Anleihen schwach, Rohöl fest ... ein brisanter Mix
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 23. Juni 2006 07:30 Uhr
ENL5462
Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser!
Die Konjunkturdaten stellen zwar weiterhin eine Mixtur aus latenter Inflationsgefahr und abflauender Konjunktur dar, aber in den letzten Tagen kam wirklich nichts Umwerfendes auf den Tisch. Wir erlebten eine ruhige Woche, bevor es dann ab Monat spannend wird. Dann kommen die ifo-Daten in Deutschland, US-Daten zum Verbrauchervertrauen, dem Immobilienmarkt und den persönlichen Einkommen und Ausgaben .... und natürlich die Sitzung der US-Notenbank.
Dies dürfte ein – und wohl sogar DER – Grund sein, weshalb sich die deutschen Anleihekurse in den vergangenen Tagen immer weiter nach unten bewegt haben. Die steigenden Renditen spiegeln dabei aber nicht die zu erwartende Zinserhöhung in den USA am kommenden Mittwoch wieder, denn nach der Flut mahnender Worte seitens Fed-Chef Ben Bernanke und mehreren seiner regionalen Notenbankgouverneure wurde diese Zinsanhebung längstens in den Kurs der US- und deutschen Anleihen eingepreist. Hier scheint sich vielmehr eine Art vorauseilenden Gehorsams zu etablieren, der jetzt bereits die nächste Zinsanhebung im Sommer und damit, so ich denn richtig mitgezählt habe, die 18. in Folge, eskomptiert.
Anleihen in vorauseilendem Gehorsam
Natürlich ist eine solche Maßnahme aus heutiger Sicht noch völlig offen. Denn es ist keineswegs abzuschätzen, ob die bisherigen Zinsmaßnahmen bis dahin endlich auch auf den Immobilienmarkt und den Konsumbereich wirken. Es kann dann gar nichts passieren, es kann die letzte Anhebung werden oder auch nur eine Zwischenstation in Richtung Leitzinsen von 6 Prozent, sofern die durch Konsumwahnsinn und Häuserboom über der Schmerzgrenze liegende Inflation dann immer noch keinen spürbaren Rückgang andeutet. Aber die Börse spielt die Zukunft ... und die ist, wie wir wissen, ungewiss.
Der Bund Future hat sich jedoch erst einmal für fallende Kurse (was steigende Anleihezinsen bedeutet) entschieden. Und dies aus chart- und markttechnischer Sicht an sensibler Stelle: Ausgerechnet an der Widerstandslinie auf Höhe der Mai-Tops bei 117,00 drehten die Kurse Ende der Vorwoche wieder nach unten und notieren jetzt genau auf Höhe der zwischen diesen beiden Hochpunkten. Gut, für ein Doppeltop bedarf es zuvor ja eines vernünftigen Kursanstiegs, und den hatten wir nicht. Aber ein bearishes Signal wäre ein Schlusskurs unterhalb der aktuellen Niveaus dennoch.
Mit dem aktuellen Verkaufssignal des MACD und des Bruchs des kurzfristigen Aufwärtstrends ist durchaus damit zu rechnen, dass der Bund Future diesen Rutsch auch vollzieht und als nächstes Ziel den Bereich um 114,70 ansteuert. Damit wäre das Zinsniveau wieder auf dem Niveau vom Sommer 2004 angekommen ... und eine Konkurrenz für den wackeligen Aktienmarkt.
Euro/Dollar bei gemütlicher Bodenbildung
Auch den Euro/Dollar-Kurs, dessen Rücksetzer in den Bereich von 1,25 so erfreut am Aktienmarkt registriert wurde, sollten wir uns mal wieder genauer ansehen. Denn sollte der Kurs nun wieder nach oben drehen, wäre damit neben den Bonds, den Rohstoffen und dem Rohöl ein weiterer negativer Aspekt für den Aktienmarkt wieder in alter Frische präsent. Sie sehen im Chart, dass der Euro zunächst vergeblich einen Anlauf über die 1,30er Marke vornahm. Der daraufhin folgerichtige Rücksetzer führte den Euro in eine recht markante Auffangzone zwischen 1,25 und 1,26 – aber nicht weiter. Hier vollzieht sich aktuell eine „gemütliche“ Bodenbildung ohne große Schwankungsbreite, was auf ein geringes Interesse hindeutet, den Euro weiter in Richtung 1,21 zu drücken.
Die Markttechnik deutet hier wieder Aufwärtspotenzial an, so dass es durchaus sein kann, dass wir schon in der kommenden Woche einen erneuten Anlauf in Richtung 1,30 erleben. Was nicht dazu passt ist die mittelfristig immer noch immens bullishe Stimmung der institutionellen Anleger zu Gunsten des Euro. Denn dies deutet auf ein hohes Niveau an Long-Positionen hin, die natürlich schnell aufgelöst werden würden, wenn sich doch ein Break unter die 1,25 andeutet.
Aber unter dem Strich bleibt: Die Anleihen und der Euro/Dollar-Kurs sind im Moment so gerade eben noch neutral zu werten, stehen aber an der Schwelle, um erneut negativen Einfluss auf den Aktienmarkt zu nehmen. Hinzu kommt das erneut stabilisierte Rohöl:
Rohöl: Konsolidierung abgeschlossen
Wie von mir vorgestern befürchtet wurde die Konsolidierung des Kurses nunmehr abgeschlossen. Die Unterstützungslinien hatten gehalten, nun ist der kurzfristige Abwärtstrendkanal und zugleich der 20 Tage-Durchschnitt wieder überwunden. Damit ist auch chart- und markttechnischer Sicht (siehe Kaufsignal des MACD) wieder der Weg in Richtung knapp 75 US-Dollar pro Barrel frei. Und mit Blick auf die beginnende Urlaubs- und Hurrikansaison würde mich ein Überwinden dieser Hürde in Richtung 80 US-Dollar binnen der kommenden vier Wochen nicht wundern!
Mehr hierzu natürlich in der kommenden Woche - ich wünsche Ihnen bis dahin ein angenehmes Wochenende – bis Montag!
Ronald Gehrt
PS: Falls sie bestimmte Bereiche der Börsen im „Daily Observer“ vermissen, schreiben Sie mir doch einfach an info@investor-verlag.de. Ich werde Anregungen zu neuen Themenbereichen gerne aufnehmen.
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