Alternative Realitäten
J. Christoph Amberger in Baltimore in Traders Daily
vom 07. Juni 2004 12:00 Uhr
ENL5454
Nach dem Ausflug in die imaginäre Historie (mein Beitrag im Trader's Daily vom Freitag) nun ein kurzes Schlaglicht auf imaginäre Realität.
"Veteranen gegen Bush," tönten letzte Woche die Regenbogenpresslinge des Spiegel. Gleichzeitig wird in den USA eine CBS News Meinungsumfrage veröffentlicht, aus welcher eindeutig hervorgeht, dass amerikanische Veteranen Bush mit 54 % (gegenüber 40 % für Kerry) favorisieren.
Keine Angst, davon wird man in Deutschland nichts hören. Auch davon nicht, dass sich das Kerry-Team heute kleinlaut bei Veteranen und deren Familien entschuldigen musste, unbefugt ihre Fotos in Werbespots verwendet zu haben. Ebensowenig passt ins Bild, dass sich 16 von 18 Mitstreitern und Kommandeuren Kerrys ausdrücklich von seiner heroischen Vietnamvergangenheit distanziert haben und lieber Dagobert Duck als Kerry in der Position des Commander-in-Chief sehen würden.
Man macht sich, scheint's, auch in Deutschland seine Realität so zurecht, wie man's denn gern hätte ...
*** Die neuesten U.S. Arbeitsmarktzahlen waren recht anständig: Die angeblich am Rande des Abgrunds stehende US-Wirtschaft legte 248.000 neue Stellen zu. Weit eindrucksvoller: Die Aprilzahlen wurden von 288.000 auf 346.000 revidiert.
(Ah, ich höre die Argumente: Alles Schall und Rauch! Das sind ja alles Kellner-, Halbtags- und HiWi-Pöstchen. Mag sein. Allerdings sind auch diese volkswirtschaftlich nutzbringender, als wenn man beispielsweise reale Arbeitslosenzahlen unter "Umschulungen" versteckt. Man munkelt, das soll hin und wieder auch in anderen Ländern mal vorkommen ...)
Mehr Leute arbeiten also in den USA, mehr Leute verdienen Geld, mehr Leute zahlen Steuern (reduzieren damit das Haushaltsdefizit), mehr Leute konsumieren ... und mehr Leute scheinen in der Lage zu sein, ihre Hypothekenzahlungen noch über ein, zwei Monate machen zu können.
Das bedeutet, die Federal Reserve hat eigentlich gar keinen Grund mehr, den Leitzinssatz am 30. Juni nicht anzuheben. Ist das nun ein bullisher Impuls für den Dollar?
Aber nicht doch: Auch der Markt hat seine imaginären Realitäten. Entsprechend fiel der Dollar am Freitag kurzfristig auf US$1,2284 pro Euro.
*** Und was ist los mit Gold und dem XAU Index? Ich versprach gestern, dass Ihnen heute einer meiner WaveStrength-Kollegen mit den neuesten Einsichten weiterhelfen würde. So schreibt mir unser WaveStrength-Chef Adam Lass (ich gebe Ihnen seinen Wortlaut diesmal im Original wieder):
"On 6/1, I advised my readers to short the senior gold & silver producers again, based on a remarkably ominous series of technical indications: The XAU had already hit its top Bollinger Band; its Slow Stochastic %K and %D were both in the +80 zone; its MACD fast line had cleared the histogramic shadow and the slow line had moved above the 0 demarkation.
"The index did indeed drop 8.55 % over two days before finding weak support on the 20-day moving average at 85.5, but I would be shocked if this holds. As a short-term target, I am looking for a repeat of the recent low at 76.79.
"But this is a rather 'micro' view, attained by using daily candlesticks. On a monthly scale, I could easily see a small rise in gold over the next few months. It would not surprise me in the least if the XAU attained another five or ten points above its current price of 86.92.
"You couldn't pay me to own XAU shares, mind you, as once this period of modest cyclic muddling ends in approximately 60 days, I am expecting a dramatic drop on a scale similar to January's 18.19 % and April's 23.66 % losses. This estimation is reinforced by the fact that the recent rallies were not at key pivot points deep in the oscillator's oversold territory but rather mere mid-cycle perturbations in a distinct down leg within the largest scale."
*** Im täglichen Essay meines Chefs und Freundes Bill Bonner im "Investor's Daily" las ich amüsiert, wie er sich vor ein paar Tagen anlässlich eines seiner immer seltener werdenden Besuche in der Heimat mit einer Bekannten über Immobilien in Baltimore unterhielt. Diese Bekannte hatte sich nämlich entschlossen, ein Haus zu kaufen ... und stellte fest, dass die Preise in der Gegend recht "wahnsinning" angezogen hätten. (Die nächstliegende Lösung: Nicht Sparen oder mehr Geld verdienen, sondern warten, bis die Preise fallen.)
Bill sah auch dies als todsicheres Indiz dafür an, dass US-Immobilien sich in einer spekulativen Blase befinden, welche über kurz oder lang platzen wird.
Allerdings kenne auch ich dieselbe Bekannte und ihren Angetrauten seit Jahren ... einen charmanten, hochgebildeten Akademiker anfang Vierzig, der sich trotz (oder wegen?) Ivy-League Doktortitels und mangels vermarktbarer Qualifikationen und Ambition seinen Lebensunterhalt damit verdient, in einer Buchladenkette Regale zu füllen.
Wäre es vielleicht möglich, dass einem auch in Europa die Grundstückspreise unerschwinglich vorkommen würden, wenn man das Einkommen eines 23jährigen Schulabbrechers hat?
Alternative Realitäten ...
Herzlichen Gruß,
Ihr
J. Christoph Amberger, Executive Publisher, The Taipan Group