Aktienmärkte vor der Entscheidung
Claus Vogt (Chefredakteur "Sicheres Geld") in Investoren Wissen zum Thema Aktien & Aktienhandel
vom 10. Juni 2009, 16:00 Uhr
ENL5454
Liebe Leser,
aus technischer Sicht haben die Aktienmärkte ihr Bearmaketrally-Potenzial bis zur Neige ausgeschöpft. Vermutlich werden die nächsten Börsentage die Entscheidung bringen, ob die längst wieder lautstark gewordenen Bullen mit ihrer These einer neuen Hausse Recht behalten werden oder nicht.
Lassen Sie mich zunächst die zahlreichen Argumente auflisten, die gegen das Ende der Baisse und für weitere schmerzhafte Kursrückgänge sprechen.
- Die Kursgewinne seit Anfang März wurden von Anfang an von geringen Umsätzen begleitet. Darüber hinaus sind die Umsätze gerade während der jüngsten Aufwärtswelle noch einmal erheblich zurückgegangen.
- Alle mittelfristigen Momentumindikatoren notieren auf hohem Niveau. Manch einer hat bereits ein Verkaufssignal gegeben, das allerdings nur zu einer Seitwärtsbewegung der Kurse führte. Das neue Kurshoch der vergangenen Woche wurde bisher nicht von den Momentumindikatoren bestätigt, eine negative Divergenz.
- Besonders stark gestiegen sind während der Rallye der vergangenen drei Monate die Aktien jener Unternehmen, die besonders schlechte Bilanzrelationen aufweisen, also besonders riskant sind.
- Ebenfalls stark gestiegen sind Aktien, die in großem Umfang leerverkauft wurden. Es fand also ein sogenannter Short-Squeeze statt.
- Die 200-Tage-Durchschnittlinien aller wichtiger Indizes fallen noch immer.
- Von den 500 im S&P 500 Index enthalten Aktien weisen nur 23 eine steigende 200-Tage-Durchschnittlinie auf.
- Die Advance-Decline-Linie zeigte am März-Tief keine positive Divergenz, sondern bestätigte die Baisse.
- Die Sentimentindikatoren zeigen ein hohes Maß an Optimismus bzw. Sorglosigkeit. Insbesondere einige Put-Call-Ratios haben bereits seit Wochen Verkaufszonen erreicht.
- Die Zinsen sind in den vergangenen Monaten sehr deutlich gestiegen.
- Die fundamentale Bewertung der Aktienmärkte hat teilweise Extremwerte erreicht. Das KGV des S&P 500 beträgt 59,7, das der NASDAQ 100 36,2, das des DAX 27,4, während das KGV des Nikkei Index‘ dank „negativer Gewinne“ nicht mehr berechnet werden kann.
- Der Finanzsektor ist noch immer in einem verheerenden Zustand. Daran ändern die absurden Gewinnausweise des ersten Quartals nichts. Die Risiken neuer erheblicher Verluste sind weiterhin gewaltig.
- Noch immer deutet nichts auf ein Ende der Immobilienbaisse hin. Der Kern der Finanzkrise, fallende Immobilienpreise und faule Immobilienkredite, bleibt eine große Bedrohung.
- Die Subprime-Krise ist zwar vorüber, aber die Pipeline zukünftiger fauler Kredite aus anderen Hypothekensegmenten ist prall gefüllt. Dieses Thema wird im zweiten Halbjahr 2009, spätestens Anfang 2010 akut werden und bis Ende 2011 anhalten.
Die bullischen Argumente überzeugen mich nicht
Nachdem Sie die Vielzahl bearisher Argumente gelesen haben, möchten Sie sicherlich auch die bullishen kennen. Warum ich sie nicht überzeugend finde, sage ich Ihnen gleich im Anschluss an jedes Argument.
