Aktuelle Einschätzung zum Ölpreis
Investors Daily
vom 31. August 2004 18:00 Uhr
ENL5454
Wenn Ihnen der Benzinpreis weh tut, liebe(r) Leser(in), dann sollten Sie auch an die armen Asiaten denken. Die mögen zwar Dollarberge anhäufen; und sie mögen bald auch alle Jobs aus den USA bekommen haben. Aber sie können einfach nicht genüg Öl für ihre Fabriken kaufen – noch nicht einmal zu hohen Preisen, so scheint es.
Pekinger Volkswirte haben errechnet, dass China schon dann 8,8 Milliarden Dollar mehr bezahlen müsste, wenn es seine Ölimporte nur auf dem Niveau von 2003 halten will. Aber das Problem ist, dass sich die chinesische Nachfrage nach diesem schwarzen Zeug seitdem um 20 % erhöht hat. In den letzten 20 Jahren hat sie sich verdoppelt. Im Februar überholte China Japan als zweitgrößten Öl-Konsumenten. Jetzt übertreffen nur noch die USA China, was den Durst nach Erdöl angeht.
Aber die USA sind noch deutlich voraus. Denn der durchschnittliche chinesische Konsument verbraucht nur ca. 10–15 % der Energie, die der durchschnittliche amerikanische Konsument verbraucht. Es gibt also noch viel aufzuholen. Die Regierungen überall in Asien machen sich Sorgen ...
In Bangkok müssen die Geschäfte seit letzter Woche um 20 Uhr schließen; Tankstellen müssen um Mitternacht schließen. Leuchtreklamen dürfen nach 22 Uhr nicht mehr leuchten. Die Thai Regierung will damit 3 Milliarden Baht (ca. 72 Millionen Dollar) an Energiekosten einsparen.
In Indien hat die Regierung hingegen die Steuer auf Benzin und Diesel von 20 % auf 15 % gesenkt. In den Philippinen waren es zu einem großen Teil die steigenden Ölpreise, die zu einem 142-Millionen-Dollar Handelsbilanzdefizit im Juni geführt haben. Im selben Vorjahresmonat konnte noch ein Überschuss von 132 Millionen Dollar verzeichnet werden. Schlimmer noch: Analysten prognostizieren, dass die Exporte fallen könnten, wenn die Nachfrage aus China und den USA zu fallen beginnt ... was sie laut taiwanesischen Zahlen bereits tut.
In Taiwan – oder der 23. Provinz der Volksrepublik China, was Peking gerne hätte – ist der industrielle Output im Juli um 8,4 % gestiegen, verglichen mit einem Zuwachs von 15,7 % im Juni. Die taiwanesische Regierung hat diesen Rückgang der schwächeren Nachfrage aus China und den USA zugeschrieben. Die amerikanische Fed widerspricht dem natürlich.
Der Fed-Gouverneur Ben Bernanke sagte letzte Woche: "Es wird eine kleine Wachstumsverlangsamung geben (wegen des hohen Ölpreises) ... ich denke, das wird aber nicht das, was derzeit wie eine sich selbst tragende Wirtschaftserholung aussieht, entgleisen lassen." Und Robert McTeer – President der Dallas Fed – wiederholte das bei CNBC. Das Wachstum sei "selbst tragend, und nicht besonders zerbrechlich", sagte er ... was eine merkwürdige Phrase ist, wenn man denkt, dass man sich keine Sorgen machen braucht.
Was bedeutet das alles für Investoren? Da der Ölpreis auf Dollarbasis in nur einem Jahr um 50 % gestiegen, da sollte man doch damit rechnen, dass die Energie-Aktien auf Allzeithoch stehen. Aber wie Elizabeth Wine in der Financial Times schreibt: "Die Entkopplung zeigt sich klar in diesen Zahlen: Der Ölpreis ist in diesem Jahr um 45 % gestiegen, während die (amerikanischen) Energie-Aktien um 12 % gestiegen sind."
Der Grund? Energie-Aktien "werden von den institutionellen Investoren nicht besonders geliebt", so Ms. Wine. Weniger als 44 % der US-Aktienfonds haben Energie-Aktien übergewichtet (laut Merrill Lynch). Selbst einige professionelle Öl-Händler sind vorsichtig, was Öl-Aktien angeht. Ein Öl-Trader von Bear Stearns sagt, dass "der Ölpreis an einem einzigen Tag um 15–20 % fallen könnte, und dann werden diese Aktien einbrechen." Er glaubt, dass der Ölpreis wegen spekulativen Käufen so hoch steht ... was sich sehr schnell wieder ändern könnte.
Ach wirklich? Jim Rintoul von TheOilTrader.com sagte mir am Wochenende: "Eine Korrektur (des Ölpreises) ist überfällig. Aber der langfristige Aufwärtstrend ist solide und intakt. Das Gerede in der Presse über einen plötzlichen und starken Einbruch ... ignoriert die Fakten – eine explodierende asiatische Nachfrage, vollständig ausgenutzte Kapazitäten, die Befürchtungen über ein Nahen des Produktions-Zenits."
Letzte Woche ist der Ölpreis ja deutlich zurückgekommen, in New York um rund 10 %. Ist das den News zu verdanken, dass der russische Präsident Putin das Weiße Haus angerufen hat, um mitzuteilen, dass er die russische Ölförderung weiter auf Hochtouren laufen lassen wird – selbst wenn er Yukos "schließen" würde? Oder war es eher eine technische Korrektur?
In New York nahmen die Investoren Vladimir beim Wort. Deshalb stieg der Dow Jones letzten Freitag auch auf ein neues 6-Wochen-Hoch. Und der Nasdaq-Composite auf ein 4-Wochen-Hoch.
Abgesehen vom Lärm an den Märkten bleiben die Fakten aber bestehen – die Ölproduktion der OPEC liegt bei 95 % Kapazitätsauslastung. Die Deutsche Bank schätzt, dass der Zuwachs bei der Ölnachfrage in diesem Jahr doppelt so hoch sein wird wie in den vorigen 20 Jahren. Deshalb denke ich: Der Ölpreis kann kurzfristig fallen, aber wenn der Winter beginnt, wird er nur steigen können ...