Amerika kleidet sich in roten Tuniken
Bill Bonner in Investors Daily
vom 20. Mai 2005 18:00 Uhr
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Amerika machte die ersten unbeholfenen Schritte in Richtung Imperium am Ende des 19. Jahrhunderts, als Theodore Roosevelt aus zu vernachlässigenden Gründen und mit Ergebnissen, die zu bereuen sind, in verschiedenen Diarrhöeländern eingriff. Später, im April 1917, drängte Woodrow Wilson den Kongress, fernen Ländern den Krieg zu erklären. Er hatte mit diesen Ländern nichts zu schaffen und er hatte auch kein besonderes Interesse an diesen Ländern.
Amerika hatte von Anfang an gemischte und verworrene Gefühle gegenüber dem Imperium. Seine Gründer waren über die Geschichte Roms informiert und entschlossen, alle Fehler, die sie zu erkennen glaubten, zu vermeiden. Gleichzeitig konnten sie aber nichts dagegen tun, selber süchtig nach einer solchen Größe zu werden.
William Drayton, oberster Richter am höchsten Gericht in South Carolina, schrieb 1776: "Reiche haben ihren Zenit – und ihre Deklination und Auslöschung ... die britische Phase begann im Jahr 1758, als sie siegreich ihre Feinde in allen Ecken des Globus verfolgten ... der Allmächtige ... hat die Wahl der heutigen Generation auf ein amerikanisches Imperium fallen lassen ... und so ist auf der Erde plötzlich ein neues Imperium entstanden, im Stile Amerikas. Ein Imperium, das, sobald es anfing zu sein, der Aufmerksamkeit des gesamten Universums sicher war und das verspricht, durch den Segen Gottes das glorreichste Imperium aller Zeiten zu werden.
John Quincy Adam warnt jedoch, dass auch wenn Amerika zur "Dikatorin der Welt würde, Amerika dennoch die Herrschaft über den eigenen Geist hätte." Mehr als zwei Jahrhunderte später ist der Geist Amerikas außer Rand und Band. Überall auf der Welt sind Garnisonen amerikanischer Soldaten stationiert. Man meldet Interessen in Gegenden an, von denen die meisten Amerikaner noch nie etwas gehört haben und die noch weniger von ihnen interessieren. Es gibt kein Eckchen und keine Sackgassen auf der Welt, die nicht irgendwie von Amerika kontrolliert wird. Das Pentagon hat die Welt in vier regionale militärische Abschnitte unterteilt – jeder hat einen eigenen Oberbefehlshaber. Die Rolle dieser Oberbefehlshaber ist laut General Anthony Zini so ähnlich wie die der Prokonsule im römischen Reich. Am Ende des Jahres wird Amerika mehr für seine "Verteidigung" ausgegeben haben, als der Rest der Welt zusammen.
Schon jetzt werden die Leser dieses Newletters sich einige Fragen stellen. Amerika ist seit der Kapitulation der Sowjetunion die einzige Supermacht der Welt. Amerika hat keine Feinde, die eine ernste Bedrohung darstellten oder ernsten Schaden anrichten könnten. Wogegen verteidigt man sich? Aber genau das ist der Punkt. Der imperiale Geist hat Amerika untergekriegt. Man spielt nicht länger eine Rolle, die man verstehen oder kontrollieren könnte. Jetzt ist Amerika eine Imperialmacht und spielt die Rolle. Man muss die "Sicherheit" der gesamten Welt gewährleisten. Man muss das öffentliche Gut von "Ordnung und Gesetz" gewährleisten. Irgendjemand muss es tun. Wer außer Amerika wäre dazu in der Lage? Amerika ist die Diktatorin der Welt, hat sich aber selbst nicht mehr unter Kontrolle ... und auch nicht die eigenen Finanzen.
Ich halte einen Moment lang inne, um darüber nachzudenken. Der Reiz eines Imperiums ist so unwiderstehlich wie ein kostenloses Mittagessen. Die Männchen einer Art lassen keine Gelegenheit aus, herumzustolzieren und sich überlegen zu fühlen, wie der Hahn im Hühnerhof. Rote Tuniken und Straußenfedern sind heute nicht mehr in. Aber die, die sie trugen, sind die gleichen, die unter Alarich Rom plünderten, die unter dem Grafen von Montfort Albi in Schutt und Asche legten und die mit der dritten Division der amerikanischen Infanterie aus der Luft in Bagdad einfielen. Die Uniformen ändern sich, aber die Männer sind immer noch die gleichen habgierigen, sich mit Unsinn brüstenden Idioten, die sie schon immer waren.
