Amerika, das Land der unbegrenzten – Angst
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 04. August 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Was ist nur aus Amerika geworden? Amerika, das Land, das sich so gerne souverän, cool und überlegen zeigt, erstarrt in Ängstlichkeit. Wie leicht es im Moment ist, Amerika in Panik zu versetzten, zeigt die letzte Aktion der Amerikaner: Aufgrund von diffusen Terrorwarnungen hat die US-Regierung nun die Transitbestimmungen außer Kraft gesetzt, die ausländischen Flugpassagieren bisher einen visumfreien Zwischenstopp in den USA erlaubten. Diese "Transit Without Visa"- Regelung wurde mit sofortiger Wirkung für zwei Monate aufgehoben. Zwei Monate? Also bis Oktober, dazwischen liegt der 11.September ... Amerika igelt sich ein.
Ich hatte es bereits mehrfach geschrieben: das sind typische Anzeichen von Kontrollverlangen, die nach Traumatisierungen auftauchen. Wenn Amerika es jedoch nicht lernt, dieses Terrortrauma zu überwinden, wird es einen ähnlich sozialen Abstieg erleiden, wie manche Opfer von Gewaltverbrechen. Depression, übersteigerte Ängste führen zu Überreaktionen und unvernünftigen Schlussfolgerungen/Handlungen.
In diesem Fall ist es besonders schlimm, denn die "Täter" sind noch nicht gefasst und drohen mit weiteren Anschlägen. Dabei ist es natürlich falsch, die Ängste durch einen vermehrten Sicherheitsaufwand angehen zu wollen.
Stellen Sie sich ein Gewaltopfer vor, dass sein Haus für viel Geld in eine Festung umgebaut hat. Nicht nur, dass schnell der finanziellen Ruin droht, es macht auch keinen Sinn. Denn der Tag wird damit verbracht, nach neuen kleinen Lücken im Schutzsystem zu suchen und bessere Schutzmechanismen zu erwerben – teurer, aufwendiger, realitätsferner (denken Sie an die Terrorbörse).
Doch hinter diesen Mauern wird es einsam, paranoid und trostlos. Die Kosten des Sicherheitswahns in Amerika übersteigen mittlerweile jeden vernünftigen Rahmen. Die Folge: In Amerika zu leben, bedeutet täglich mit diesem Trauma konfrontiert zu werden – an jedem Flughafen, beim Betreten eines offiziellen Gebäudes und in jeder Nachrichtensendung. An jeder Ecke lauert die Angst. Was ist nur aus Amerika geworden? Mir scheint, Amerika braucht einen Psychologen.
Im Moment ist der Focus in Amerika derart auf Terror, Vergeltung und Angst gerichtet, dass dringend notwendige konjunkturelle Maßnahmen hinten anstehen. Dabe vergeht Zeit, die besser anders genutzt werden sollte als über neue Geheimdienste und bessere Schutzmechnimen nachzudenken.
Wohin wird es führen, frage ich mich. Wie wird es weiter gehen? Es ist im Moment schwer, klare Aussagen zu treffen. Der Dow läuft seit eineinhalb Monaten seitwärts! Trotz scheinbar guter Nachrichten von den Unternehmen, sogar trotz scheinbar sich verbessernder Konjunkturdaten. Er wartet, dass etwas passiert, aber bitte etwas Positives. Bitte nicht wieder in die wirtschaftliche Depression, höre ich die Amerikaner flehen. Doch die Wirtschaftsdaten enttarnen sich. Sie zeigen, dass die Rallye etwas vorweggenommen hat, dass so nicht eintreffen wird.
Hierzu kurz die heutige Nachricht von United States Steel Corp. Der Stahlerzeuger erwirtschaftete im zweiten Quartal nach einem Gewinn von 28 Cent im Vorjahr einen Verlust von nun 51 Cent je Aktie. Interessanter ist jedoch, die Begründung: Hohe Pensions- und Gesundheitskosten haben das Ergebnis belastet, so das Unternehmen. Eine gefährliche Tendenz.
Im Moment erinnern mich die Märkte an das Wetter. Die Überhitzung lähmt einfach ... Ein Gewitter und langer Regen würde wirklich gut tun. In meinem Arbeitszimmer herrschen Temperaturen nahe meinem Schmelzpunkt. Die Computer, die vielen Monitore und dann noch Südostseite ... Sie können sich sicherlich denken, wie ich mich hier fühle ... hat etwas von einem Grillhähnchen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen bei so einer Hitze geht, aber ich habe Im Moment das Gefühl, mein Blut fließt etwas langsamer und dickflüssiger durch mein Hirn.
Oh, gerade sehe ich, der Nasdaq100 hat seinen Abwärtstrend gebrochen. Mehr dazu unten.