Amerikas Date mit der Deflation ...
Investors Daily
vom 26. August 2002 18:00 Uhr
ENL5454
US-Arbeitslosigkeit steigt ... Umsätze fallen ... die Arbeiter werden unzufrieden ... Krieg gegen den Irak ... Bordeaux-Wein ... und mehr!
"Nun, was gibt's Neues in der Welt?"
Mein Schwager wollte das diesen Morgen von mir wissen. Wir waren einige Tage auf Kurzurlaub im Weingebiet um Bordeaux gewesen und hatten dort keinerlei Nachrichten mitbekommen. Der Bruder meiner Frau setzt derzeit auf ein Comeback der Aktienkurse und ist deshalb voll investiert. Ich hingegen verfolge die Märkte aus anderen Gründen – Entertainment und moralische Überlegungen sind meine Antriebsfeder.
"Das erste Mal seit Anfang Juli notiert der Dow Jones wieder oberhalb der 9.000-Punkte-Marke", las ich ihm aus der Zeitung vor.
"Juppieh ..."
Ja, lieber Leser, das war die Zeitung vom letzten Donnerstag. Am Freitag fiel der Dow dann zwar wieder unter diese Marke ... mein Schwager ist jedoch fest davon überzeugt, dass der Bären-Markt jetzt vorbei ist. Kann er sich jetzt doch früher als geplant zur Ruhe setzen?
Der Markt kann natürlich machen, was er will. Aber, wie wir oft sagen um unsere Leser aus der Reserve zu locken, er gibt den Investoren nicht das was sie wollen; der Markt gibt ihnen das, was sie verdienen.
Übergewichtet in Schulden, Dollar, Aktien, Vertrauen und Fleisch ... was verdienen die Investoren? Wir wissen es nicht ... wir können nur raten, was der Markt denken könnte ...
... vielleicht denkt der Markt gerade, den Investoren das zu geben, womit sie am wenigsten rechnen: Deflation.
Beispiel USA: "America's Date with Deflation", warnt eine Schlagzeile der Financial Times. Die Einzelhandelsumsätze gehen zurück. Die Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung kletterten letzte Woche auf 389.000.
Die Inflation ist die letzten 20 Jahre zurückgegangen. Jetzt existiert sie fast überhaupt nicht mehr ... die Einzelhandelspreise steigen nur sehr langsam, und könnten bald ganz aufhören zu steigen. Dann würde Amerika das Date mit der Deflation haben. Und wer weiß? Vielleicht wird es sich zu einer richtigen Romanze entwickeln ...
Der Artikel der Financial Times geht überraschend weiter: Mit dem Automarkt. Derzeit bieten die Autohersteller den Kunden eine Finanzierung zu null Prozent Zinsen an. Aber die Amerikaner besitzen im Durchschnitt bereits 1,2 Wagen pro Person – in Euroland erreicht dieser Wert etwa die Hälfte. Die finanziellen Anreize zum Autokauf laufen in den USA nächsten Monat aus. Was dann? Wer braucht dann noch ein Auto? Die Folge: Die Konsumausgaben werden stagnieren, da einer der wichtigsten Teilbereiche – der Automarkt – keine Impulse liefert. Deshalb wird auch die Industrie-Produktion stagnieren.
Der Immobilienmarkt hingegen boomt. Der durchschnittliche Preis für ein Standard-Haus an der Küste kletterte letzten Monat auf 417.000 Dollar – ein Zuwachs von 10 % auf Jahressicht. Die Umsätze in diesem Markt insgesamt legten fast 20 % zu ... und Darlehens- und Finanzierungsanfragen verdoppelten sich. Wie lang kann das noch weitergehen, in einer Volkswirtschaft die nur minimal wächst? "Nicht mehr lange", war die Standard-Antwort vor 6 Monaten. Jetzt merkt man jedoch, wie lange "nicht mehr lange" sein kann ...
Eins ist jedenfalls klar: Es ist weniger als ewig.
Unsere Schätzung ... wenn die Immobilienpreise aufhören zu steigen, fällt die US-Volkswirtschaft in die Rezession und die Deflation wird in Amerika Einzug halten.
"Die Arbeiter werden unzufrieden", so die Schlagzeile einer amerikanischen Tageszeitung. Die Arbeiter werden unzufrieden weil sie weniger verfügbares Einkommen haben, um ihren Job fürchten müssen und gleichzeitig ihre private Altersvorsorge wegen der Anlage in Aktien den Bach runtergeht. Und alle diese arbeitssparenden Neuerungen – insbesondere Handys und email – zwingen sie im Endeffekt dazu, mehr als zuvor zu arbeiten!
Was noch? Der Dollar hält sich oberhalb der letzten Tiefststände. Die Bonds kamen zuletzt deutlich zurück. Gold verlor zuletzt auch. Die Leser sind gewarnt: Alle diese drei Mini-Trends können schnell wieder drehen, ohne große Beachtung.
Eric Fry, unser Mann an der Wall Street, ist noch in Urlaub. Deshalb haben wir heute Sean Corrigan, unseren Korrespondenten in London, nach einem kurzen Kommentar gefragt.