Alles beim Alten
John Mauldin in Investors Daily
vom 16. Dezember 2005 18:00 Uhr
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In den vergangenen Wochen habe ich mich mit dem Argument "diesmal ist es anders" befasst, das von den klugen Köpfen hinter GaveKal Research in einem Buch mit dem Titel "Our Brave New World" (Unsere schöne neue Welt") auf 130 Seiten umfassend behandelt wird. Das amerikanische Handelsbilanzdefizit mache nichts aus, sagen sie. In den darauf folgenden Wochen befasste ich mich mit der umgekehrten Sicht, wie sie von Bill Bonner und Addison Wiggins in dem Buch "Empire of Debt" behandelt wird. Sie schreiben nicht nur, dass die Dinge nicht anders sind, sondern dass sie am Ende auch genauso sein werden, wie sie immer schon waren. Und für die Neugierigen unter Ihnen: Das Endergebnis ist kein erfreuliches.
Wo GaveKal einen steigenden Dollar erwarten, rechnen Bonner und Wiggin mit dem Untergang des Dollars. Wo GaveKal hinter der negativen Handelsbilanz ein Versprechen und positive Auswirkungen vermuten, erwarten Bonner und Wiggin Schutt und Asche. Handelt es sich um ein Imperium, das auf Schulden aufgebaut ist, nur um den Weg aller Imperien zu gehen oder um sich diesmal in eine "schöne neue Welt" zu verwandeln? Verstehen sie mich nicht falsch, es sind beides polarisierende, konträre Ansichten. Aber für das Portfolio eines Privatanlegers hängt sehr viel davon ab, für welche Sichtweise man sich entscheidet. Das kann auch für die Planung der Zukunft von Bedeutung sein. Ich denke, darüber lässt sich ein ganz interessanter Newsletter verfassen. Warnung: Sie betreten nun einen Bereich des Untergangs ...
In dem Buch "Empire of Debt" werden zwei Geschichten erzählt. Die erste ist das traditionelle Argument der sogenannten "österreichischen Volkswirtschaftslehre". Man kann nicht auf ewig Handelsbilanzdefizite unterhalten. Irgendwann wird die Währung zusammenbrechen, weil die Leute immer mehr davon wollen.
"Mit der Wirtschaft in ihrer Gesamtheit wird es immer weiter bergab gehen, solange mehr konsumiert wird als produziert, und ein Teil des Konsums geht auf Kosten des bestehenden Kapitalstocks." – Friedrich August von Hayek (Nobelpreisträger 1974)
Aber einen Beweis für diesen Niedergang gibt es gerade nicht. Amerika und seine Währung scheinen immer weiter zu gedeihen und das, obwohl es bisher keiner anderen Nation gelungen ist, so große Defizite zu unterhalten, ohne dass es zu einer großen, wo nicht dramatischen Währungsneubewertung gekommen wäre. Wie kann das sein?
"Könnte es uns tatsächlich gelungen sein, den Weg zum Erfolg auf Kredit gegangen zu sein? Anstatt zu sparen und in neue Kapitalproduktion zu investieren, verschiffen wir die Produktion unserer Produkte zusammen mit unseren Dienstleistungen ins Ausland und hoffen, dass andere Nationen unsere Schulden finanzieren werden."
"Nachdem die angelsächsischen Imperien ihren Wettbewerbsvorteil in der Produktion verloren haben, versuchte man es auszugleichen, indem man zum Konsum ermunterte. Hier liegt der größte Betrug von allen", schreibt das Duo in "Empire of Debt".
"Zuerst fühlt sich der gesteigerte Konsum gut an. Es ist so, als würde man seine Möbel verbrennen, um es schön warm zu haben; für den Moment gibt es einem ein gutes Gefühl. Aber die Freude wird nur sehr kurz währen. Wenn die Leute Geld leihen, um es auszugeben, dann fühlen sie sich so, als würden sie reicher werden; besonders dann, wenn die Immobilienpreise steigen. Der gesteigerte Konsum lässt sich sogar, indirekt, in den Zahlen des Bruttoinlandprodukts als Wachstum ablesen. Aber man wird durch den Konsum nicht wirklich reicher. Man wird wohlhabend, indem man Dinge produziert, die man anderen verkaufen kann – mit Gewinn. Das ist offenkundig, passt dem Imperium aber momentan nicht in den Kram."
"Man kommt nicht zu Reichtum indem man Geld leiht und ausgibt. Doch die nationalen Schulden – die privaten, die korporativen und die öffentlichen – steigen einfach immer weiter an. Wie auch immer man es bemessen will, ob in absoluten Zahlen oder gemessen als Prozentsatz des Bruttoinlandsprodukts oder der Einkommen, die Schulden steigen und sie steigen auch weiterhin. Die niedrigen Zinssätze, die die Fed sich zusammengebastelt hat, haben die Verbraucher nur ermutigt, noch mehr Schulden zu machen."
Eines der Hauptthemen des Buches befasst sich also im Detail damit, zu zeigen, dass die ständig weiter steigende Verschuldung in Amerika, kombiniert mit einem Handels- und einem Leistungsbilanzdefizit irgendwann mit Tränen enden wird. Man kann sich nicht selbst reich konsumieren, das kann weder der Einzelne, noch das Land.
Dieses Thema wird ziemlich deutlich auf den Punkt gebracht, und viele Leser werden hier nur zustimmen können. So läuft es seit Urzeiten in der Welt. Wenn man nicht mehr produziert, als man konsumiert, dann wird man irgendwann arm sein oder zumindest in schlechteren wirtschaftlichen Umständen.
Aber wie konnte es dazu kommen? Wie konnte es dazu kommen, dass wir in Amerika heute Handelsbilanzdefizite von 700 Milliarden Dollar haben? Wie sind wir in eine Zeit gekommen, in der Menschen aus dem Ausland einen immer größeren Anteil an der amerikanischen Verschuldung besitzen, in der die Ersparnisse Amerikas zu vernachlässigen sind und in der wir immer noch 70-80 % der Ersparnisse vom Rest der Welt verbrauchen, so dass wir weiterhin konsumieren können. Wir sind abhängig von dem guten Willen völlig Fremder – ganz besonders von denen aus China und Japan. Die Autoren schließen daraus, dass wenn diese den Stöpsel ziehen – d.h. wenn sie nicht weiterhin die Schulden Amerikas kaufen – die Währung zusammenbrechen wird, die Zinssätze steigen werden, der Immobilienmarkt einstürzen wird und ganz Amerika eine schwere Rezession erleben wird.
Und damit bin ich bei dem zweiten großen Thema des Buches, welches noch mehr Sorgen verursacht. Es betrifft die nationalen Einbildungen über den Glauben und die Überzeugungen, dass wir als Amerikaner in der Lage sein werden, für uns selber zu sorgen. Wir (oder die meisten von uns) halten uns für gute Menschen. Bonner und Wiggins kennen diese Haltung.
Bonner hält die Vereinigten Staaten für ein Imperium. Das ist, für sich genommen, kein neuer Gedanke. Viele denken in diese Richtung und sie sind stolz darauf. Der Pax Americana macht die Welt zu einem besseren Ort. Niall Ferguson meint, dass Amerika das einzige ist, was die Welt davon abhalten kann, wieder in ein düsteres Mittelalter abzudriften. Irgendjemand muss auf der Erde für Ordnung sorgen und die Leute und die Länder dazu bringen, sich an die Spielregeln zu halten. Wenn es ein wirkliches Problem gibt, wen wird man als erstes anrufen? Frankreich? Wohl kaum!