Anleihen: Kurze Einführung
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 15. Januar 2010, 16:00 Uhr
ENL5454
leider bin ich kurzfristig durch einen wichtigen Termin zeitlich eingebunden, weshalb die heutige Ausgabe von Investoren Wissen ausnahmsweise relativ kurz ausfällt (die Fondsvorstellungen habe ich natürlich nicht vergessen. Kommt nächste Woche. Versprochen!)
Ab Montag gibt es wieder den gewohnten Umfang.
Heute habe ich für Sie einen grundsätzlichen Artikel zur Funktionsweise von Anleihen.
Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende.
Alexander Hahn
Liebe Leser,
„Die Zinsen werden steigen, Anleihenkurse crashen...“ Wer diesen Satz verstehen will, sollte sich mit der Funktionsweise von Schuldverschreibungen (=Anleihen, Obligationen, Bonds) gut auskennen. Deshalb werde ich Ihnen im heutigen Artikel eine Art kleines Grundwissen in der Thematik vorstellen. Nächste Woche steigen wir dann in die Praxis ein und schauen, ob wirklich höhere Zinsen drohen, was dies für Anleihen bedeuten könnte und wie Sie sich als Anleger darauf vorbereiten können. Viel Spaß beim Lesen...
Was ist eine Anleihe?
Eine Anleihe ist ein festverzinsliches Wertpapier, bei dem sich der Emittent der Anleihe gegen Zahlung von Zinsen von der Öffentlichkeit (Fonds, Privatinvestoren, Versicherungen, Staaten etc...) Geld leiht.
Wer emittiert Anleihen?
Mit der Auflegung von Anleihen versuchen vor allem der Staat, Länder und Gemeinden, öffentlich-rechtliche Gebietskörperschaften, Kreditinstitute und emissionsfähige Großunternehmen (i.d.R. nur AGs, große GmbHs und KGaAs) über den Kapitalmarkt langfristige Kredite in größerem Umfang aufzunehmen.
Wie werden Anleihen emittiert?
Da es für den Herausgeber einer Anleihe kaum möglich ist, den gesamten Kreditbetrag in einem Stück am Kapitalmarkt zu platzieren, zerlegt man ihn in kleinere Teilbeträge und emittiert diese in Form von i.d.R. festverzinslichen Teilschuldverschreibungen mit entsprechendem Nennwert (es gibt natürlich auch Anleihen mit veränderlichem Zinssatz, sog. "Floating Rate Bonds". Hierbei kann das Zinslevel an verschiedene Faktoren gekoppelt sein, mehr dazu in einem späteren Artikel).
Der Käufer dieses verzinslichen Wertpapiers erhält für den Kauf während der Laufzeit einen bestimmten Zins (fest oder eben variabel, s.o.). Nach Ende der Laufzeit der Anleihe erhält der Anleger seinen investierten Betrag durch die Zahlung des Nennwerts zurück.
Der Anleger kann die Anleihe während der Laufzeit nicht einseitig kündigen, doch besteht für ihn die Möglichkeit, das Wertpapier vor Ablauf zu verkaufen.
Wie berechnet sich der Kurs einer Anleihe?
Die meisten Anleihen notieren in Prozent des jeweiligen Nominalwerts. Ein Kurs von 101,25 bedeutet also, dass der Käufer 101,25 % des Nominalwerts der Anleihe beim Kauf zu bezahlen hat.
Neben der Zinszahlung kann ein Anleger somit auch Kursgewinne und Kursverluste machen, wenn er die Anleihe vor Ablauf verkauft.
Der Nominalwert (Kurswert) einer Anleihe hängt vor allem vom aktuellen und vom zukünftig erwartetem Kapitalmarktzins ab.
Hierzu ein etwas vereinfachtes Beispiel :
Sie investieren 10.000€ in eine zehnjährige Staatsanleihe der BRD und erhalten dafür einen festen Zinssatz in Höhe von 4% p.a., entsprechend dem zur Zeitpunkt der Emission gültigen Marktzins. Der Kurs der Anleihe beträgt somit 100%.
