Antizyklisches Reisen
Peter McKillop in Investors Daily
vom 28. Januar 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Ich bin gerade aus Bali zurückgekehrt – wo ich 10 glorreiche Tage war. Ich konnte weit und breit keinen Terroristen entdecken ... und auch nicht allzu viele Touristen. Die einzigen Explosionen kamen von den nachmittäglichen Gewittern. Bali fängt sich wieder, und zwar schneller als zunächst erwartet. Der Platz, wo die Bombe explodierte, wird repariert, und mit balinesischen Riten wurden die Geister dort beruhigt. Die ersten Touristen kommen wieder. Die interessantesten Newcomer sind Russen – ganze Flugzeuge voll von ihnen. Auf der Insel machen Gerüchte von Russen mit Aktenkoffern voll Bargeld die Runde.
Bali muss über Weihnachten besonders schön gewesen sein. Es gab kaum Touristen, und jeder schien erholt zu sein. Natürlich klagten die Balinesen über das schlecht laufende Geschäft mit den Touristen. Aber die Banken gaben bereitwillig Kredite, und Leute, die entlassen wurden, gingen zurück in ihre Dörfer – und sie schienen sich nicht allzu große Sorgen zu machen. Jeder meinte, dass dies nur eine vorübergehende Krise sei, und dass die Strassen, Hotels und Sehenswürdigkeiten bald wieder mit Massen von Touristen überfüllt seien.
Jeder – bis auf die Medien. Wenn man die New York Times liest, dann möchte man glauben, dass Bali immer noch eine Heimat für terroristische Zellen und zukünftige Bombenanschläge ist. Dass dies lächerlich ist, merkt man erst, wenn man selber auf Bali ankommt. Vorher hätten wir unsere Reise fast abgesagt – ein Zeichen dafür, dass wir unter dem CNN-Syndrom leiden. Das bedeutet, dass man umso weniger eigene Entscheidungen trifft, je mehr man CNN sieht oder den Herald Tribune oder das Wall Street Journal liest. Das erinnert mich an den Kommentar eines prominenten Hongkong-Chinesen: "Wenn Sie in China Geld verlieren wollen, dann lesen Sie die New York Times oder die Washington Post."
Glücklicherweise kam ich rechzeitig wieder zu Verstand und ignorierte einen Artikel in der New York Times, der vor "der fortgesetzten Terrorismus-Bedrohung in Indonesien" warnte. Ich machte eine einfache Kalkulation: Ich überlegte, wie groß das Risiko für unsere zwei Kinder sein könnte, wenn wir in Bali in eine große Villa mit 6 Schlafzimmern und 16 Bediensteten inklusive Masseuse ziehen würden. Wir entschieden uns für die Villa – und ich überlebte und kann diesen Artikel schreiben.
Ich will damit nicht sagen, dass die Bedrohung durch den Terrorismus nicht real ist. Sie ist sehr real, und sie ist sehr beängstigend. Aber nach dem 11.9.2001 muss man mit neuen Realitäten leben. Die Ironie ist, dass der moderne Terrorismus so zufällig ist, dass man sowohl in Hongkong als auch in Bali Opfer eines Anschlags werden kann. Und wenn man sich nicht gerade unter seinem Bett verstecken will, dann gibt es nur sehr wenig, das man tun kann, um seine persönliche Sicherheit zu verbessern.
Das ist allerdings nicht die Sichtweise, die die Presse einnimmt. Die heutigen Presseberichte sind voll von aktuellen "dringenden" Warnungen von Regierungen und Geheimdiensten – die alle legitime Gründe für ihre Sorge haben mögen, obwohl Ihr Urlaub kein Grund für diese Sorge ist.
Das Ergebnis ist, dass ein außerordentlich hohes Niveau von Reise-Paranoia geschaffen wird – was Leuten, die sich dieser Paranoia widersetzen, interessante Chancen bietet. Wenn man sich dieser Paranoia nicht widersetzen will, dann wird man bald ein Sklave der Schlagzeilen – wie wir es fast wurden, als wir unseren Weihnachtsurlaub planten. Das führt mich zur Kernaussage dieses Artikels: Die Entscheidung, wohin und wie wir reisen, ist vergleichbar mit der Entscheidung, wie wir unser Geld investieren. Reiseentscheidungen werden wie Investitionsentscheidungen hauptsächlich aufgrund von allgemein zugänglichen Informationen getroffen. Die großen Reiseziele, wo jeder hinfährt, sind oft nicht befriedigend und teuer – genauso wie die Empfehlungen der Top-Analysten.
Wie beim Geldanlegen kann man bei die Reisestrategien in drei Kategorien einteilen: Antizyklisches Reisen, Massenreisen, "Value"-Reisen. Ich setze auf antizyklisches reisen. Wenn ich einen Sitz in der Economy-Klasse gebucht habe und mich dann auf drei Sitzen breit machen kann, dann weiß ich, dass es ein guter Urlaub werden wird. Meine letzte Erfahrung in Bali hat meine Festlegung auf antizyklisches Reisen nur noch bestärkt. Ich begann in den frühen 1980ern, antizyklisch zu reisen. Damals entdeckte ich, dass die Touristen schlagartig Haiti mieden, wegen des Ausbruchs einer merkwürdigen Krankheit mit Namen AIDS. Eine Zeitlang berichteten die Medien, dass AIDS aus Haiti kommen würde! Ich habe vergessen, was für Gründe dafür genannt worden. Das war natürlich Unfug.
