"Alles schon vorbei" ist schon wieder vorbei
Axel Retz in DAX Daily
vom 29. August 2007 08:30 Uhr
ENL5454
Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,
manchmal komme ich aus dem Staunen gar nicht mehr heraus: Über Jahre hinweg haben wahre Heerscharen von Volkswirten, Analysten und Kommentatoren darauf verwiesen, wie segensreich die Preisentwicklung am US-Häusermarkt für die Konjunktur sei.
Diese Aussage war richtig. Kurz gefasst: Die Aufwärtsspirale der Wertsteigerungen der Immobilien konnten von den Hauseignern beliehen und in den Konsum umgeleitet werden. Und mit ihrem (mittlerweile geplatzten) System der Kreditvergabe nach dem Gießkannenprinzip versuchten die Banken, dieses vermeintliche konjunkturelle Perpetuum mobile so lange wie möglich am Laufen zu halten.
Nein. Das ist es nicht, was mich ins Staunen versetzt. Menschliche Irrtümer, falsche Einschätzungen und Fahlverhalten sind nichts, worüber man sich wundern sollte.
Was mich wirklich zum Kopfschütteln bringt, ist Folgendes: Die gleichen Volkswirte, Analysten und Kommentatoren, die uns zuvor gebetsmühlenartig gepredigt haben, wie positiv die permanenten Hauspreissteigerungen für Arbeitsmarkt, Konjunktur und Verbrauch seien, lassen uns nun ohne jedes Erröten wissen, dass es für die Wirtschaft, den privaten Verbrauch und die Börse völlig belanglos sei, wenn der Immobilienboom zu Ende geht.
Und noch erstaunlicher ist es, dass es offensichtlich massenweise Anleger gibt, die diesen Widerspruch nicht erkennen können und lieber am Denken der „fetten Jahre" festhalten.
Diese „fetten Jahre" aber sind mit hoher Wahrscheinlichkeit vorbei. Die gestern veröffentlichten Daten vom US-Immobilienmarkt sprechen für sich: Die Verkäufe bestehender Eigenheime fielen so hoch aus wie seit 1991 nicht mehr, während der Preisrückgang der Immobilien stärker war als jemals zuvor seit 1987. Die Kreditkrise schwappt nun auch auf das Kreditkartengeschäft über.
Und in einigen Teilen der USA ermittelt nun das FBI gegen Hypothekenunternehmen, die ihre Klientel offensichtlich fahrlässig oder sogar vorsätzlich in die Zwangsversteigerung getrieben haben sollen.
Keine Entwarnung fand sich auch im gestern veröffentlichten Protokoll der FED-Sitzung vom 07. August. Vielmehr stellten die Währungshüter darin fest, dass die Marktturbulenzen eskalieren und die Notenbank zum Handeln zwingen könnten. Denken Sie daran: Diese Einschätzung traf die FED vor den Kursturbulenzen!
Und hier kommen wir zu einem Punkt, den ich immer und immer wieder unterstrichen habe: Zinssenkungen, die von der konjunkturellen Lage oder der Kursentwicklung an der Wall Street „erzwungen" werden, sind nicht positiv. Bei Licht betrachtet, sind sie Löschversuche. Und damit auch das Eingeständnis, dass es (doch) brennt.
Des Einen Freud, des Anderen Leid: Am Platzen der Immobilienblase lässt sich natürlich auch trefflich verdienen. Dazu im kommenden Beitrag …