Analysten erkennen: Wir befinden uns in unbekanntem Gelände
Jürgen Nowacki in Investoren Wissen
vom 13. Juli 2011, 16:00 Uhr
ENL5454
Liebe Leser, die Stunde schlägt für die Technische Analyse. Wir stecken in der klassischen Situation, dass die Experten momentan kaum fundamental begründete Vorschläge über das weitere Vorgehen am Markt machen können. Der Feind des Anlegers, gestatten Sie mir dieses pathetische Beispiel, kommt gleich aus mehreren Richtungen. Aus Griechenland, Portugal, Irland und Italien kommen nur noch schlechte Nachrichten zur Verschuldung. Dringend benötigte Ersatztruppen zur Verstärkung (also Kredite zu günstigen Zinssätzen) wären unterwegs heißt es aus Brüssel, aber der Ankunftstermin wird Woche für Woche verschoben. Der Euro ist eingekesselt, systemische Risiken lauern wie die Wölfe darauf, dass ein Land ausbricht und die Eurofamilie verlässt, um es im Alleingang zu versuchen. Das Schicksal des Euro, scheint besiegelt.
So mag ein Investor heute die Nachrichtenlage am Parkett empfinden, wenn fundamental günstig bewerte Aktien immer wieder ausgestoppt werden. Und irgendwann kommt der Punkt, an dem der Stopp keinen Sinn mehr macht, weil er wegen der Volatilität zu weit weg gelegt werden muß. Jetzt den Handel vorübergehend einstellen und den Handelscomputer erst wieder anstellen, wenn klar ist, was gespielt wird, ist nicht der schlechteste Rat. Die Nerven vieler Anleger liegen blank und so lassen sich auch die starken Marktschwankungen erklären.
Börsianer stellen sich jetzt die Frage, wie stark ist der Markt wirklich und werden sich die Verkaufsargumente in wenigen Tagen abnutzen? Oder wird jetzt eine Trendwende eingeleitet, in der es ratsam wäre, Short-Positionen aufzubauen?
Was sagt der 12-Month-Slope-Indikator dazu?
Der Slope-Indikator, so viel sei vorweggenommen, ist nicht geeignet überkaufte oder überverkaufte Marktsituationen zu identifizieren, sondern er funktioniert ähnlich wie ein Momentum-Oszillator. Er nützt dem Analysten zur Identifizierung von Trendrichtung und Trendstärke sowie zur Ermittlung von Einstiegs- und Ausstiegspunkten, also genau das richtige Instrument für schwierige Zeiten wie diese.
Interpretation des Slope-Indikators
Der Einstieg in die Technik erfolgt über eine lineare Regression, das ist die Basis (s. Archiv). Befindet sich der Kurs im Aufwärtstrend, so bewegt sich die Slope-Kurve (unterer Chartabschnitt) oberhalb ihrer Nulllinie, im Abwärtstrend verläuft die Kurve darunter. Mit ihrer Hilfe lassen sich also Einstiegspunkte für Long- und Short-Positionen ausfindig machen. Gehen wir das im Detail einmal am Beispiel des folgenden Charts vom S&P 500 (Nov. 2009 bis Febr. 2010) durch. Im ersten Chartbereich (links) wird die mittlere blaue Linie (Regressionslinie) so durch die Datenpunkte (orange unterlegt) gezogen, dass sie genau durch die Mitte der letzten 20 Handelstage (Schlusskurse) verläuft. Über eine Parallelverschiebung der Linie nach unten und oben entsteht ein Trendkanal. Bewegt sich der Kurs am unteren Rand des aufwärtsgerichteten Trendkanals wird gekauft, stößt der Kurs an die obere Begrenzung, wird verkauft, so wie Sie es im mittleren Chartbereich sehen (roter Pfeil unten und die rote vertikale Linie nach oben gehend). Haben Sie es mit einem fallenden Markt zu tun, ergeben sich die Einstiegspunkte für Shortpositionen in umgekehrter Reihenfolge (s. rechts im Chart, blau unterlegt). Zusammenfassend: Der Anstieg des Slope-Indikators über seine Nulllinie generiert Kaufsignale. Der Fall des Slope-Indikators unter seine Nulllinie ist ein Verkaufssignal.
Zum zweiten Teil von: Die Situationsbeschreibung im aktuellen S&P 500 im Monatschartähnliche Beiträge:
Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Folker W (16.07. 2011 12:56 Uhr):
Sehr geehrter Herr Nowacki! Ein ganz großes Kompliment meinerseits für Ihre Berichterstattung in Investor Wissen. Sie sind immer bestrebt, theoretisches Wissen/Grundlagen mit Aktualität zu kombinieren. Das ist wahrlich keine leichte Aufgabenstellung, aber sie meistern diesen "Spagat" sehr gut. Ein großes Lob und Anerkennung meinerseits. Bravo! Zum heutigen Slope-Beitrag bin ich mir nicht sicher, ob nicht die Schlußfolgerung der "normalen" Marktteilnehmer darauf lautet, sich in diesen Zeiten aus dem hektischen Aktienmarkt zurückzuziehen. Ich vermute, dass dies eher die Schlussfolgerung sein wird, als z.B. einen Indikator wie den Slope zu verwenden. Beste Grüße, Folker W.
Antworten - Kommentar von ricosemm (26.07. 2011 10:17 Uhr):
Sehr geehrter Herr Nowacki, als Target-Trader lese ich auch immer wieder mit großer Begeisterung Ihre Beiträge und Anregungen im Investor-Wissen. Zu Ihrem Slope Beitrag hätte ich noch verschiedene Fragen, wäre Ihnen sehr dankbar wenn Sie dieses Thema etwas ausführlicher darstellen könnten. z.B. wie weit bzw. wie-viel Punkte müssen die 2 Parallellinien von der Mittellinie entfernt sein und wo fange ich mit dem 1.Punkt der > Mittellinie an. mit freundlichem Gruß ricosemm
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