Halten Sie die Anleihe die vollen 10 Jahre, bekommen Sie jedes Jahr Ihre Zinsen aus- und am Ende den Nominalwert (10.000€) zurückgezahlt.
Nun nehmen wir jedoch an, dass Sie die Anleihe bereits nach 5 Jahren verkaufen wollen. In dieser Zeit ist der Marktzins von 4% auf 8% gestiegen. Wenn Sie nun einem Investoren Ihre Schuldverschreibung am Markt verkaufen wollten, hat dieser die Wahl, Ihre Anleihe mit einer Restlaufzeit von 5 Jahren und 4% Zinsen zu kaufen, oder eine andere Anleihe zu nehmen, welche einen Zinskupon gemäß dem aktuellen Marktzins in Höhe von 8% bietet.
Da Sie mit dem Marktzins "nicht mithalten können", erfolgt die Anpassung des Wertes Ihrer Anleihe an den aktuellen Marktzins über den Kurswert. Da Ihre Anleihe 4% weniger Zinsen über 5 Jahre hinweg bringt, ergeben sich rechnerisch 4% x 5 Jahre = 20% weniger Zinseinnahmen für den neuen Anleihenkäufer. Dementsprechend wird er die Anleihe nicht zu 100% sondern nur zu einem Kurswert von 100%-20% = 80% des Nominalwertes kaufen (Sie bekommen statt 10.000€ nur 8.000€ zurück).
Durch diesen Verkauf würden Sie damit einen Verlust in Höhe von 2.000€ realisieren. Insgesamt haben Sie mit Ihrer Staatsanleihe damit 5 Jahre x 400€ (Zinszahlungen) minus 2000€ (Kursverluste) = 0€ oder 0,00% erhalten
Weiterhin bestimmt das Ausfallrisiko als Preis- und Kuponbestimmungsfaktor, wie hoch der Kupon (=die Verzinsung) einer Anleihe zum Zeitpunkt der Emission über dem Marktzins liegt. Bei einem hohen Ausfallrisiko (schlechte Bonität des Schuldners) führt dies zu einem hohen Aufschlag auf den Marktzins.
Wie riskant sind Anleihen?
Der Schuldner einer Anleihe kann prinzipiell jederzeit in Zahlungsverzug kommen oder sogar zahlungsunfähig werden. Deshalb müssen Emittenten mit einem hohen Ausfallrisiko bzw. einer schlechten Bonität eine höhere Verzinsung bieten, um trotz dieses Risikos noch Investorengeld anlocken zu können.
Wer bewertet die Bonität eines Schuldners?
Dies machen private und gewinnorientierte Ratingagenturen wie Moody's, Standard & Poor`s oder Fitch. Sie überprüfen gewerbsmäßig die Bonität von Staaten, Unternehmen, Ländern und Kommunen. Durch einen sog. Ratingcode (je nach Agentur unterschiedlich, z.B. von AAA (beste Qualität bis D (zahlungsunfähig)) werden die Schuldner bezüglich des Rückzahlungsrisikos bewertet.
In der Vergangenheit kam es immer wieder zu krassen „Fehleinschätzungen“ der Agenturen (Subprime-Krise, Enron...). Gleichzeitig verfügen die Ratingagenturen über eine enorme Macht. Durch ihre Bewertungen lenken sie einen Fluss von mehreren Billionen Dollar, ohne dabei immer zwangsläufig genau zu sagen, wie diese überhaupt zustande kommen.
Ein Autor der „New York Times“, Thomas Friedman, schrieb vor geraumer Zeit, seiner Meinung nach gebe es heutzutage nur noch zwei Supermächte. Die Vereinigten Staaten von Amerika und Moody`s.
„Und glauben Sie mir, es ist keinesfalls sicher, wer der Mächtigere von beiden ist."
Nächste Woche u.a. mehr zum Thema "Staatsanleihen"...
Beste Grüße