Arbeitslose schließen keine Versicherungen ab
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 23. Juni 2006 18:00 Uhr
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Die Versicherungsbranche klagt allgemein über zu wenig Abschlüsse. Offenbar wissen die Jungs da ein gutes Gegenmittel: Entlassungen! Arbeitslose schließen aber keine Versicherungen ab.
7500 Jobs will die Allianz streichen, allein hier in Köln verlieren 1800 Mitarbeiter ihren Job. Die Niederlassung wird geschlossen – die Allianz zieht sich aus dem bevölkerungsreichsten Bundesland NRW zurück, übrigens eine Niederlassung, die profitabel gearbeitet hat, wie man hört – seltsam genug.
Allianz hat im letzten Jahr einen Rekordgewinn von 4,4 Mrd. Euro erwirtschaftet – jeder fragt sich, warum dann jetzt diese Entlassungen?
Aus unternehmerischer Sicht verständlich
Der Konzern sieht seine Wettbewerbsfähigkeit gefährdet. Aus unternehmerischer Sicht sind Restrukturierungsmaßnahmen sicher vertretbar. Die Gewinne sind gemacht worden, sie sind Vergangenheit. Die Zukunft ist entscheidend. Allianz will mit den Restrukturierungsmaßnahmen jährlich 500-600 Millionen Euro einsparen. Die Kosten dieser Maßnahmen sollen einmalig zwischen 500 und 900 Mio. Euro liegen. Die Allianz sieht sich mit sinkenden Abschlüssen und weniger Kunden konfrontiert – es muss tatsächlich etwas getan werden. Lieber einen entscheidenden Schritt, jetzt da noch Geld genug vorhanden ist, als später Flickwerk zu betreiben und im schlechtesten Fall in Schieflage zu geraten und damit alle Arbeitnehmer zu gefährden. Die Unternehmensleitung agiert mit Blick auf die Zukunft. Wir, die wir an der Börse arbeiten, kennen das – der Normalbürger wird es anders sehen.
Im höchsten Maße ungeschickt!
Es hat jedoch einfach ein Gschmäckle, wenn ein Unternehmen mit Rekordgewinnen im folgenden Jahr derart viele Mitarbeiter auf einmal entlässt. Es ist aber auch ein Zeichen von ungeschickter Firmenpolitik.
Versicherungen verkaufen Sicherheit. Sicherheit, die nun 7500 Mitarbeiter und deren Familien verlieren. Kann man sich als Kunde bei einem Unternehmen wohlfühlen, welches mit Sicherheit so umgeht? Wer wird denn jetzt noch mit einem guten Gefühl eine Versicherung bei der Allianz abschließen können?
Also aus marketingtechnischer Sicht ist diese Aktion ein derart offensichtlicher Fehlgriff, dass man der Allianz allein dafür schon ein schlechtes Zeugnis ausstellen muss. Schlimmer noch, der Unmut in der Bevölkerung, der durch diesen Stellenabbau erzeugt wird, dürfte einiges Geschirr zerdeppern. Der Aktienkultur in Deutschland wird diese Aktion ebenso wenig nutzen, wie dem Glauben an eine verantwortungsvolle Unternehmensführung.
Blick über den Tellerrand
Dabei macht sich doch gerade in den internationalen Managementetagen ein entscheidender Paradigmenwechsel bemerkbar: Ausbeutung ist out! Behandle deine Angestellten gut, dann sind sie weniger oft krank, leisten mehr, wechseln weniger oft ihren Job, sind kreativer, produzieren letzten Endes mehr Umsatz. Sei nett zu deinen Mitarbeitern und alles läuft besser, so die Prämisse.
Missmanagement
Dass dies natürlich bei der Allianz hier in Deutschland noch nicht angekommen ist, wundert nicht. Denn schließlich offenbart dieser Stellenabbau doch auch noch etwas anderes, auch wenn sich das kaum jemand bewusst macht: Trotz Milliardengewinn muss die Führung der Allianz in den letzten Jahren grausamstes Missmanagement betrieben haben. Anders ist es nicht zu erklären, dass das Unternehmen auf einen Schlag so viele Mitarbeiter nicht mehr braucht (trotz Gewinnen)! Eigentlich hat sich die Führung der Allianz mit dieser Aktion auf allen Ebenen selbst Unfähigkeit bescheinigt. Ob das einer Aktie gut tun wird, wenn das auch anderen auffällt? Allianz gehört heute auf jeden Fall zu den schlechtesten Aktien im Dax.
Sozialverträgliche Lösungen
Auch wenn es oft nur ein Deckmantel ist, aber es hätte doch sicherlich sozialverträglichere Lösungen geben können. Ein gefühlvoller Abbau unter Einbeziehung der Mitarbeiter.
Ich habe ja die Hoffnung nicht aufgegeben. Vielleicht werden die Unternehmen auch in Deutschland irgendwann einmal begreifen, dass sie sich mit solchen Aktionen letzten Endes mehr selber schaden als nutzen.
Weltweit ist dieser Prozess schon im Gange; bis solche neuen, an den Menschen angepasste und doch wesentlich produktiveren und schlussendlich damit auch profitableren Formen des Managements hier in Deutschland ankommen, scheint es wohl noch etwas Zeit zu brauchen. Wir Investoren können daran teilhaben, dass etwas geschieht – indem wir auf Unternehmen setzen, die diese neuen Formen des Managements bereits umsetzen. Schließlich wollen langfristig ausgerichtete Investoren Unternehmen in ihrem Depot haben, die im Wettbewerb überlegen sein werden.
Zum Markt:
Der Markt bleibt, wen wundert es, angesichts der bevorstehenden Zinssitzung in den USA nächste Woche, uneinheitlich. Der Dax hat durchaus noch Luft bis auf die 5480er Marke. Selbst die 5400er Marke ist drin. Mich würde es nicht einmal wundern, wenn Miss Börse sich auch noch einmal von ihrer schmerzhaftesten Seite zeigt und die letzten Tiefs bei 5250 Punkten aus dem Dax herausnimmt. Denn dann würde die Skepsis und Sorge der Marktteilnehmer ein Niveau erreichen, dass vielleicht bei einem drohenden Weltuntergang gerechtfertigt wäre. Das wären dann wirklich gute Kaufkurse. Hoffen wir jedoch, dass das nicht passiert. Warten wir ab, was die Amis so machen. Ob heute vor dem Wochenende noch Aufwärtsdynamik aufkommt, darf bezweifelt werden.