Alte Erbschaften
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 24. September 2002 18:00 Uhr
ENL5454
"Es gibt drei Phasen im Leben eines Königs. Die erste ist Krieg. Die zweite ist Liebe. Die dritte ist Architektur. Von diesen dreien ist die dritte die teuerste."
"Ich mag diese alten Steine."
Ich war letzte Woche auf einem alten Chateau in der Nähe von Paris. Der Besitzer erklärte mir, was er die letzten 10 Jahre seines Lebens gemacht hatte. Die Dacherneuerung seines Chateaus hatte ihn Millionen von Dollar gekostet.
Sein Chateau – das Chateau Bois Morand – ist im 15. Jahrhundert erbaut worden, wahrscheinlich auf den Ruinen eines noch älteren Gebäudes. Es war die Zeit des 100jährigen Krieges. Die Region südlich von Poitiers war von den Engländern besetzt. Der französische Monarch war machtlos, er konnte seinen Untertanen nicht helfen. Diese waren auf sich selbst gestellt. Deshalb bauten Sie Wälle, gruben Gräben und wetzten ihre Kriegsäxte.
Es war eine schlimme Zeit. Lokale Kriegsherren nahmen Geiseln und verlangten Lösegeld. Wenn nicht gezahlt wurde, dann wurden die Geiseln getötet oder ganze Städte niedergebrannt. Sowohl die englischen als auch die französischen Soldaten zerstörten die Felder, um ihren Feinden den Nachschub abzuschneiden. Das Foltern von Gefangenen war nahezu Routine und wahrscheinlich eine Form von Unterhaltung.
Das Wetter war auch schlecht. Eine "kleine Eiszeit" zeichnete sich ab, sie begann um 1450. Die Ernten fielen schlechter aus, die Menschen hungerten. Es gab Hungersnöte. Die europäische Zivilisation – oder zumindest der Teil in Frankreich – war in einer großen Krise. Nach kurzer Zeit waren die Gegenden der Aquitaine menschenverlassen. Nur in den Burgen überlebten kleine, semi-barbarische Gruppen von Menschen.
Was war schief gelaufen? Wir gehen normalerweise davon aus, dass sich die Zivilisation nur in eine Richtung entwickelt – nach vorne. Fortschritt erscheint uns unzweifelhaft, unaufhaltbar, unumkehrbar. Und dennoch hat die europäische Zivilisation nach dem Fall des Römischen Imperiums (476) zurückentwickelt ... mit einem niedrigeren Lebensstandard und einer zurückgehenden Wirtschaft, für fast 1000 Jahre. "Hier war der Graben", erklärte mir der Besitzer. "Er wurde wahrscheinlich im 19. Jahrhundert aufgefüllt, als der Platz hier renoviert wurde." Das Chateau Bois Morand steht zum Verkauf. Soweit ich weiß, hat noch nie jemand mit einer Investition in so ein altes Chateau Geld verdient. Ich wäre sicher keine Ausnahme ... aber ich kann meine Träume nicht abschalten.
Deshalb habe ich mir letzten Samstag ein anderes Chateau angesehen, das auch zum Verkauf steht. Sonntags grübelte ich. Letzten Sonntag war der Tag, an dem die Franzosen ihre alten Gebäude "feiern". Wir öffneten die Tore des Chateaus, in dem wir derzeit wohnen, und es kam umgehend eine Gruppe von 40 Besuchern.
Meine Frau hatte dies wohl schon geahnt – sie hatte sich vorbereitet und spielte die Touristenführerin. Da über das Chateau nur sehr wenig überliefert ist, ging ich davon aus, dass sie eine Geschichte erfinden würde.
"Dieses Chateau wurde von Karl Martell (genannt "der Hammer") als Hauptquartier genutzt, nachdem er die Araber in der Schlacht bei Poitiers 736 besiegt hatte und damit ihren Vormarsch nach Europa von Westen her gestoppt hatte", hätte sie sagen können. Wer hätte schon gewusst, ob es stimmt? Dann hätte sie fortfahren können: "Und Julius Caesar lagerte ganz in der Nähe, als er die Gallischen Kriege führte. Und Maria Magdalena war hier und vergrub den Heiligen Gral im Garten."
