Analyse: US-Aktienmärkte
Alexander Hahn in Investoren Wissen zum Thema Aktien & Aktienhandel
vom 21. September 2009, 16:00 Uhr
ENL5454
wie jeden Montag habe ich auch heute wieder eine wöchentliche Marktbetrachtung für Sie. Statt der zusätzlichen Sonderanalyse werde ich in dieser Ausgabe jedoch einen breiteren Blick auf den Zustand der US-Aktienmärkte werfen.
Alexander Hahn
Das folgende Zitat trifft wohl auch besonders auf das Investieren und Traden an den Finanzmärkten zu...
Es liegt in der menschlichen Natur, vernünftig zu denken und unvernünftig zu handeln.
Anatole France (1844-1924), frz. Schriftsteller und 1921er Nobelpreisträger für Literatur
in der heutigen Marktanalyse werde ich einen etwas „breiteren" Blick auf den Zustand der US-Aktienmärkte werfen. Starten wir, wie jeden Montag, mit einem kurzen Blick auf den NYSE BP-Index:
Abb.: Aktueller P&F-Chart des NYSE BPI
Groteske 85 Prozent aller an der NYSE gelisteten Unternehmen stehen mittlerweile auf einem P&F-Kaufsignal. Solche Höchststände hatten wir selbst in der vergangenen Hausse nicht (2003-2007). Sobald der Index auf diesem hohen Niveau dreht - und das wird er über kurz oder lang - droht uns zumindest kurzfristig wohl ein robustes Börsengewitter.
Von selbigem lässt sich im Volatilitätsindex VIX allerdings noch nichts erkennen:
Abb.: Aktueller P&F-Chart des VIX
Betrachten wir statt des obigen P&F-Charts den "herkömmlichen" Wochenchart des VIX doch einmal etwas näher:Hier möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf den engen Tradingbereich des Index seit Juli 2009 (22-30 Punkte) lenken. Während die Aktienmärkte beinahe wöchentlich von einem Hoch zum nächsten sprinteten, konsolidierte der VIX in seiner Handelsspanne und sackte nicht weiter ab. Dies lässt auf eine nachhaltige Skepsis einiger großer institutioneller Anleger an dem jüngsten Börsenaufschwung schließen.
Gleichzeitig gibt der Wochen-MACD des Volatilitätsindex das erste Mal seit September 2008 ein Kaufsignal - und das auch noch aus einem gut überverkauften Bereich (-5.0 Punkte).
Abb.: Aktueller Wochenchart des VIX
Vom internen zum externen Markt: Der NYSE-Index in der Wochen- und Tagessicht
Der NYSE Index notierte letzte Woche, das erste Mal seit Oktober 2007, wieder über 7000 Punkten. Seit dem großen Aktienausverkauf im Frühjahr 2009 stieg der Index somit um ca. 68%, und das innerhalb von nur 6 Monaten! Es ist klar, dass die Luft nach oben hin zum einen aus der technischen, zum anderen aus der fundamentalen Sichtweise immer dünner wird.
Ob der Index den Widerstandsbereich zwischen 8000 und 8500 Punkten überhaupt noch erreichen wird, erscheint fraglich. Zumindest innerhalb der nächsten Wochen droht wahrscheinlich ein Ende des irrationalen Überschwungs:
Abb.: Aktueller Chart des NYSE-Composite-Index
Wie Sie sehen können, hat der RSI-Index mit knapp 70 Punkten beinahe schon wieder die alten Hochs aus dem Jahr 2007 erreicht. Immer wenn der RSI auf Wochensicht diese Levels markierte, waren dies meist sehr gute Verkaufsgelegenheiten.
Und in der Tat zeigen der NYSE und andere Aktienindizes eine nachlassende Dynamik an. Einerseits können Sie das am MACD-Histogramm erkennen. Der Anstieg des Index seit Juli 2007 wurde durch das Histogramm nicht bestätigt, sondern das Gegenteil ist der Fall: Die Dynamik (gemessen am MACD) nimmt tendentiell weiter ab. Auch die wöchentlichen Volumenhochs weisen eine leicht negative Tendenz auf.
