Alternative Impressionen vom NATO-Gipfel
Yann R., Strasbourg, Traders Daily vom 16.04.2009 12:00
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Michael Vaupel
ENL5286
Eine Demonstration ist zwar normalerweise nicht besonders spannend, und die freigegebene Strecke im Grenzniemandsland versprach auch keine interessanten Aussichten - aber die brutalen Aktionen der letzten Tage und die martialischen AnkĂŒndigungen im Vorfeld, machten mich doch neugierig.
Nachdem ich also wegen der drakonischen Sicherheitsvorkehrungen wĂ€hrend des NATO-Gipfels gröĂtenteils zu Hause verbringen musste, blieb mir keine andere Möglichkeit etwas vom Ereignis zu erleben, als die Gegenveranstaltung zu besuchen.
Das Wetter spielte mit und ich fuhr also los, parkte den Wagen etwas abseits und passierte die Polizeisperre an einer der 4 BrĂŒcken die in zum Hafenviertel fĂŒhren. Dort habe ich einen anderen Schaulustigen kennen gelernt und wir beschlossen uns das Ganze gemeinsam anzusehen.
Von Weitem waren schon die ersten Rauchwolken auszumachen und am Zielort stellte sich heraus, dass das Zollamt in Brand war. Schwarz gekleidete und vermummte Randalierer zerschmetterten gerade unter Applaus eine Verkehrskamera und kurze Zeit spÀter war auch schon die daneben stehende Apotheke ziel ihrer Zerstörungswut.
Wir gingen weiter zur EuropabrĂŒcke um den Mob aus dem Weg zu gehen und wurden von der deutschen Polizeisperre aufgehalten (keiner durfte passieren), allerdings verhielt sie sich völlig passiv! (SpĂ€ter habe ich mitbekommen, dass nicht nur 7.000 Anti-Nato Teilnehmer in Kehl aufgehalten wurden sondern auch, dass die französische Polizei den Einsatz der Deutschen auf das französische Territorium untersagt hatte).
Die Konfusion wuchs sichtbar in den RĂ€ngen weil sich keine Gruppe richtig formieren konnte. Wir liefen also zurĂŒck, ein Randalierer brach die TĂŒr der katholischen Kirche ein, ein mutiger Friedensaktivist stellte sich ihm jedoch in den Weg um Schlimmeres zu verhindern, dabei wurde er selber zur Zielscheibe, eine Plastikflasche traf ihn ins Gesicht! Daraufhin wurde es hitziger, die Apotheke wurde abfackelt und die ersten Polizisten griffen ein. Man muss wissen, dass stĂ€ndig Hubschrauber die Szene ĂŒberflogen, der dauernde LĂ€rm gab der Situation eine zusĂ€tzliche IntensitĂ€t!
Es herrschte ein chaotisches Durcheinander und die Geschosse zischten um uns herum: sogenannte âFlashballs", Knaller, Steine. SchlieĂlich konnten die Polizeitrupps die Lage sichern. Das Hotel Ibis stand nun in Flammen und 10 Minuten spĂ€ter tauchte endlich die Feuerwehr, seit dem ersten Feuer war aber schon eine Stunde vergangen!
Wir folgten der Menge, es war eine Spur der VerwĂŒstung, Ampeln, der Verkehrsradar, die Tankstelle wurden in Mitleidenschaft gezogen, viele Leute wollten sich nur noch in Sicherheit bringen, doch die Zufahrten waren weiterhin unpassierbar.
An der BrĂŒcke, die zur Innenstadt fĂŒhrt, gab es heftige Gefechte mit den SicherheitskrĂ€ften, der Einsatz von TrĂ€nengas löste die Demonstration endgĂŒltig auf. Als einzigen Ausweg blieb uns nur noch die etwas abseits gelegene NordbrĂŒcke am bassin du commerce (Hafen) vorbei, wo Aktivisten einen Zug gekapert hatten und âBlack Blocks" sich am Postamt vergingen.
An der entlegenen BrĂŒcke schlieĂlich durften wir unter dem misstrauischen Auge der Kamera von den Polizisten aus der Gefahrenzone ausgeschleust.
Insgesamt muss ich festhalten, dass ich nicht genau mitbekommen habe wofĂŒr oder wogegen eigentlich demonstriert wurde: es gab quer durcheinander Linke, Kommunisten, Gewerkschafter, eine muslimische Gruppierung, GrĂŒne, Pazifisten, Clowns, Schaulustige, Einwohner, Aktivisten aus Kurdistan und wie gesagt auch Randalierer!
DarĂŒber hinaus verstehe ich die Strategie der französischen Polizei nicht die Situation so lange eskalieren zu lassen, das Armenviertel an der deutschen Grenze wurde sichtlich geopfert - wir waren wie in einem Heizkessel eingesperrt und ganz auf uns alleingestellt, die Randalierer konnten sich in Ruhe austoben!
Auf jeden Fall ist mir nichts passiert. Die Polizisten, die ich gekreuzt habe, waren zwar scheinbar angespannt und nervös, aber nicht provozierend, wie ein Ă€lterer Herr mit DGB-MĂŒtze mir einreden wollte!
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