Analysen sind auch nur Buchstaben…
Tom Firley in Investors Daily
vom 16. August 2011, 18:00 Uhr
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Mann, Mann, Mann, sorry, liebe Leser, das „Internet" nervt mich momentan mehr als sonst. Der Grund? Wir lesen im world wild(!) web:
XY-Aktie unter Druck
XY jetzt vor der Wende
XY-Aktie wird explodieren
XY kurz vor der Pleite
(XY ist - wie Sie bereits vermutet haben - eine x-beliebige Firma)
Und weiter:
- Dax-Erholung ist zu Ende
- Dax-Erholung macht eine Pause
- Kaufen Sie Dax-Werte
- Verkaufen Sie alles, was Sie haben
Hääää? Also was jetzt?... könnten Sie denken.
Nun, ich selbst lese Nachrichten, Kommentare, Analysen stets durch die Brille eines redaktionellen Börsianers, der eigene Analysen erstellt. Das ist nun mal mein Job. Aber wenn der Feierabend-Börsianer nach Hause kommt und diesen widersprüchlichen Buchstaben-Salat im Internet oder seinen Mails liest, dann dürfte er etwas verunsichert oder gar sauer sein. Ich könnte es ihm nicht verübeln. Zum Beispiel:
Wenn ich heute die Schlagzeile lese: „Erholung ist zu Ende, da deutsche Wirtschaftsdaten enttäuschen"... dann weiß ich ziemlich genau, dass der Verfasser zunächst auf die Börse schaute (die heute fällt) und dann die Wirtschaftsdaten als Begründung heranzieht.
Das kann man so machen. Insbesondere dann, wenn man schnell einen Text abliefern muss. Vor einiger Zeit war das sogar noch einfacher. Da musste der böse Ölpreis dafür herhalten, warum gerade die Börse steigen oder fallen konnte...
Was mich stört, sind zwei Dinge:
1.) Der „gemeine" Börsianer oder auch der Börsenanfänger denkt doch bei so einer Schlagzeile unweigerlich: „Oh, Mist. Rally geht doch nicht weiter. Alles wieder verkaufen. Oder gar nicht erst einsteigen. Oder... ach, Aktien sind mir sowieso zu spekulativ. Ich kauf mir eine Lebensversicherung und gut" (Toms Bemerkung: Tun SIE das bitte nicht...)
2.) Sollte der Dax morgen wieder steigen, dann lesen wir vermutlich: „Rally geht weiter... trotz schlechtem Wirtschaftsklima (nebenbei: morgen um 12.oo Uhr gibt es ifo-Zahlen zum Weltwirtschaftsklima). Und dann kommt ein weiteres, mentales „Hääää?" zutage...
Und eigentlich stört mich ein weiterer Punkt, den Sie aber zu Ihrem Vorteil nutzen können:
Wenn wir zum einen widersprüchliche Meldungen, Kommentare, Analysen lesen und zu anderen heute dies morgen jenes hören, dann dürfte auf der Hand liegen: Auch die Analysten sind verunsichert. Das heißt aber wiederum:
Analysten, Redakteure, Börsengurus (die es eigentlich gar nicht gibt)... kochen auch nur mit Wasser (ich gebe es ungern zu, auch ich koche nur mit Wasser... hier würde jetzt ein smiley passen, der aber in einem Newsletter nichts zu suchen hat).
Für Sie heißt das: Sie müssen jetzt selbst entscheiden, was Sie tun oder lassen an der Börse. Und am besten ziehen Sie hierfür (auch) die Charttechnik zu Rate. Ein simples, willkürliches Beispiel (interessant, aber nicht unbedingt eine Empfehlung):
Angenommen Sie interessieren sich schon lange für die adidas-Aktie. Aber „irgendwie" haben Sie im Aufwärtstrend seit März 2009 den Einstieg verpasst. Daher schauen Sie sich zunächst einfach einen Chart an, hier als Candlestick-Chart:
Chart adidas Tagesbasis
Was erkennen Sie?
Erstens, dass die Aktie grundsätzlich nach oben tendiert und kürzlich (also rote Kerzen ganz rechts) eine heftige Korrektur hinnehmen musste. Vergröbern wir den Chart etwas und fügen ein paar weitere Informationen hinzu:
Chart adidas Wochenbasis
Hier sehen Sie den adidas-Chart auf Wochenbasis. Das bedeutet, dass jede einzelne Kerze den Verlauf (Eröffnung, Hoch, Tief, Schluss) einer Woche darstellt.
Sie sehen die wichtigen Unterstützungen (rote Linien) bei 42,4 und 38,5 Euro. Bei einem aktuellen Stand von 48,30 Euro wäre dies ein „Risiko" von 12,2 Prozent Bzw. 20 Prozent.
Daneben erkennen Sie, dass die adidas-Aktie gerade mit dem 52-Wochen-GD (blaue Kurve, = Jahresdurchschnitt) „kämpft. Als kleine weitere Orientierung habe ich noch den Wochen-MACD hinzugefügt (der gerade auf Verkauf steht).
Wenn Sie mich fragen: Eine weiße Kerze über dem 52-Wochen-GD würde mir gut gefallen... Und falls die adidas-Aktie weiter fallen sollte, dann wäre das Verhalten um die genannten Unterstützungen besonders zu beobachten bzw. zu analysieren.
Sie sehen: Als Charttechniker brauche ich immer einen triftigen Grund, um in eine Aktie einzusteigen. Jetzt einfach zu kaufen, weil sie gerade so günstig steht... ist sicherlich kein Kaufgrund.
Viel Erfolg an der Börse
Ihr
Tom Firley
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von B Gräbe (16.08. 2011 18:24 Uhr):
Danke für den selbstkritischen und analytisch begründeten Beitrag. Weiter so. Beste Grüße B.Gräbe
Antworten - Kommentar von HJD (17.08. 2011 11:33 Uhr):
Guten Tag Herr Firley, ihre Verwirrung kann ich teilen ! Aber Sie brauchen gar nicht ins Internet zu gehen ; "drehen" Sie einfach nur um ! In ihrem Verlag finden Sie die gleichen Meinungsbilder wie z.Z. im Internet und das schon VIEL länger als zu dieser Krise !!! Da sind ihre Aktienfetischisten und ihre Goldfetischisten bis hin zu den Angst machen wollenden Marketingaktionen des Verlages ..... Gruß aus dem Rheinischen .
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