Aber meine Frau blieb bei den Fakten ... und erzählte etwas von der großen Geschichte.
Durch Ludwig XIV. (der Versailles erbaut hatte) und seine Bauten ging der französische Staat praktisch pleite. Das war ein Grund dafür, dass die Franzosen den weltweit ersten Zentralbanker – John Law – herzlich willkommen hießen. Law versprach, die Franzosen durch eine Steigerung der Geldmenge reich zu machen. Zuerst waren die Menschen skeptisch ... was war das neue Papiergeld wirklich wert?
Als die Geldmenge stieg, waren mehr und mehr Leute mit dem neuen Papiergeld zufrieden. Die Investoren von Laws Gesellschaft, der Mississippi Company, wurden reicher und reicher.
Dann – natürlich – platzte die Spekulationsblase, und Law musste nach Italien fliehen. Deshalb mein Rat an Alan Greenspan: Verlassen Sie das Land, solange Sie es noch können.
Wie teuer war der Bau des Chateaus Bois Morand? Das ist unmöglich zu sagen. Mir ist gesagt worden, dass ein Steinmetz pro Tag nur zwei Kalksteine bearbeiten kann. Das Chateau Bois Morand brauchte Tausende solcher Steine. Dann die Decken, die Tore, die Treppen. Wenn man es heute neu bauen wollte, dann müsste man wahrscheinlich 10 Millionen Dollar ausgeben.
Das einzige was fehlt – ist amerikanischer Komfort des Jahres 2002. Es gibt keine Klimaanlage, keine Fußbodenheizung. Der Fußboden besteht aus eiskalten Steinen.
Aber – was uns an den typischen amerikanischen Häusern stört, ist das was andere als den größten Vorteil ansehen: Der Komfort. Wenn man in den USA in ein Haus geht, dann geht der Bezug zur Außenwelt sofort verloren. Die Jahreszeit spielt keine Rolle mehr. Die Temperatur ist immer gleich. Man braucht noch nicht einmal ein Fenster zu öffnen. Und Gott sei Dank lassen sich die meisten amerikanischen Fenster ohnehin nicht öffnen – auch nicht im Notfall.
Man fühlt nie den Herbstwind durchs Wohnzimmer blasen ... oder die kalten Steine auf dem Fußboden. Und man kann nicht die Fenster weit öffnen, um die untergehende Sonne reinzulassen oder die Vögel zwitschern zu hören. Man ist von der realen Welt durch eine Welt aus Glas, Stahl, Holz und Plastik abgeschnitten. Wenn man den Fernseher anmacht, spielt es keine Rolle, an welchem Ort das Haus steht. Dieser Komfort benebelt das Gehirn, verweichlicht. Bald ist man das Essen vor dem Fernseher. Das passiert einem nicht, wenn man in einem Chateau wohnt. Man fühlt sich schlecht, wenn man einen Fernseher in den Raum stellt ... sondern man versteckt ihn in einem Schrank. In einem kleinen Zimmer kann man eine Fußbodenheizung anbringen ... damit man sich dort ab und zu hinschleichen kann, für ein paar Momente der Erholung. Es ist unmöglich, sich in einem monumentalen Esszimmer zu einem TV-Dinner niederzusetzen, während man von den Porträts beeindruckender Persönlichkeiten beobachtet wird. Es kommt einem so vor, als ob alle mit dem Finger auf einen zeigen würden.
Und vergessen Sie es, in Unterwäsche im Haus herumzurennen. Diese Chateaus kann man fast nicht beheizen. Sogar im Sommer tragen die Leute drinnen Pullover. Im Winter sitzen Sie vor dem Kamin und denken mit Schrecken an den nächsten Gang zum Holzholen.
Was diese Plätze brauchen – ist Geld. Generationen kommen und gehen. Jede trägt die Bürde ein paar Jahre, bis der Platz schließlich zu einer anderen Familie mit mehr Geld – und, vielleicht, weniger Geist – wechselt. Mehr dazu noch diese Woche.