Aber das führte dazu, dass die Touristenhorden die Insel plötzlich mieden. Ich hingegen genoss die unvergessliche Erfahrung einer Reise durch das Land – ohne einen Touristen zu sehen. Meine nächste antizyklische Reise führte mich nach Moskau, kurz bevor dem Putschversuch gegen Boris Jeltsin. Es war ein glorreicher Moment des Übergangs – die Anarchie und die Gangster auf der Strasse waren noch nicht in Erscheinung getreten, gleichzeitig waren die Reformen aber schon so weit gediehen, dass Restaurants, Nachtclubs, Antiquitätengeschäfte wie Pilze aus dem Boden schossen.
In den 1990ern machte ich weitere antizyklische Reisen. Myanmar (das alte Burma) ist das Asien, wie ich es mir vorstelle. Die Hauptstadt Rangoon hat kolonialen Charme, und durch die Strassen tuckern Busse, die in den 1930ern von General Motors gebaut wurden. 1993 besuchte ich Angkor Wat in Kambodscha, während die Vereinten Nationen das Land besetzt hatten. Natürlich ging mir das gelegentliche Artillerie-Donnern der "Roten Khmer" auf die Nerven, und man musste auf den ausgeschilderten Wegen bleiben – aber dafür hatten wir die weltberühmten Ruinen von Angkor Wat für uns alleine. Es war magisch.
Ein anderes antizyklisches Reiseerlebnis war Kuba 1995, als ich Zigarren rauchte und die schönsten Frauen sah, die die Welt je gesehen hat. Danach besuchte ich kurz nach dem Ende des Balkankriegs die dalmatinische Küste, und nach dem Massaker am Platz des Himmlischen Friedens in Peking reiste ich nach China. Antizyklisches Reisen ist nicht immer politisch korrektes Reisen.
Bali allerdings würde ich als die derzeit größte Gelegenheit für antizyklisch Reisende bezeichnen. Man kann schließlich sagen, dass Haiti, Kuba und Kambodscha weniger schöne Seiten haben. Bali jedoch nicht. Wie oft hat man die Chance, eine Insel zu besuchen, die die schönsten Hotels der Welt besitzt? Eine Übertreibung? Bedenken Sie, dass jede Luxushotelkette auf Bali einen besonders luxuriösen Ableger hat. Hinzu kommt, dass außergewöhnliche Villen sehr günstig vermietet werden. Hinzu kommt die Hindu Architektur und Kultur von Bali, die endlosen Strände, und die freundlichsten Menschen auf der Erde. Negativ sind nur die üblichen Rucksacktouristen und die Pauschalreisenden.
Wie alle antizyklischen Gelegenheiten bleibt diese Chance jedoch nicht ewig bestehen. Als ich Bali verließ, waren die Straßen noch ruhig – aber es geht wieder aufwärts. Innerhalb eines Jahres wird der Touristenstrom wieder normal fließen. Großartig für die Einwohner von Bali – aber nicht für die antizyklischen Reisenden.
Die Massenreisenden werden die antizyklisch Reisenden ablösen. Die meisten Reisenden bevorzugen den für Massenreisen charakteristischen Herdeninstinkt. Die Herde an der Wall Street und in den Chefetagen denkt und bewegt sich gleich, und auch ihre Urlaubsorte unterscheiden sich nicht. Sehen Sie sich nur den Erfolg der Hotelkette "Four Seasons" an. Und das ist das Problem. Wenn sich jedes Reisemagazin und jede Cocktailparty-Konversation um die gleichen paar Orte dreht, dann werden diese Orte teurer und gleichzeitig weniger befriedigend. Es ist wie mit den Aktien. In die Dominikanische Republik zu fliegen, ist wie Cisco Systems kaufen. Jede Information über "heiße Reiseziele" in der Vogue ist genauso zuverlässig wie ein reißerischer Aktientipp. Deshalb bin ich kein Fan von Massenreisen.
Dann gibt es noch die "Value"-Reisen. Das bedeutet, dass man jedes Jahr zu Ostern an den gleichen Ort reist, und das seit mindestens 20 Jahren. Das kann der Genfer See sein, ein Landhaus mitten in England – mit diesem Urlaub kann man nichts falsch machen. Diese Trips sind wie eine gute Dow Jones-Aktie: Es gibt eine stetige Dividende und moderate Gewinne, aber nur wenig außergewöhnliches Wachstum. Die Reiseindustrie liebt diese Mentalität. Sie mag für Reisebüros und Mütter gut sein – aber diese Reiseform mag nicht sehr befriedigend sein. Die Welt wird ein zunehmend hässlicher Platz, und antizyklische Reiseziele zu finden (und damit meine ich NICHT Irak oder Kolumbien oder Tschetschenien oder Israel), ist gleichbedeutend mit dem Finden eines immens befriedigenden Urlaubs. Für die Leute, die ihren Weihnachtsurlaub in Bali verbracht haben, war das so, als ob sie vor einem Jahr Gold gekauft hätten.