Das macht die Geschichte ja so unterhaltsam. In der Geschichte der Reiche ist es jedoch besonders unterhaltsam, die großen Eroberer zu beobachten ... die Napoleons, Alexanders, Caesars, und Attilas dieser Erde – mit ihren glorreichen Ansprüchen und ihren schmutzigen Metzeleien – wie sie alle ihre roten Tuniken überstreifen und die blankpolierten Helme ... ihre weißen Rosse besteigen ... und direkt gegen die nächste Wand reiten.
Es gibt kaum etwas Amüsanteres als einen anderen Menschen dabei zu beobachten, wie er sich selbst zum Affen macht. Man fühlt sich so überlegen. Deswegen wird man größer und man sieht auch besser aus, wenn man sich mit der Geschichte der großen Reiche befasst.
Evolutionsbiologen reduzieren den gesamten Drang, Reiche zu bilden, auf Gene und Mathematik. Wenn ein Mann erst einmal genug zu essen hat, dann fordern seine Gene – und unter deren Regiment sein gesamtes Denken und Fühlen – dass er seinen Samen so weit wie möglich in der Welt verteilt. Die Gene interessieren sich, laut dieser Annahme, nur für die Fortpflanzung. All die Fallen von Reichtum und Macht, darunter auch der Drang, andere zu beherrschen – sind nichts anderes als Ansprüche und Ersatz für sexuelle Anziehungskraft. Der große Herrscher erobert eine Stadt aus genau dem gleichen Grund, aus dem ein Rechtsanwalt mittleren Alters einen Sportwagen kauft oder ein Pfau seine Federn zeigt. Es zeigt den weiblichen Tieren, dass er gute Gene hat. Die Unterhaltung kommt ins Spiel, wenn ein großer Herrscher selbst ausgestochen wird und am Metzgerhaken hängt ... wenn der Pfau vom Fuchs geholt wird ... und wenn der rote Sportwagen in den Leitplanken hängt.
Das Reich des Dschingis Khan war leicht zu durchschauen und sehr erfolgreich. Seine Mongolen eroberten die Städte zwischen dem Nil und dem Chinesischen Meer. Er forderte von seinen Untergebenen einen Tribut von zehn Prozent der Einnahmen. Wenn sie sich weigerten – aber auch, wenn sie sich nicht weigerten – tötete er sie ... und nahm ihre Frauen zu seiner eigenen Freude mit. Eine DNA-Studie in Asien zeigte kürzlich, wie erfolgreich er war. Die Forscher schätzen, dass er 16 Millionen Nachfahren hat.
Die meisten imperialen Vorgaukler sind weder so ehrlich noch so erfolgreich. Sie zögern, mit ihren privaten Zielen herauszurücken. Stattdessen täuschen sie andere ... und oft auch sich selbst. Diese Eitelkeiten und Täuschungen machen die Geschichte der Reiche gleich doppelt unterhaltsam. Es gibt nicht nur Sex und Gewalt, sondern auch Täuschungsmanöver und Blödsinn. Man sieht die Mächtigen stürzen ... und man sieht auch, dass sie Mitleid erregende Dummköpfe und Lügner sind. Und das macht die Sache auf komische Weise noch zufrieden stellender.
Präsident Wilson hat Anfang des 20. Jh. die amerikanische Selbsttäuschung mit Schwung ausgelöst.
"Ich glaube, dass Gott die Visionen der Freiheit in uns gepflanzt hat", sagte er, als er die demokratische Nominierung 1912 anstrebte. "dass wir auserwählt sind, und dass wir vor allen anderen dazu auserkoren sind, den Nationen der Welt den Weg in die Freiheit zu weisen."
Und genau da lag das Problem. Diese Mission war so ehrenwert, dass es keine Notwendigkeit gab herauszufinden, was sie kosten würde. Wenn Gott uns dazu ausersehen hat, den Pfad der Imperien zu beschreiten, dann soll er doch bitte auch herausfinden, wie man daraus ein gewinnbringendes Unterfangen macht. Weder damals noch heute haben sich die Amerikaner besonders dafür interessiert, wie solche Reiche wirklich funktionieren. Sie glauben, dass sie der Welt einen Gefallen erweisen. Diese Täuschung allein wäre nicht so schwerwiegend, aber sie geht auch völlig an der Sache vorbei. Fast jede Imperialmacht hat behauptet, dass sie im Sinne der Anderen handelt, aber sie haben auch alle eine Möglichkeit gefunden, davon zu profitieren. Sobald es aufhörte sich auszuzahlen, sind sie ausgestiegen.
