Argumente für das Gold
William Rees-Mogg in Investors Daily
vom 29. Januar 2003 18:00 Uhr
ENL5454
1974 schrieb ich ein kleines Buch, "The Reigning Error", in dem ich für goldgedeckte Währungen eintrat. Ich argumentierte damals, dass alle Papierwährungen (ohne Golddeckung) von den Regierungen oder Zentralbanken, die sie ausgeben, missbraucht werden. Gold hingegen kann nicht mit der Druckerpresse repliziert werden; es ist deshalb vor menschlichem Missbrauch geschützt.
Viele Leute realisieren nicht, dass starke historische Gründe für das Gold sprechen. Einfach gesagt: Gold hat heute ungefähr den gleichen Tauschwert wie im Jahr 1900. Das gilt besonders für Länder, die zwischenzeitlich hohe Inflationen hatten, wie Deutschland (sie wissen sicherlich, dass es in Deutschland 2 Hyperinflationen gab, eine nach dem Ersten Weltkrieg und eine nach dem Zweiten Weltkrieg). Aber auch in Ländern mit dauerhaft durchschnittlichen Inflationsraten (wie Großbritannien) hat das Pfund in 100 Jahren 98 % seiner Kaufkraft verloren. In Ländern mit niedriger Inflation, wie den USA, kam es im gleichen Zeitraum auch zu einem Kaufkraftverlust von 95 %. In Großbritannien hat sich der Goldpreis lange Zeit in etwa parallel zur Entwicklung der Lebenshaltungskosten bewegt. Mit einer Unze Gold kann man dort heute in etwa die gleiche Menge Ackerland kaufen wie im Jahr 1660.
Nach der Veröffentlichung meines Buches reagierte der Goldpreis auf die globale Inflation der 1970er. Der Goldpreis stieg auf bis zu 850 Dollar – dabei lag der offizielle Preis bei nur 35 Dollar. Wenn man zum Höchstkurs verkaufte, dann war Gold in dieser sehr schwierigen Dekade das Top-Investment. Seitdem hat der Goldpreis eine sehr schlechte Performance hingelegt, besonders wenn man die Entwicklung des Goldpreises mit dem Wall Street Boom der späten 1990er vergleicht.
Dennoch dachte ich zu früh, dass die Bullen am Aktienmarkt endgültig den Boden der Realität verloren hätten und deshalb die Wende nah wäre – ich dachte das bereits, als Alan Greenspan von "irrationalen Übertreibungen" sprach. Aber der Goldpreis fiel noch bis auf unter 260 Dollar pro Unze zurück, und vor zwei Jahren kam er diesem Tiefpunkt noch einmal nahe. Ein Investor, der im Jahr 2000 von Aktien in Gold switchte, wäre heute doppelt so reich wie einer, der den Aktien treu blieb (noch krasser wäre es, wenn er ausschließlich in Nasdaq-Aktien investiert hätte).
Ich habe wiederholt geschrieben, dass Gold ein besseres Investment als der Dow Jones geworden ist – und gewesen ist. 1980, als der Goldpreis bei 800 Dollar stand, war dies eine spekulative Übertreibung. Bei 260 Dollar war der Goldpreis verdammt billig, und die spekulative Übertreibung sahen wir bei den "dot.com"-Aktien. Ist Gold immer noch billig? Der Goldmarkt hat ganz bestimmt eine schöne Performance hingelegt, +30 % in den letzten 2 Jahren, was die meisten anderen Investments übertrifft. Mehrere Monate lang pendelte der Goldpreis um die Marke von 320 Dollar, er schien Probleme zu haben, diese Marke zu durchbrechen. Welche Einflussfaktoren spielen jetzt eine Rolle?
Die Erwartung eines Irakkriegs ist wahrscheinlich die wichtigste. Gold profitiert sicherlich von Inflation, aber es profitiert auch ganz allgemein von Unsicherheit. Ich denke, dass es wahrscheinlich ist, dass die USA in den Krieg ziehen werden, um das Regime von Saddam Hussein zu stürzen. Ich denke auch, dass der Krieg kurz und erfolgreich (aus Sicht der USA) sein wird.
Zumindest vorübergehend wäre das nicht gut für den Goldpreis, weil das die Unsicherheit beseitigen würde. Allerdings ist der Kriegsverlauf nicht vorhersehbar. Deshalb bleibt Gold eine Absicherung gegen eine Ausweitung des Krieges, wie sie von arabischen Kommentatoren vorhergesagt wird. So lange die Unsicherheit existiert, wird der Ölpreis wahrscheinlich hoch bleiben, und die Investoren im Mittleren Osten werden wahrscheinlich einen Teil ihres Vermögens in Gold investieren.
Der zweite Einflussfaktor, den man bedenken sollte, sind die Zinssätze. Sie sind derzeit unnatürlich niedrig, nicht nur in den USA, sondern auch in Europa und Asien. Das bedeutet, dass die Kosten für das Halten von Gold – einer Anlage mit erstklassiger Sicherheit – sehr niedrig sind (ich meine damit die Opportunitätskosten; das Geld, das sie für den Kauf von Gold ausgeben, könnten Sie ja sonst alternativ in sicheren, zinsbringenden Staatsanleihen anlegen). Die Regierungen haben weiterhin vor einer weiteren Rezession Angst, deshalb dürfte das Risiko steigender Zinssätze weiterhin gering bleiben. Das ist gut für einen höheren Goldpreis.
Und gut für den Goldpreis ist auch die allgemeine Besorgnis über die großen Währungen der Welt. Der Dollar war schwach, weil die USA ein steigendes Außenhandelsdefizit zu finanzieren haben. Dieses Defizit hat jetzt die Größe von 5 % des amerikanischen Bruttoinlandsproduktes erreicht. Weil der Dollar schwach war, war der Euro verhältnismäßig stark. Aber die Europäische Union will 10 neue Mitglieder aufnehmen, die 20 % der Bevölkerung der jetzigen Mitgliedsstaaten haben. Diese neuen, relativ armen Mitgliedsstaaten werden eine Bürde für den Euro sein. Der japanische Bankensektor ist weiterhin in großen Schwierigkeiten, was sich beim Yen wiederspiegelt. Es ist nicht schwer zu sehen, dass das Gold attraktiver als alle diese Währungen ist. Jede andere Währung muss in Relation zu Schulden gesehen werden; das Gold hingegen hat keine Schulden, nur individuelle Goldbesitzer können Schulden haben.
Die Zentralbanker weltweit haben Gold verkauft, aber dieser Trend hat größtenteils aufgehört. Die großen Gläubigerstaaten wie China, Taiwan und Japan liegen in Asien. Dort gibt es eine Goldtradition. Ich erwarte, dass die Zentralbanken dieser Staaten 2003 Gold dem Dollar vorziehen werden. Das scheint die neue Einschätzung des Marktes zu sein. Vor einem Jahr überwogen am Goldmarkt bei den Institutionellen noch die Bären, jetzt sind es die Bullen.
Ich persönlich denke, dass der jüngste Kursanstieg beim Gold nur der Beginn eines langen Gold-Bullenmarktes ist. Der letzte Gold-Bullenmarkt, der in den späten 1960ern begann, dauerte über 10 Jahre. Es ist möglich, dass der Goldpreis einige Jahre lang steigen wird, deutlich über den aktuellen Preis. Aber auf diesem Weg wird es unweigerlich Marktreaktionen – also temporäre Rückschläge – geben.