Liegt es vielleicht daran, dass sich in den letzten Wochen gerade viele Privatinvestoren in den Markt eingekauft haben, während die „großen Jungs" und die Insider sich still und leise verabschieden?
Abb.: Tageschart des NYSE-Composite-Index
Im Daily-Chart zeigt sich der MACD bärisch divergent und auch der RSI notiert auf einem Hochbereich.
Das Marktsentiment zeigt schon wieder Extremwerte
Wie der Chart der Seite www.market-harmonics.com auf Basis der Daten von Investors Intelligence zeigt, ist die Anzahl der Bären unter den amerikanischen Börsenbriefautoren auf die Marke von knapp 20% gefallen. Solche Werte hatten wir zuletzt im Sommer/Herbst 2007, kurz vor Beginn der letzten Baisse (alle Charts mit freundlicher Genehmigung von Market Harmonics).
Abb.: Bullish/Bearish Advisors Index
Auch das Put /Call Volume Ratio und die Sentimentdaten der Optionskäufer (OBSG) zeigen eine breite Sorglosigkeit der Händler an. Alle 3 Sentimentcharts tendieren auf Werten, wie sie gewöhnlich an mittelfristigen Markthochpunkten gemessen werten.
Doch diesmal ist alles anders? Die Krise ist vorbei? Oder können Sie dem "Ruf der Sirenen" widerstehen?
Abb.: Put/Call Volume Ratio
Abb.: Option Buyers Sentiment Gauge
Auch die Zyklik mahnt zur Vorsicht
Wie Ihnen bekannt sein dürfte, gelten die Monate August, September und Oktober als tendentiell eher schwache Börsenmonate. Dies beweist auch der Zyklikchart des Dow Jones Industrial Index (Quelle: www.seasonalcharts.de).
Abb.: Seasonalchart des Dow-Jones (37 Jahre)
Viel interessanter finde ich in diesem Zusammenhang allerdings den 10-Jahres Zyklus des Dow Jones. In die Berechnung dieses Dekadenzyklus flossen die Kursdaten von 1897-2003 mit ein. Ohne jetzt die genaueren Ursachen erforschen zu wollen, lassen sich im Chart die sehr deutlichen Abschwünge ab Mitte der Jahre welche mit 9 enden, erkennen. Erst in den Jahren welche mit 2 enden, kam es wieder zu einem Aufschwung im Dow. Seit dem Jahr 2000 hat der Dow Jones dieses Zyklenmuster in beeindruckender Weise eingehalten. Sowohl die Abschwünge seit dem Platzen der Technologiebubble als auch die Hausse von 2003-2007 kann man aus dem Dekadenchart „herauslesen". Gemäß dem Zyklus drohen uns bis ins Jahr 2012 drei weitere schwache Börsenjahre. Und zumindest aus der fundamentalen Sichtweise ist solch eine Entwicklung sicherlich alles andere als abwegig.
Abb.: Seasonalchart des Dow-Jones (10 Jahre)
Traden ist nichts anderes als das Handeln der Wahrscheinlichkeiten...
Ist es nun möglich, anhand der obigen, doch recht ausführlichen Analyse die weitere Entwicklung genau zu prognostizieren? Nein, sicher nicht. Dafür sind die Börsen und das Verhalten der Marktteilnehmer viel zu komplex. Viel mehr können wir nur erkennen, ob die Wahrscheinlichkeiten auf unserer Seite stehen oder gegen uns arbeiten.
Sowohl technische Indikatoren wie der NYSE BP, MACD, RSI als auch das Sentiment und die Zyklik mahnen zur Vorsicht. Das Risiko eines potentiellen Rücksetzers ist m.E. weit größer als der auf diesem Niveau noch mögliche Kursgewinn.
Ich halte daher mein sprichwörtliches Pulver mit Ausnahme von sehr kurzfristigen Trades lieber trocken. Gleiches würde ich Ihnen empfehlen.
Beste Grüße
Alexander Hahn
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Ernst Felix Dieckhoff (21.09. 2009 19:01 Uhr):
Prima. Danke.
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