Angst vor Deflation und Rezession? Doch was ist mit Inflation?
Michael Vaupel in Traders Daily zum Thema Kapitalschutz
vom 13. November 2008, 12:00 Uhr
ENL5462
**** Trader´s Daily-Leser Hartmut S. schrieb mir zum Beitrag „231 Millionen Prozent Inflation":
„Bezahlt dann (bei einer Hyper-Inflation) der Staat seine Schulden letztendlich nominal so zurück, wie er sie aufgenommen hat, mit Inflationsgeld, das mit sinnlos hohen Werten bedruckt ist? Wieso lassen sich die Gläubiger so etwas gefallen? Die könnten doch verlangen, das der Schuldbetrag um den Faktor der inflationären Entwertung nach ober adjustiert wird.
Kann denn ein privater Kreditnehmer dann seinen Schuldenbetrag von 100.000 Euro auch mit Banknoten begleichen, die mit 100.000 Euro bedruckt sind, für die man aber nur ein Brot erhält - oder verweigern die Banken die Tilgung?"
Und weiter.
„Lässt sich ableiten, dass in einer Hyperinflation derjenige einen Vorteil hat, der besonders hohe Schulden hat, keine Ersparnisse aber Gold besitzt (oder andere Sachwerte)? (...) In anderen Worten: Sollten alle, die eine Hyperinflation erwarten, sich hoch verschulden und ihre Sparkonten in Sachwerte ummünzen?"
Meine Antwort:
Der Leser hat gefragt - und sich die Antworten im Prinzip bereits selber gegeben. Und zwar die richtigen Antworten.
In der Tat: Eine Hyper-Inflation begünstigt die Schuldner, da ihre Schuldenlast real viel weniger wert geworden ist. Dazu braucht es keine „Hyper-Inflation", jede Form von Inflation hat letztlich diesen Effekt.
Und Sachwerte wie Gold haben sich in Zeiten starker Inflation nun einmal als relativ „sichere Häfen" erwiesen. Aktien übrigens auch, zumindest tendenziell: Denn wenn eine Aktie einen Anteil an einem „Value"-Unternehmen (kein Wachstumsunternehmen, sondern substanzstarker Wert) darstellt, dann steigt der Aktienkurs im Normalfall ebenso wie die Inflation.
*** Das ist übrigens ein Argument dafür, dass die Aktienkurse weltweit seit 1950 per saldo stark gestiegen sind: Denn die Währungen, in der die Kurse notieren, sind eben real auch viel weniger wert als noch vor 50 Jahren!
Ein Dollar des Jahres 2008 hat eine viel geringere Kaufkraft als ein Dollar des Jahres 1950.
Vor einer Hyper-Inflation habe ich keine Angst. Aber ein Wiederauferstehen des Themas „Inflation" sehe ich durchaus - und zwar vielleicht schon 2009.
Hintergrund: Gerade senken die Zentralbanken weltweit massiv die Zinsen und überschütten die Volkswirtschaften geradezu mit billigem Geld. Die Geldmengen steigen wieder stark.
Kurzfristig dient das dazu, eine (mögliche) Rezession zu bekämpfen und hat deshalb Sinn. Doch eigentlich müsste noch vor dem richtigen "Anschlagen" dieser Medizin der Hahn schon wieder zugedreht werden. Denn: Solche geldpolitischen Maßnahmen wirken mit (von mir geschätzt) einigen Monaten Verzögerung.
Die erfolgten geldpolitischen Maßnahmen reichen wahrscheinlich aus, um eine richtig herbe Rezession zu verhindern. Wenn nun aber weitergemacht wird, um möglichst auch eine kleine Rezession zu verhindern (was ich widersinnig finde: mittlerweile wird der Eindruck erweckt, als ob jede Rezession - das Natürlichste der Welt, denn auch die Wirtschaft verläuft in Zyklen - per se etwas „Schlimmes" wäre)...
...dann wird dies meiner Einschätzung nach mit Verzögerung eben zu einem deutlichen Wiederanstieg der Inflation führen.
*** Inflation wird in den nächsten Wochen wahrscheinlich kein Thema sein (außer bei sehr guten Analysten, so meine unmaßgebende Ansicht): In der Masse wird „Angst" vor Rezession und möglicher Deflation die Kommentare und Analysen beherrschen.
Doch wenn es so weitergeht, wie ich es oben beschrieben habe, könnten sehr viele Marktteilnehmer 2009 überrascht werden: Nämlich dann, wenn „schlagartig" das Thema Inflation auf der Tagesordnung stehen wird.
Bleiben Sie wachsam!
Ihr
Michael Vaupel
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