Anzeichen für eine imperiale Überdehnung
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 08. März 2004 18:00 Uhr
ENL5454
"Amerika bleibt die unangefochtene Führungsmacht der Welt – die Großmacht ... ohne die nichts Gutes passiert."
- Thomas L. Friedman, halluzinierend
Amerika sei "das einzige überlebende Modell des menschlichen Fortschritts", sagte George Bush der Jüngere zu den Absolventen von West Point, wobei er vielleicht ein bisschen übertrieb. Er hätte auch einräumen können – wenn er daran gedacht hätte –, dass das amerikanische Modell Elemente hat, die vielleicht noch nicht Perfektionsstatus erreicht haben.
Das amerikanische Modell des menschlichen Fortschritts hängt – wie sich zeigt – stark von der Freundlichkeit (oder der Naivität) der Ausländer ab: Amerika druckt Geld, die Ausländer stellen Produkte her. Die Ausländer senden ihre Produkte in die USA; die Amerikaner senden ihre Dollar ins Ausland.
Wachsame Leser werden die Gefahr dabei sofort bemerken ... denn was würde passieren, wenn es sich die Ausländer anders überlegen würden? Wer würde dann dafür bezahlen, dass die Amerikaner über ihre Verhältnisse leben können? Und wer würde das US-Haushaltsdefizit finanzieren, das dank der erhöhten Militärausgaben auf schätzungsweise 500 Milliarden Dollar steigen wird?
Das System überlebt solange die Ausländer bereit sind, US-Papiergeld gegen reale Waren einzutauschen. Ich weiß nicht, wie lange das noch so sein wird, aber ich bemerke, dass der Wert von Papiergeld dazu tendiert, mit zunehmender Papiergeldmenge zu sinken. Und kein Fed-Vorsitzender hat die Menge an Papiergeld so stark erhöht wie Alan Greenspan. Ich habe es hier im Investor's Daily schon mehrfach erwähnt (und ich wiederhole es, weil ich es kaum glauben kann): Alan Greenspan hat die amerikanische Geldmenge stärker erhöht als ALLE seine Vorgänger zusammen!
Und dennoch nehmen die Ausländer dankbar die Dollar an, die die USA für die Lücke in ihrer Handelsbilanz – rund 1,5 Milliarden Dollar pro Tag – bezahlen. Normalerweise muss etwas passieren, wenn das Handelsbilanzdefizit einer Nation auf 5 % des Bruttoinlandsproduktes steigt. Normalerweise passiert dann etwas mit der Währung eines solchen Landes; sie fällt, was die Importe dieser Nation teurer und die Exporte attraktiver macht. Aber uns wird gesagt, dass der Dollar keine normale Währung sei – sondern eine imperiale Währung, die führende Marke der einzig verbleibenden Supermacht der Welt. Wie das vor den Jahrtausende alten Zyklen der Überdehnung und des Bedauerns schützen kann, das weiß ich nicht. Wahrscheinlicher ist es, dass der Dollar schließlich das tun wird, was alle Währungen in seiner Situation tun, egal ob imperial oder nicht; er wird zerbrechen.
"Ich sehe einen möglichen Ausweg", schreibt Stephen Roach, "eine starke Abwertung des Dollars ..." Nun, im letzten Jahr hat der Dollar bereits 25 % verloren. Aber er hat noch einen langen Weg vor sich ...