Angie und ein bisschen Gretchenfrage
Miriam Kraus in Rohstoff Daily zum Thema Kapitalschutz
vom 15. November 2011, 20:30 Uhr
ENL5454
Ja, ich weiß, auf Dauer kann's schon langweilig werden mit der Zonen-Krise. Vor allem dann, wenn sich nichts tut, außer steigenden Anleihenzinsen. Aber auch für solche Tage bieten sich ja Themen zur Ablenkung an, wie ein bisschen Haue für die Rating-Heinis und das übliche Gekloppe auf die bösen Leerverkäufer. Doch der Schein der seichten Langeweile trügt...
Die Kanzlerin und ein bisschen Gretchenfrage
Ich hatte es ja gestern schon am Rande erwähnt: Deutschen-Häuptling Angie hat offenbar erkannt, dass man am Ende die Gretchenfrage nach dem unbedingten Für oder Gegen die Zone wird beantworten müssen und erklärte ihren Mitpolitikern am CDU-Parteitag, wie wichtig es sei, dass Europa nun Schritt für Schritt auch politisch zusammenwachse.
Tatsächlich hat sie Recht: will man das Euro-Gebilde wirklich auf lange Zeit retten, dann führt kein Weg an einer schlussendlichen wirtschafts- und finanzpolitischen Union vorbei. (was eigentlich damals eine Voraussetzung für die Währungsunion hätte sein müssen...aber lassen wir das).
Doch lustigerweise kommen sogar ihre zahnlosen Pläne nicht gut an, die auf einer Verfassungsänderung der EU-Verträge beruhen und ein europäisches Eingriffsrecht in nationale Haushaltspolitik zur Folge haben sollen (allerdings geht es dabei auch nur um einen Kompromiss, der vorsieht einen Haushalt von europäischer Seite ablehnen zu können, mit der Konsequenz, dass immer noch der Nationalstaat selbst dann über die neue Ausrichtung des Haushaltes entscheidet). Die Briten sind schon mal gar nicht amused und auch viele Eurozonen-Länder sehen die Dinge skeptisch, weil vermutlich einige Referenden durchgeführt werden müssten.
Tja, was soll man sagen?! Man kann nicht alles haben: wer eine stabile Zone haben will, der muss auch zur Aufgabe der nationalen Souveränität bereit sein. Wenn nicht, dann muss die Zone über kurz oder lang, wieder verschwinden und als gescheitert erklärt werden. Allerdings bin ich nach wie vor dafür, dass über diese heikle Frage die europäischen Bürger abstimmen sollten.
Davon abgesehen fand ich allerdings auch ganz interessant, dass davon die Rede war, mit einer EU-Vertragsänderung, könne dann auch ein freiwilliger Austritt eines Euro-Landes aus der Zone möglich werden.
Wissen Sie an was mich das erinnert?
An den redefreudigen EU-Offiziellen, der letzte Woche gegenüber Reuters erklärt hatte, Angie und Nic würden längst hinter den Kulissen über die Möglichkeit einer Nordzone diskutieren. Natürlich wurde das sofort dementiert, aber...ganz ehrlich...die Häuptlinge müssten schon extrem naiv sein, wenn sie nicht wenigstens über diese Alternative nachdächten. (andererseits sollte man ja auch nie einen Politiker überschätzen...aber mir gefällt die Vorstellung besser, dass die tatsächlich noch einen Plan haben könnten...die Hoffnung stirbt eben zuletzt.)
Allerdings läuft die Zeit immer weiter ab
Dennoch sollten sich alle Beteiligten klar machen, dass das Zeitfenster immer enger wird. Die Renditen auf 10-jährige italienische Anleihen notierten heute schon wieder über 7% - also über der magischen Grenze, ab der Griechen, Portugiesen und Iren aufgeben mussten. Die Zinsen auf 10-jährige spanische Bonds stiegen heute auf 6,31%. Auch die Belgier müssten sich heute mit Renditen von 4,8% auf Anleihen mit 10 Jahren Laufzeit auseinander setzen. Zehnjährige französische Zinsen stiegen auf einen neuen Rekordstand bei 3,59%. Und selbst die Österreicher müssten heute 3,61% Zinsen auf 10-jährige Anleihen berappen.
Ich kann Ihnen nicht auf den Tag sagen, wie lange das noch so weitergehen wird bzw. kann - aber ich bin mir sehr sicher, dass es nicht einfach so und von alleine wieder gut werden wird. Und je länger die Zonenpolitik mit einer echten Antwort auf die Gretchenfrage zögert, desto schlimmer wird es werden.
Zum zweiten Teil von: Wie lange noch, bis die EZB völlig einknickt?
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von ralf (16.11. 2011 00:00 Uhr):
Hallo Fr. Kraus Seit etwa 2 Jahren bin ich ein echter Fan. Humorvoll, umfassend und aus einer guten Perspektive, bringen sie all die üblen Politneuigkeiten rüber ohne das ich wie üblich kotzen muß. Als Verbesserung könnte ich mir lediglich periodische hinweise auf die Gefährdung unserer Demokratie vorstellen. LG Ralf
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