Anmerkungen zum Dollar
Michael Vaupel in Traders Daily zum Thema Devisen & Devisenhandel
vom 12. August 2008, 12:00 Uhr
ENL5454
Der Euro hat in den letzten beiden Wochen gegenüber dem Dollar bekanntlich deutlich verloren. Von knapp 1,60 ging es auf rund 1,50 runter.
Meiner Einschätzung nach ist dies aber kein grundlegender Trendwechsel - die Dollar-Erholung sollte deshalb demnächst auslaufen.
Begründung: Solange die EU einen Außenhandelsüberschuss erzielt und die USA ein gewaltiges Minus in der Handelsbilanz haben, wird es der Dollar gegenüber dem Euro schwer haben.
Und das Minus in der US-Handelsbilanz ist riesig, mit sogar steigender Tendenz. Die neuesten Zahlen gibt es heute Nachmittag, und ein weiterer Anstieg des Minus ist wahrscheinlich (siehe dazu der Abschnitt „Heute anstehende Termine" weiter unten).
US-Handelsbilanzdefizit also. Die USA importieren weit mehr, als sie exportieren. Was bedeutet das eigentlich?
Nun, zunächst einmal, dass mehr Geld aus dem Land fließt, als hineinströmt. Dieser Betrag lässt sich genau beziffern: Derzeit sind es rund 2 Milliarden US$ - PRO TAG!
Das ist der Betrag, um den der Wert aller importierten Waren den Wert aller exportierten Waren übertrifft. Deshalb ist es kein Wunder, dass sich besonders in den kalifornischen Häfen mittlerweile leere Containerschiffe stauen. Sie kommen voll beladen aus Asien an, löschen ihre Fracht - und haben dann keine Ladung, mit der sie nach Asien zurückkehren könnten. Deshalb die riesige Armada leerer Containerschiffe an der amerikanischen Westküste.
Ich bewerte dieses amerikanische Handelsbilanzdefizit eindeutig negativ. Um eins klar zu stellen: Ein Handelsbilanzdefizit ist nicht grundsätzlich negativ zu bewerten. Es kommt auf den wirtschaftlichen Kontext an. So kann es zum Beispiel für ein Land, das nach einer schweren Krise wieder auf den Wachstumspfad zurückfindet, durchaus sinnvoll sein, ein Handelsbilanzdefizit zu haben.
Nehmen Sie die alte Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg: Der Export lag am Boden, da die landwirtschaftliche Produktion, die abgebauten Rohstoffe und die geringe Konsumgüterproduktion im eigenen Land gebraucht wurden. Es wurden Rohstoffe, Nahrungsmittel und Fertigprodukte importiert - aber auch Material, um die teilweise demontierten Fabriken wieder aufzubauen.
Gerade der Import von Gütern, die die eigene Produktionsbasis stärken, kann sehr viel Sinn machen - auch auf Kosten eines vorübergehenden Handelsbilanzdefizits. Denn durch diesen Import kann die eigene Produktionskapazität erweitert werden, was sich langfristig in steigenden Exporten und damit einer nachhaltigen Verbesserung der Handelsbilanz niederschlägt.
Aktuell sehen wir diese Entwicklung z. B. in Vietnam - deshalb weist dieses Land aktuell ein Handelsbilanzdefizit vor, gleichzeitig bin ich für diesen Markt sehr, sehr bullih.
In den USA sieht es anders aus: Die Vereinigten Staaten sind kein Land, das nach einer schweren Krise wieder auf den Wachstumspfad zurückfindet und deshalb verstärkt Güter zum Ausbau des produktiven Sektors importiert.
Es sind hauptsächlich Konsumgüter, die importiert werden.
Konsumgüter, die im Ausland - vor allem in Südostasien - billiger als in den USA selbst hergestellt werden können. Angefangen von Textilwaren bis hin zu Flachbildschirmen, meist „Made in China". Sie müssen wissen: Die US-Wirtschaft ist extrem konsumlastig, der private Konsum ist für rund drei Viertel des amerikanischen Bruttoinlandsproduktes verantwortlich. Diese Konsumlastigkeit durch ein hohes Handelsbilanzdefizit noch auszubauen, halte ich nicht für sinnvoll - weshalb ich das US-Handelsbilanzdefizit als eindeutig negativ bewerte. Negativ für die US-Wirtschaft insgesamt, und damit auch negativ für den Dollar. Ich würde also nicht auf einen weiter steigenden Dollar setzen, ganz im Gegenteil.
Herzlichst,
Ihr
Michael Vaupel