Alan Greenspan auf Kurs ...
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 26. Februar 2004 18:00 Uhr
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Alan Greenspan sagte, dass der Punkt, an dem Amerika beginnen sollte vorsichtig zu sein, in dem Moment erreicht sein wird, wenn sich die ausufernden Defizite auf die langfristigen Zinsen auswirken. Man möchte mal wieder ein "Hört, hört!" über den Atlantik rufen. Mir scheint so langsam wird Alan Greenspan klar (wobei ich wirklich nicht glaube, dass uns das zeitlich vor Alan Greenspan klar geworden ist, sondern nur, dass er es vorher nicht geäußert hat), dass die Amis da einen ganz schönen heißen Stepptanz auf einem glühenden Untergrund vollführen, der jederzeit ziemlich schmerzhaft werden könnte.
Immer offener äußert nun auch Alan Greenspan nach und nach die Sorgen, die uns im Investor's Daily schon eine ganze Weile umhertreiben. Dabei sah es eine Zeitlang so aus, als ob wirklich alles in Ordnung ist – keine Probleme konnten das ungebremste Wachstum der amerikanischen Konjunktur hemmen. Einige von Ihnen haben sicherlich schon Zweifel an unserer Einstellung bekommen. Denken Sie an den Anfang des Jahres, wie bullish die meisten Analysten waren.
Doch es ist auch nicht alles wirklich düster. Es gibt durchaus Grund zur Hoffnung. Leider nicht auf eine ausufernde Konjunkturerholung, so gerne ich sie auch miterleben würde. Die Wahrheit liegt wie so oft "irgendwie dazwischen".
Die Politik von Greenspan bewirkt, dass die Folgen der Rezession abgeschwächt werden. Das Ganze hat nur einen Nachteil. Stellen Sie sich eine in Wellen auf dem Tisch liegende Schnur vor. Es gibt natürlich eine Möglichkeit die Amplitude der Wellen zu reduzieren, man zieht die Schnur in die Länge. Und genau das geschieht gerade.
Die Tiefe der Rezession wurde abgemildert auf Kosten ihrer Dauer. Es wird ein langer Prozess werden, wahrscheinlich vergleichbar mit der Entwicklung in Japan in den letzten 14 Jahre. (Da es offenbar zu Missverständnissen gekommen ist: Die 1000–2000 Punkten Range der Seitwärtsbewegung im Dax war auf eine Zeitspanne von bis zu 16 Jahren (!) ausgelegt. Dann relativiert sich die Größe dieser Spanne. Wobei es weniger um die genaue Festelegung der Spanne, sondern vielmehr um die Tatsache geht, dass die Konjunktur auf viele Jahre mal mehr mal weniger vor sich hindümpeln wird.)
Natürlich ist es leichter Schulden zu machen, als sie abzutragen. Die Schuldenlast von Amerika ist gigantisch. Ein weiteres Problem hat Alan Greenspan dazu angeführt: Der falsche Weg sei es, die Steuern anzuheben, denn das würde die amerikanische Wirtschaft abwürgen. Vielmehr müsse gespart werden, so Greenspan.
Keine Frage wen es treffen soll: Die Rentner und die sozial Schwachen. Und da glaubt man, dass in Deutschland die Situation spezieller ist. Nein, die Probleme hier in Deutschland sind nicht nur politischer Natur, wie uns die Medien so gerne weiß machen wollen, sie sind struktureller Natur und sie tauchen im Moment in nahezu allen Industrieländern auf. Egal ob links oder rechts oder sonst wie politisch geführt.
Das Problem heißt Rezession. Ein grundsätzliche Problem dieser Rezession ist, dass der Sozialstaat die Arbeitslosigkeit nicht mehr "heben" kann und deswegen die sozialen Errungenschaften abbauen muss (Ohne Arbeitslosigkeit hätten wir kein Renten- oder Gesundheitspolitik- Problem, jedenfalls nicht in dem Maße). Ich gewinne dabei den Eindruck, dass in und zwischen den Parteien lediglich darüber gestritten wird, wie man es der Bevölkerung am besten verkaufen soll.
Dieses strukturelle Problem der Weltwirtschaft ist und bleibt ein zyklisches Problem. Das wird auch so immer wieder auftauchen und es wird um so stärker auftauchen, je größer der wirtschaftliche Aufschwung davor war. Und das allein ist und war mein Vorwurf an Greenspan: Er hat es versäumt, die Blase in den 90er Jahren nicht vorher eingedämmt zu haben.
Nicht umsonst heißt es in der Bibel, auf sieben gute Jahre folgen sieben schlechte Jahre. Selbst damals war dieser "Wirtschaftszyklus" anscheinend schon bekannt. Und damals wurde schon die Lösung genannt: Man sollte sich in den guten Jahren sparsam auf die schlechte Jahre vorbereiten. Da dies versäumt wurde, werden nun nach 10 guten Jahren 15–20 schlechte Jahre folgen und keiner wird daran etwas ändern.