- Die Regierungen haben die Probleme gelöst, ab jetzt wird alles gut. Die massiven Konjunkturprogramme werden nicht nur ein Strohfeuer entfachen, sondern einen tragfähigen Aufschwung auslösen, und zwar bald. -->
- Die Wirtschaftsdaten der vergangenen Wochen zeigen erste Anzeichen einer möglichen Verbesserung. -- Das stimmt, wenn man die Betonung auf erste Anzeichen legt. Die Zahlen sind immer noch überaus schlecht, teilweise schlechter als am Tiefpunkt vergangener Rezessionen. Sie sind lediglich nicht mehr ganz so verheerend wie am bisherigen Tiefpunkt der laufenden Rezession. Außerdem sind sie besser als erwartet. Ob sie von hier aus wirklich drehen und einen Aufschwung verkünden werden, ist derzeit vollkommen offen. Noch deuten sie alle auf eine Fortsetzung der Rezession. Die Aktienmärkte haben auf dem jetzigen Niveau – gerade unter Berücksichtigung der absurd hohen KGVs – eine dynamische Erholung der Wirtschaft und der Unternehmensgewinne mehr als eingepreist. Wehe, wenn sie doch länger auf sich warten lassen oder womöglich ganz ausfallen sollte.
- Das Konsumentenvertrauen ist deutlich gestiegen. -- Auch diese Feststellung ist natürlich richtig. Aber das Konsumentenvertrauen korreliert sehr eng mit den Aktienkursen. Es kündet nicht von einem neuen Aufschwung, sondern sagt uns, was wir bereits wissen: dass die Aktienkurse deutlich gestiegen sind.
- Zahlreiche technische Indikatoren erreichten im März Extremwerte. -- Ich habe diese Extremwerte zum Anlass genommen, eine ausgeprägte Bearmarketrally zu prognostizieren, denn dazu taugen sie tatsächlich. Gleich auf den Beginn einer neuen Hausse schließen zu wollen, ist sehr ambitioniert und riskant.
- Die Coppock Kurve, ein mittel- bis langfristiger Momentumindikator, hat ein Kaufsignal gegeben. -- Dieser Indikator, der durchaus zum Arsenal der von mir regelmäßig beachteten gehört, erlebt in den USA gerade eine seltene Aufmerksamkeit. Verständlich, denn andere Indikatoren haben ja noch immer keine Kaufsignale gegeben. Dass dabei leider auch ein guter Teil der Wahrheit über diesen Indikator auf der Strecke bleibt, wird Sie kaum verwundern. In den US-Medien wird auf die hohe Trefferquote der Coppock Kurve hingewiesen. Wie so oft im Dschungel der Finanzmärkte stimmt diese Beobachtung nur, wenn man den Betrachtungszeitraum geschickt wählt. Wie so oft wird einfach nicht allzu weit in der Historie nach hinten schaut, sondern bestenfalls die Nachkriegszeit betrachtet, wenn nicht sogar die Zeit ab 1982. Tut man das jedoch, so erhält man bei 37 Signalen immerhin 11 Fehlsignale, also eine Trefferquote von 70%. Das mag immer noch hoch klingen, lässt sich aber auch mit der klassischen Permabullen-Methode erreichen: wer in der Vergangenheit einfach immer bullish war, kommt ebenfalls auf eine Trefferquote von rund 70%, den die Märkte befinden sich einfach meistens in Aufwärtstrends, während Baissen vergleichsweise kurze und heftige Angelegenheiten sind.
Herzlichst Ihr
Claus Vogt
ANMERKUNG DER REDAKTION:
Claus Vogt ist institutioneller Anleger, Bestseller-Autor und Chefredakteur des Börsendienstes "Sicheres Geld". Herr Vogt hat die Krise frühzeitig vorausgesehen und wiederholt vor ihr gewarnt. Während viele Anleger im letzten Jahr ihr Portfolio stark schrumpfen sahen, empfahl er immer wieder stark profitable Kriseninvestments und zeigte seinen Lesern, wie sie sich effektiv absichern können.
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