Analysten reagieren auf Vertrauensverlust mit strengeren Verhaltensregeln
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 30. Oktober 2002 18:00 Uhr
ENL5454
Na, ob das nicht etwas zu spät kommt? Anscheinend haben aber die Analysten die scharfe Kritik an ihrem Berufsstand endlich wahrgenommen und umgesetzt. Das zu einem Zeitpunkt, wo das Wort "Analyst" schon teilweise Schimpfwortcharakter hatte. Insbesondere die Interessenskonflikte hatten zu vielen Vorwürfen geführt. Anleger erwarten eine objektive und neutrale Bewertung der vorgestellten Aktien, Banken und Firmen wollen da natürlich eher positivere Bewertungen sehen. Manche Empfehlungen und Analysen waren wirklich zu durchsichtig, wenn man wusste, wie die Banken mit den Firmen verstrickt waren.
Die Analysten kamen soweit in Verruf, dass ich zeitweise Aussagen hörte, es sei besser immer das Gegenteil dessen zu tun, was die Analysten empfehlen. Das hatte natürlich einerseits auch etwas damit zu tun, dass bei vielen Analysten und Händlern die letzten 2 Jahre ein grundsätzlicher Hang zum Optimismus erkennbar war. Der läst erst seit einiger Zeit nach (übrigens auch ein Zeichen dafür, dass ein Boden gefunden sein könnte) Andererseits gingen Kaufempfehlungen in den letzten beiden Jahren meistens fehl.
Nun soll ein Berufskodex für Finanzanalysten Abhilfe schaffen. In diesem Kodex werden allgemeine Sorgfaltspflichten beim Erstellen von Analysen definiert. Unter anderem müssen Interessenskonflikte zwischen dem Analysten und der eigenen Bank oder der Firma offengelegt werden. Auch solle der Analyst nicht mehr mit den Aktien die er bewertet handeln dürfen. (In Amerika ist das schon länger so geregelt, soweit ich weiß) Desweiteren sollen Bewertungen von einem Arbeitskollegen gegengelesen werden.
Verstöße gegen dieses Regelwerk will der Verband mit Verwarnungen, Geldstrafen bis hin zu einem Ausschluss aus der DVFA (Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management) ahnden.
Das Vertrauen der Anleger werden diese Maßnahmen nicht so schnell wieder herstellen können, aber der Vertrauensverlust resultiert ja nicht nur aus den Fehlanalysen. Viele Anleger haben natürlich nach Schuldigen gesucht, als ihre Gewinne schmolzen und ihre Verluste wuchsen. Da waren die Analysten bestens geeignet. Trotzdem ist der Berufskodex ein Schritt in die richtige Richtung.