Alles noch zu skeptisch?
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 06. April 2006 18:00 Uhr
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So, da haben wir auf Schlusskursbasis die 1300 Punkte mit einem Stand vom 1311,56 Punkte im S&P500 überwunden. Mickrige 1,56 Punkte, ein nachhaltiger Bruch ist das noch nicht. Aber, wenn es heute weiter geht, dann könnte es einer werden. Und was macht der Dax? Er generiert heute mit 6045 Punkte ein neues Mehrjahreshoch, nur um danach in gewohnter Manier wieder einzubrechen. Wir kennen das aus unzähligen Beispielen in den letzten Monaten: Neues Hoch, kurzer oder längerer Einbruch, neues Hoch.
Aber was machen die Marktteilnehmer. In meinem Umfeld herrscht Skepsis, besonders unter den Bullen. Skepsis, weil wieder alles zu euphorisch ist. Das ist irgendwie paradox. Alles sind skeptisch, weil alle zu bullish sind? Ich blicke da nicht mehr durch.
"Die IPO's sind wieder da!", wird als skeptisches Argument angeführt. Aber das ist nur die eine Seite. Auf der anderen Seite laufen sie bei weitem noch nicht so, wie wir es aus den Boomjahren kennen. Zum Teil sogar eher schleppend. Ausnahme Bio-Gate, die zu 21 € ausgegeben und zu 33,50 € erstmals gehandelt wurden. SAF und Magix hingegen starteten eher mau. Es ist wie überall, man erkennt Hinweise, die wieder ein wenig an 1999 und 2000 erinnern, aber von diesem Extrem sind wir weit entfernt.
Alle wollen die 6250 Punkte Marke
Ich gehörte sicherlich zu den ersten, welche die 6250er Marke anvisiert haben. Aber, wie ich gestern geschrieben habe, mittlerweile erwarten zu viele Analysten diese 6250 Punkte im Dax und prognostizieren ebenfalls ein schwaches zweites/drittes Quartal. Da werde ich skeptisch. Das bedeutet für mich, dass die Wahrscheinlichkeit, dieses Szenario zu erleben, immer geringer wird. Entweder knallt der Dax also nach oben durch oder er erreicht das Ziel nicht mehr. Dann käm es bereits jetzt zu einer größeren Konsolidierung.
Es wird viel von den Amis abhängen und hier muss man feststellen, dass die US-Indizes zumindest im ersten Quartal meine Erwartungen enttäuschten. Die Sorge um die neue Notenbankpolitik Ben Bernanke und der Iran-Konflikt haben sich dämpfend ausgewirkt. Nun kommt es darauf an. Schafft der S&P500 nachhaltig die 1310 Punkte, wird danach endlich etwas mehr Dynamik in den US-Markt zu erkennen sein? Beides wird ein wichtiger Hinweis für den weiteren Weg der Börsen werden. Schafft der S&P500 es nicht, dann wird es kritisch.
Positive Berichtssaison in den USA erwartet
Überraschend wenige US-Unternehmen haben vor der neuen Berichtssaison Umsatz/Gewinnwarnungen ausgesprochen. Das ist ein gutes Zeichen und wird auch vom Markt als solches aufgenommen. Man rechnet gemeinhin mit guten Quartalsergebnissen, aber wie immer kommt es dann auf den Ausblick der Unternehmen an. Gute Ergebnisse und zufriedenstellende Erwartungen der Unternehmen könnten den Markt eine Weile auf Trab halten, trotz eines steigenden Ölpreis. Vielleicht reicht dieser Schub sogar aus, bis zu einem Statement der Fed über ein Aussetzen der Zinserhöhungen. Hier muss man allerdings beachten, dass die letzten US-Konjunkturdaten wieder besser ausgefallen sind. Das gibt der Fed die Möglichkeit, mit einer Aussetzung noch etwas länger abzuwarten. Man kann es natürlich, wie gesagt, auch umdrehen. Andererseits ist das Zögern der Fed ein Zeichen dafür, dass es der US-Wirtschaft noch ausreichend gut geht.
EZB belässt Leitzins unverändert
Die EZB hat den Leitzins wie allgemein erwartet unverändert belassen. Die Geldpolitik der EZB bleibt damit weiter "akkomodierend", somit sind die Bedingungen für weiteres Wirtschaftswachstum in der Eurozone weiter günstig. Die Wachstumsaktivität verstärke sich, so die EZB. Das sei auch dem globalen Wirtschaftswachstum zu verdanken, welches weiter einen positiven Effekt auf die Exporte habe. Die EZB betont dabei, dass sie die Preisstabilität, also die Inflationsgefahren sehr genau beobachtet (ist ja auch ihre Hauptaufgabe). Der Konsum stehe im Einklang mit den verfügbaren Einkommen, die Arbeitsmarktsituation verbessere sich schrittweise. Die Risiken seien weiter ausgeglichen, allerdings berge der hohe Ölpreis gewisse Risiken für das weitere Wachstum.
Soweit nichts Neues. Daneben wies die EZB noch auch auf die Risiken, welche durch die globalen Ungleichgewichte entstehe, hin. Doch der entscheidende Satz war wohl, dass die EZB die Markterwartung eines Zinsschrittes im Mai nicht teilt.
Quo Vadis Dax
Sie wissen, ich rechne im Zusammenhang mit der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland mit Mittelabflüssen aus dem Dax. Wie ich auch schon damals angedeutet habe, wird die Auswirkung dieser Mittelabflüsse allerdings davon abhängen, wie sich die Amis entwickeln. Wenn aber die Zinsen in der Eurozone weiterhin niedrig bleiben, und die Zinsen in den USA steigen, dann kann es sein, dass dadurch diese erwarteten Mittelabflüsse kompensiert werden.
Es ist natürlich zu erwarten, dass die EZB sowohl die WM, als auch die Mehrwertsteuererhöhung in Deutschland analysieren wird. Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, warum die EZB die Zinsen länger niedrig lässt, als die meisten Analysten erwarten. Zudem kann es gut sein, dass die EZB ein wenig von der doch relativ erfolgreichen Niedrigzinspolitik in den USA beeinflusst ist.
Nun gilt es zu überlegen: Wenn die EZB die Zinsen niedrig lässt und die USA eine eher weiter restriktive Geldpolitik fährt, dann bleibt der Zinsunterschied zwischen dem Dollarraum und dem Euroraum weiterhin sehr hoch. Somit fließt weiter Geld in den Dollarraum und das könnte zur Folge haben, dass der Dollar sich trotz aller Unkenrufe noch eine geraume Zeit vergleichsweise stabil hält. Auch das wird spannend zu beobachten sein. Ich gehe davon aus, dass der Euro wieder erstarken wird, sobald sich abzeichnet, dass die Zinsdifferenz zwischen Dollar und Euroraum wieder abnimmt. Andere meiner Kollegen gehen eher davon aus, dass der Dollar erst dann schwächer zum Euro notieren wird, wenn diese Zinsdifferenz sich wieder neutralisiert hat.
Insgesamt sieht also alles gar nicht so schlecht aus, zumindest hier in Europa. Vielleicht wird der Dax also trotz der WM und den schon gut gelaufenen Kursen doch noch weiter steigen. Warten wir erst einmal ab, wie sich der S&P500 um die 1310er Marke entwickelt.