Alles eine Frage der Bewertung!
Michael Vaupel in Traders Daily
vom 08. September 2004 12:00 Uhr
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Warum ich eigentlich fast nie amerikanische Aktien empfehle? Keine Frage, an der New York Stock Exchange oder der Nasdaq werden natürlich einige gute Unternehmen notiert. Eine ganz andere Frage ist es aber, wie deren Aktien bewertet sind. Ein Unternehmen kann gut sein – und die Aktie dennoch zu teuer. Letztlich ist das immer eine Frage der Bewertung.
Und die Bewertungen jenseits des Atlantiks (fast hätte ich geschrieben: in "Amberger-Land") gefallen mir nicht.
Da kann ich auf ganz konventionelle Kennzahlen wie das gute alte Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) zurückgreifen. Ok, da gibt es alle möglichen Berechnungen. Ich greife da meist auf die Berechnungen von Thomson First Call zurück (die liefern jedenfalls immer gute Werte, was die Konsensschätzungen bei Quartalszahlen angeht). Und laut denen liegt das durchschnittliche KGV an der Wall Street aktuell bei rund 15.
Halt, falsch, jetzt hätte ich fast den gleichen Fehler wie die meisten Marktteilnehmer gemacht. Denn diese KGV-Berechnung beruht auf den Gewinnen der KOMMENDEN vier Quartale. Diese Gewinne sind natürlich noch nicht bekannt, es handelt sich deshalb um Schätzwerte. Und meist um schön gerechnete Schätzwerte: Denn die Unternehmen rechnen unter dem Vorwand, die rein "operativen Gewinne" angeben zu wollen, Sonderfaktoren heraus. Aber was ist ein Sonderfaktor ... da geht es schon los.
Viele Analysten minderer Qualität greifen dieses KGV von 15 dennoch gerne auf und vermelden dann, dass dieser Wert ja in etwa dem historischen, durchschnittlichen KGV entsprechen würde – denn dieses liegt ebenfalls bei rund 15. Das Fazit dieser Analysten: Der US-Markt ist durchschnittlich hoch bewertet, was Chancen eröffnet.
Vorsicht! Das historische, durchschnittliche KGV von 15, das von diesen Analysten zitiert wird, bezieht sich auf das KGV unter Berücksichtung der jeweils LETZTEN vier Quartale vor Berechnung. Es basiert also auf tatsächlichen und nicht geschätzten Gewinnen.
Wenn man hingegen das historische, durchschnittliche KGV auf Basis der Gewinne der jeweils KOMMENDEN 4 Quartale berechnet (also aufgrund der Gewinnschätzungen), dann kommt man auf einen Wert von ca. 11.
Fazit: Man darf hier keine Äpfel mit Birnen vergleichen! Und ich bevorzuge es, das KGV auf Basis der tatsächlich erzielten Gewinne zu berechnen. Dann ergibt der Vergleich: Aktuelles KGV von 15, historisches KGV von durchschnittlich 11. Damit liegt das aktuelle KGV rund 36 % über dem historischen Durchschnittswert. Würden Sie so etwas "günstig bewertet" nennen? Die Kurse an der Wall Street könnten ein Drittel ihres Wertes abgeben – und wären dann immer noch nicht "günstig", sondern erst "historisch durchschnittlich" bewertet. Solche Märkte meide ich generell. Was nicht heißt, dass es nicht doch ein paar interessante Einzeltitel gibt (Christoph Amberger stellt ja immer wieder einige vor). Und was nicht heißt, dass sich keine interessanten Short-Möglichkeiten eröffnen ...
Beste Grüße,
Michael Vaupel