Anschläge in Istanbul
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 20. November 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Unsere Welt ist seit dem 11.September 2001 anders geworden. Sie dreht sich anders. Wenn einige den letzten Terrorakt in Istanbul noch als "Einzelfall" sehen wollten, ist nun klar, dass es weiter gehen wird. Die Medien stellen offen die Frage: Wie lange wird es noch dauern, bis der Terror Deutschland oder wieder Amerika erreicht?
Meiner Meinung nach sind diese Anschläge der letzte Beweis dafür, dass die Terrororganisationen genug Zeit gefunden haben, sich neu aufzubauen und zu strukturieren. Deswegen ist es auch völlig unsinnig zu glauben, dass die Zeit des Terrors bald vorbei wäre. Diese Erkenntnis wird sich nach den heutigen Anschlägen auch in der breiten Masse durchsetzten.
Ich war gerade long, da ich mir sehr sicher war, dass es zu einer kleinen Gegenbewegung nach oben kommen würde. Dann folgten die Anschläge in Istanbul. Doch wie soll man sich über Verluste ärgern, wenn anderswo Menschen ihre Ehefrauen/männer, ihre Mütter und Väter und vielleicht sogar ihre Kinder verlieren? 450 Verletzte und 26 Tote, so einer der gemeldeten Zahlen.
Und so mehr solcher Anschläge, so mehr unschuldige Opfer wir weltweit zu beklagen haben, so mehr die Bilder des Krieges im Irak, Bilder der vielen Anschläge in letzter Zeit über unsere Bildschirme flimmern, desto mehr frage ich mich, was ist das nur für eine Zeit in der wir leben und wo wird das alles wohl hinführen?
Da nützt es auch nicht, dass die amerikanische Regierung im Irak wieder den Krieg beginnt. Dieses Problem ist durch Gewalt nicht zu lösen. Besonders, da es eigentlich erst durch Gewalt entstanden ist. Wenn Amerika gehofft hatte, den Terrorismus durch den Irakkrieg einzudämmen, so zeigt sich nun, dass durch den Irakkrieg das Feuer des Terrors erst richtig geschürt wurde. Wer Gewalt säht, wird Gewalt ernten.
Für die Börsen bedeutet dies: Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Broadening-Formationen auf die ich aufmerksam gemacht hatte, die großen Umkehrformationen aus den Charts vollendet werden, wächst von Tag zu Tag.
Gegen 15.30 Uhr schockte dann noch eine weitere Nachricht die Märkte. Das weiße Haus sei geräumt worden. Als Grund wurde genannt, dass ein Flugzeug den Luftraum über dem Weißen Haus verletzt hätte. Zum Glück stellte sich heraus, dass es keinen terroristischen Hintergrund gab.
Zur US-Wirtschaft: Etwas erleichtert war ich, als ich las, dass Alan Greenspan die US-Regierung vor protektionistischen Maßnahmen gewarnt hat. Das war wohl eine Reaktion auf die geplanten Restriktionen gegen Textilprodukte aus China. Greenspan sagte, dass solche protektionistischen Maßnahmen die Flexibilität der Weltwirtschaft erheblich untergraben könnten. Dem schleichenden Protektionismus solle daher frühzeitig begegnet werden.
Ehrlich, ich war bisher wirklich erstaunt, dass sich in Amerika so gar kein Widerstand gegen solche Maßnahmen entwickeln wollte. Wie gesagt, es steht außer Frage, dass Protektionismus der eigenen Wirtschaft mehr schadet als nutzt. Ich hoffe Greenspan kann sich mit seiner Haltung durchsetzen.
In welcher Traumwelt sich Greenspan allerdings aufhielt als er meinte, die Probleme, die sich in der US-Leistungsbilanz manifestieren, werden sich "freundlich auflösen", kann ich nicht sagen. Die internationalen Anleger sehen das eindeutig anders. Aber gerade um diese geht es. Greenspans Aussage wirkte ein wenig so, als solle hier das "Schlimmste" verhindert werden. Als Reaktion auf die schlechten Zahlen ausländischer Investitionszuflüssen (siehe gestern) sagte Greenspan, dass die USA keine Probleme kriegen werden, internationales Kapital zu Finanzierung des Außenhandelssaldos anzuziehen.
Man sollte diese Aussagen aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Dass Alan Greenspan überhaupt so deutlich auf diese Zahl reagiert hat, ist ein deutlicher Hinweis darauf, wie bedrohlich diese Zahlen empfunden wurden.