Also doch Selters ... Vorsicht vor dem Offensichtlichen!
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 13. Juli 2006 07:30 Uhr
ENL5454
Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser!
Ich unkte gestern also nicht vergebens – die ganze so bullish wirkende Trendwende der US-Börsen am Dientag Abend war für die Katz. Auch der Götterbote der Wende, das Halbleiterunternehmen KLA Tencor, endete gestern trotz der positiven Kommentare zu seinen Quartalszahlen im Minus und zog – wieder – die ganze Halbleiterbranche mit sich. Die „wild swings“ schlagen wie befürchtet zu:
Gestern noch bullish, heute im Minus
Trotzdem wichtige Unterstützungslinien am Vortag eindrucksvoll verteidigt wurden, fielen die Kurse gestern sang- und klanglos darunter. Vor allem der Technologiesektor, vor deren alten Stars der 1999/2000er Phase ich seit längerem warne, war erneut der Schrittmacher der „Wende nach der Wende“.
Hatte der Nasdaq 100-Index am Dienstag noch die wichtige Unterstützung bei 1.510/1.515 (die Tiefs vom Oktober 2005, die im Juni bereits verteidigt werden konnten) gehalten, fiel der Kurs gestern klar darunter. Gleich mitgeliefert wurde ein markttechnisches Verkaufssignal des MACD. Dabei hat die „Earnings Season“, bei denen eigentlich nur die Hightechs Wackelkandidaten hinsichtlich der Erfüllung der Gewinn- und Umsatzerwartungen sind, noch nicht einmal richtig begonnen. Das sind böse Perspektiven für die Bullen ... aber man kann ja auch auf der Baisse-Seite verdienen.
Vorsicht vor dem Offensichtlichen!
Aber (und das ist ein großes ABER): Aktuell sieht es sehr danach aus, dass wir den nächsten Baisseimpuls sehen werden, der die Theorien der Dauer- und ggf. Zwangsoptimisten widerlegt, der Abwärtsschub von Mitte Mai bis Mitte Juni sei nur eine normale Korrektur im intakten Aufwärtstrend gewesen. Und angesichts der unverändert negativen Rahmenbedingungen erwarte ich diesen Impuls auch, das wissen Sie. Nur:
Das muss nicht per heute passieren! Die „wild swings“ funktionieren in beide Richtungen. Und je mehr die Aktienmärkte in den Händen von kurzfristigen Tradern sind, die gerade in solchen volatilen Phasen die Fäden in der Hand halten, desto vorsichtiger müssen Sie mit auf den ersten Blick eindeutigen Kauf- oder Verkaufssignalen umgehen. Der Turnaround der Kurse am Dienstag war eine Bullenfalle. Ich hatte dies geahnt, hätte aber nicht darauf gewettet. Es kam so, gut. Ob das Verkaufssignal im Nasdaq 100 nun eine Bärenfalle ist – ich weiß es nicht. Mein Erfahrungswert sagt 60:40, dass es jetzt zügig weiter abwärts geht. Das ist aber nicht genug, um sein Depot zu räumen und Haus und Hof auf die Baisse-Seite zu setzen. Eine gute Alternative für den Anleger, der wie ich ebenfalls leider ohne seherische Gaben geboren ist wäre, einen Teil der Hightech-Positionen im Depot zu verkaufen, wenn die Nasdaq heute erneut im Minus schließt. Agieren Sie in jedem Fall besonnen und in kleinen Schritten. Selbst das offensichtlichste Kauf- oder Verkaufssignal kann in solchen Börsenphasen sehr schnell überrannt werden.
Der Dax bleibt bei „Selters“
Sekt oder Selters war in der letzten Ausgabe die Parole. Der Dax schloss am Dienstag bei „Selters“, sauste gestern aufgrund des Turnaround der Wall Street fulminant ins „Sekt“-Plus und schloss dann doch wieder bei „Selters“.
Die Notierungen erreichten mit dem Rückenwind der US-Wende die 5.700, fielen aber dann am Nachmittag gemeinsam mit Dow Jones, S&P 500 und Nasdaq zurück und schlossen nachbörslich (auf Basis des Dax Future um 22:00 Uhr berechnet) bei 5.593 und damit punktgenau an der unteren Begrenzung des Aufwärtstrendkanals, der am Vortag noch so schön verteidigt wurde. Da im Bereich 5.550/5.600 gleich mehrere wichtige Unterstützungen verlaufen (ich hatte sie ja gestern dargestellt), würde ein Unterschreiten dieser Zone einen massiven Baisseimpuls auslösen, der den Dax wieder an die im Juni erreichten bisherigen Tiefs bei knapp 5.300 führen würde.
Aber Obacht, auch hier gilt: Das muss schon ein nachhaltiges Unterschreiten dieser Zone sein. Zehn Punkte darunter für eine halbe Stunde bedeutet noch nicht viel – erst, wenn ein solches Verkaufssignal den Einflussbereich der ganz kurzfristigen Trader verlässt (sprich ein biblisches Alter von mehr als einem Tag inkl. Schlusskurs erreicht), sollte man darauf auch etwas geben.
Als Fazit bleibt dennoch, bei aller Zurückhaltung: Es sieht wie erwartet aus, als würde es ein Bärensommer. Und weder Zinsen, Konjunktur noch Rohstoffe scheinen dagegen halten zu wollen, so gesehen muss ich mich wiederholen: Passen Sie in den kommenden Wochen auf Ihr Aktiendepot auf!
Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag – bis morgen!
Ronald Gehrt

