaltige Mengen von Dingen kaufen können, die sie nicht brauchen, und das zu Dauertiefpreisen.
Sie haben die Backroste bei Applebee's gefettet, wo die hart arbeitenden Familien mit doppeltem Einkommen Fett auf Kreditkarte kaufen konnten. Sie haben Pools gereinigt und Hecken geschnitten... Autos geparkt... Dächer erneuert... und Granitarbeitsplatten überall im Land geschleppt.
Aber die amerikanische Wirtschaft hat diesen Arbeitern nicht nur Arbeit gegeben, sie hat ihnen auch Kredite gegeben. Sie konnten Geld ausgeben, das sie noch nicht verdient hatten - und sich ein Haus in Merced, in Kalifornien kaufen. Und jetzt sitzen sie in diesen Häusern fest.