Allianz/Münchner Rück: Investitionsdruck steigt
Andreas Wolf in DAX Daily zum Thema Dax 30
vom 15. Oktober 2009, 08:00 Uhr
ENL5454
Im guten alten Handelsgesetzbuch (HGB) gibt es den Grundsatz des „Niederwertigkeitsprinzips". Demnach sollen Wertpapiere immer nach dem niedrigsten in einem Geschäftsjahr erreichten Börsenkurs bewertet und bilanziert werden. In den Hochzeiten des Internetbooms um die Jahrtausendwende kam dieser sehr vernünftige deutsche Ansatz aus der Mode. Banken und Versicherer wollten sich wegen der stark steigenden Kurse reicher rechnen als sie waren und schielten voller Neid in die USA, wo das „Marktpreisprinzip" galt.
In Zeiten steigender Aktienkurse ein tolles Werkzeug, denn die Bewertung stieg jeden Tag mit den haussierenden Aktienkursen, aber als der Markt dann in der zweiten Jahreshälfte 2000 anfing abzurutschen und sich dies noch drei Jahre fortsetzen sollte, begann das große Jammern.
Wieso ist das in Verbindung mit den Versicherern zum Besten gebe? Weil dies genau der Grund ist, warum die deutschen Versicherungsunternehmen nur noch sehr verhalten in den Aktienmarkt investieren. Die unangenehmen Erfahrungen vor bald zehn Jahren diktieren noch heute die Investmentansätze des Sektors.
Wenn die Branche aber nur in den Rentenmarkt und langfristige Anlagepapiere investiert, kann sie keine überdurchschnittlichen Renditen mehr erwirtschaften. Gleichzeitig ist aber der Kampf um Privatkunden härter geworden und auch die Industriekunden reduzieren unter dem Druck der Weltwirtschaftskrise ihre Engagements. Die Versicherer müssen also ihre defensive Haltung zu Aktien wieder lockern, wollen sie ihre Underperformance nicht übermäßig ausbauen.
Angstsparen wegen höherer Eigenkapitalquoten
Eine nicht zu unterschätzende Ursache für die Zurückhaltung der Unternehmen sind die neuen Aufsichtsregeln, die in Europa von der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel verantwortet werden. Um ähnliche Exzesse wie in den vergangenen zehn Jahren an den Finanzmärkten zu verhindern, müssen die Banken und Versicherer für riskantere Anlagen ein höheres Eigenkapital vorhalten (Solvency II). Je höher das jeweilige Engagement in Aktien ist, desto größer wird die erforderliche Summe an Eigenkapital.
Viele Versicherer halten deshalb deutlich weniger als zehn Prozent an Aktienanlagen in ihren Portfolios, vor dem Beginn der vorletzten Baisse 2001 waren es noch deutlich mehr als 13 Prozent. Die Abschreibungen auf Aktienanlagen betrugen damals 13 Milliarden Euro, im vergangenen Jahr wurden knapp 10 Milliarden Euro abgeschrieben. Es zeigt sich, dass sich an der Reaktionsgeschwindigkeit der Unternehmen auf die Marktentwicklungen trotz angeblich verbesserter Risikomanagementsysteme nicht verändert hat.
Dezentrales Investieren würde die Rentabilität verbessern
Es klingt zwar ein wenig verrückt, aber gerade der Umfang der zu investierenden Gelder behindert die Branche in ihren Möglichkeiten erfolgreich am Markt zu agieren. Denn kurzfristige Reaktionsmöglichkeiten bedingen dezentrale Strukturen im Investmentprozess. Das beste Beispiel gab der Automobilhersteller Porsche beim Erwerb von VW-Aktien. Über verschachtelte Investmentstrukturen gelang den Stuttgartern der Erwerb eines großen Aktienpaktes ohne große Aufmerksamkeit am Markt zu erzeugen.
Scheinbar ist es den Versicherern nicht möglich, eine ähnliche flexible Organisation in Sachen Portfolio-Verteilung hinzubekommen. Mit der US-Anleihetochter Pimco verfügt zum Beispiel die Allianz über einen erfolgreichen Partner am Rentenmarkt. Um dies auch im Aktienmarkt zu entwickeln, stehen weniger Hürden im Aufsichtsrecht als in der verkrusteten Struktur der deutschen Versicherer im Wege. Die zunehmende Härte des Wettbewerbs um vorzeigbare Renditen dürfte den Umstrukturierungsprozess in der nächsten Zeit prägen.
DAXSec. Insurance: 10 Prozent sind noch drin
Die charttechnische Entwicklung beim DAXSec. Insurance weicht nur unwesentlich vom Gesamtmarkt ab. In der Regel fällt der Absturz aber in ungünstigen Börsenzeiten meist größer aus als bei Erholungsbewegungen. Der Grund wurde im ersten Teil der Analyse benannt(Trägheit des Investmentprozesses!). Seit dem Tiefpunkt der Baisse bei 175 Punkten konnte der Index gut 80 Prozent an Wert gewinnen. Die aktuelle Aufwärtsbewegung ist intakt, so dass weitere Kursgewinne zu erwarten sind.
Nächster zentraler Anlaufpunkt und Widerstand ist der Bereich um 330 Punkte. Dort verläuft auch das 50prozentige Erholungsniveau der von Baisse-Welle von April 2008 bis März 2009. Die damalige Talfahrt verlief von 500 auf 175 Punkte. Tendenziell dürfte sich spätestens im Bereich um 352 Punkte die nächste größere Konsolidierung ankündigen, die durchaus auch in eine erneute Trendumkehr übergehen könnte.
Bevor aber ein solches Szenario in Betracht gezogen werden kann, haben die Bullen kurzfristig noch das Sagen. Seitens der wichtigen Trendindikatoren sind zumindest bis jetzt noch keine Abweichungen (Divergenzen) zum Kursverlauf erkennbar. Es sollte deshalb nicht schaden, in zwischenzeitliche Rückschläge Positionen aufzubauen.
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