Eine Imperialmacht leistet der Theorie nach einen sinnvollen Dienst. Wie die Mafia sorgt sie für Ordnung. Unter dem Schutz des imperialen Pax Dollarum können der Handel und der Kommerz erblühen. Die Leute werden reich. Sie sollten dankbar sein und sich glücklich schätzen, für diesen Dienst bezahlen zu können. Die Imperialmacht muss diese Dienste natürlich in Rechnung stellen, denn was wäre sonst der Punkt?
Aber Amerika hat sich auf so fantastische Weise selbst getäuscht, dass man schon glaubt, der "Tribut" käme aus dem globalisierten Handel selbst und aus den Krediten, die man von den tributpflichtigen Ländern und Handelspartnern bekommt. Die gesamte Idee ist verrückt und absurd. Die Idee eines Imperiums ist, dass die Imperialmacht die unterlegenen Länder kontrolliert. In der absurden Version Amerikas wird Amerika von den untergeordneten Mächten kontrolliert. Sie sind nicht nur in der Lage, die Tributzahlungen einzustellen, wann immer sie wollen, sie sind jetzt auch noch in der Lage, die gesamte Wirtschaft zu zerstören.
"Wird China die amerikanischen Raten festsetzen", fragte ein Beitrag im International Herald Tribune. Floyd Norris erklärt:
"So wie die Dinge heute stehen, verkauft China den größten Teil von dem, was die Welt am meisten will. China nutzt dann die Dollar, die es dabei verdient, um Schatzanleihen zu kaufen. Das hilft, die amerikanischen Zinssätze gering zu halten und regt die Verbraucherausgaben an, wodurch Amerika in der Lage ist, noch mehr von China zu kaufen. Es ist das größte Finanzierungsprogramm von Seiten eines Verkäufers aller Zeiten."
Und es hat China in die Kommandoposition erhoben. Während die Amerikaner ihr Geld ausgeben, baut China seine Produktionskapazitäten aus. China wird reich, indem es Schnickschnack und elektronische Nebenprodukte und ausgewählte Verbrauchsgüter an Amerika verkauft. Die imperialen Konsumenten werden auf der anderen Seite immer ärmer. Jeden Tag wandern 2 Milliarden Dollar Netto aus den amerikanischen Händen in immer stärkere asiatische Hände.
Die Idee imperialer Finanzwirtschaft ist, dass die zentrale Imperialmacht reicher wird und nicht die Vasallen. Amerika hat eine Möglichkeit gefunden, das umzudrehen. Es wird, relativ betrachtet, immer ärmer.
Und nun sind die Mächte an der Peripherie, die eigentlich untergeordnet sein sollten, tatsächlich in der Lage, das Imperium zu ruinieren.
Wenn die Chinesen und andere Haupthalter amerikanischer Schatzanleihen anfingen zu verkaufen ... müsste Amerika eine unglaubliche Menge Geld bezahlen. Die Zinssätze würden steigen. Der Immobilienboom würde zu einem Immobilienzusammenbruch. Das Imperium würde bei den untergeordneten Staaten um mehr Kredite betteln müssen.
Was ist das für ein Imperium? Es gab eine lange Reihe amerikanischer Anführer, die über die Weltbühne spazierten wie Pfaue – den Kasperle Theodore Roosevelt, den Drückeberger Wilson, den anderen Roosevelt ... Truman ... Johnson ... Reagan ... Bush ... und keiner von ihnen scheint eine Ahnung zu haben, wie man ein Imperium dazu bringt, sich auszuzahlen.
"Den Vereinigten Staaten ist es in der jüngsten Vergangenheit mehr als irgendeiner anderen militärisch oder wirtschaftlich dominierenden Macht gelungen, ein Imperium aufzubauen", schreibt Deepak Lal, "aber Amerika zögert, sich der daraus resultierenden Verantwortung zu stellen."
Ganz im Gegenteil, Amerika hat sich die rote Farbe der Tuniken aufgebürdet und das Spektakel ist noch lustiger als irgendein anderes von denen, die ich bisher gesehen habe.