Amerika hat sich verändert
unserem Korrespondenten Eric Fry im wilden Manhattan ... in Investors Daily
vom 02. Januar 2004 18:00 Uhr
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Amerika hat sich im letzten Jahr sehr verändert. Vor genau einem Jahr waren Aktien extrem unbeliebt, und es waren Anleihen, die so sexy und heiß wie Rio de Janeiro waren. Die Aktieninvestoren hatten Angst, dass aus den drei Verlustjahren vier werden würden. Und sie befürchteten, dass die abzusehende Invasion des Irak die amerikanische Wirtschaftserholung abwürgen würde. Nur harte Bullen und bullishe Analysten wie die Staranalystin Abby Joseph Cohen trauten sich, Aktien zu kaufen. Sie wissen, was dann passierte: Die Anleihenkurse (US-Staatsanleihen) brachen ein und die Aktienkurse explodierten.
Heute befinden sich die Investoren in exakt der entgegen gesetzten Situation. Aktien sind heiß, und Anleihen haben bestenfalls Raumtemperatur. Und fast jeder erwartet, dass die Aktien weiter steigen und die Anleihenkurse fallen werden (was steigende Zinsen bedeuten würde). Denn fast jeder rechnet damit, dass 2004 den USA ein starkes Wirtschaftswachstum bringen wird, und kaum jemand befürchtet, dass der Rückgang des Dollars zu einem freien Fall werden wird. Ich hoffe, dass "jeder" Recht hat. Aber ich wäre nicht überrascht, wenn ich überrascht würde.
Paul Farrell von CBSMarketwatch meint: "Der größte Feind von jedem Investor ist ( ...) der Über-Optimismus. Der sabotiert die Investoren und verschwendet mehr als jede andere Funktion des Gehirns deren Geld."
Farrell zitiert eine ganze Reihe von Gründen dafür, warum der Optimismus für 2004 überzogen ist. "Die Stimmung der Analysten ist extrem bullish", sagt er, "was Antizykler als Verkaufsargument bewerten." Und die Unternehmens-Insider verkaufen ihre Aktien. In den letzten 7 Monaten haben sie für jede Aktie, die sie gekauft haben, 20 verkauft. Außerdem ist laut Farrell mit steigenden Zinsen zu rechnen, in Antwort auf eine sich verbessernde Wirtschaftslage und/oder den weiter schwachen Dollar.
Farrell hat gar nicht erst erwähnt, dass die Bewertungen der Aktien hoch sind. Die Investoren haben sich schon so daran gewöhnt, Kurs-Gewinn-Verhältnisse von 20, 30 oder 100 zu bezahlen, dass das durchschnittliche KGV der US-Titel von 17 auf Basis der 2004 Gewinne schon niedrig aussieht. Das ist es aber nicht. Der Markt ist nicht billig.
Eine Dollarkrise könnte die obszöne Überbewertung des Marktes ans Licht bringen – das wäre so, als ob jemand bei einer Orgie das Licht anknipst.
Obwohl die Japaner und die Chinesen konstant am Devisenmarkt für den Dollar intervenieren, hat er in den letzten Monaten fast jeden Tag an Wert verloren.
"Die Käufe von US-Schuldtiteln durch ausländische Zentralbanken sind auf den zweiten Rekordwert in zwei Wochen gestiegen", so Reuters. In der Woche, die am 24. Dezember endete, wurden das erste Mal überhaupt von ausländischen Zentralbanken US-Staatsanleihen im Wert von über 1 Billion (!) Dollar gehalten.
"Die japanische Zentralbank hat bei ihren Interventionen im letzten Jahr rund 10 Billionen Yen (93 Milliarden Dollar) eingesetzt", hat Dan Denning von Strategic Investments beobachtet, "(und dennoch) ist der Dollar gegenüber dem Yen im letzten Jahr um 10 % gefallen."
Gleichzeitig fällt der Dollar gegenüber dem Euro noch schneller. Das frisst die Kursgewinne mit amerikanischen Aktien für die europäischen Investoren auf. Ich meine: Es wird in diesem Jahr für Europäer keine gute Idee sein, auf Dollarbasis amerikanische Aktien zu kaufen.