Aktien als langfristige Kapitalanlage ...?
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily zum Thema Aktien & Aktienhandel
vom 10. September 2002 18:00 Uhr
ENL5454
Langfristig sind Aktien die beste Kapitalanlage. Jeder sagt das. Durchschnittlich konnte man mit ihnen 6,7 % jährlich verdienen – in den letzten 100 Jahren.
Wahrscheinlich haben Investoren, die am Freitag Aktien gekauft haben, gedacht, dass sie im schlimmsten Fall immer noch langfristig 6,7 % Gewinn machen.
Und in den letzten 20 Jahren gab es sogar deutlich mehr – fast drei Mal soviel wie den historischen Durchschnitt. Also, warum sollte man keine Aktien kaufen? Vielleicht hat man ja noch einmal Glück.
Aber Moment, was ist das? Fast 2/3 der Gewinne der letzten 100 Jahre wurden durch Dividenden erzielt ... nämlich durchschnittlich 4,2 % pro Jahr. Um diese Dividendenrendite heute zu erhalten, müssten sich die Aktienkurse noch einmal halbieren ... mindestens. Das würde Sinn machen. Man braucht kein Wirtschaftswissenschaftler zu sein, um festzustellen, dass nach 2 Jahrzehnten mit überdurchschnittlichen Renditen (18 % pro Jahr) jetzt durchaus ein paar schlechte Jahre drin sein können, damit der langjährige Durchschnitt von 6,7 % wieder erreicht wird.
Glauben Sie es oder nicht, aber die Investoren hören immer noch auf das, was die Staranalystin Abby Cohen sagt, genauso wie immer noch jedes Wort Alan Greenspans auf die Goldwaage gelegt wird. Sie denken, dass die Gewinne durch steigende Produktivität so stark gesteigert werden können, dass das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis dramatisch absinken wird – sogar bei steigenden Aktienkursen. Sie sehen jedoch nicht, dass das Produktivitätswachstum derzeit nicht ungewöhnlich hoch ist; es war schon oft deutlich höher. In den letzten 100 Jahren ist nur ein verschwindend geringer Anteil des durchschnittlich erzielten Ertrags von 6,7 % durch Gewinnwachstum der Unternehmen zustande gekommen – gerade einmal 0,6 %. Und Peter Bernstein betont, dass mehr als die Hälfte des Gewinnwachstums seit 1960 aus "mysteriösen" Quellen stammt – die Bilanzkosmetik lässt grüßen.
Vielleicht steigen Aktien langfristig wirklich. Aber sie können auch für 20 Jahre oder noch länger fallen. Nach 3 Jahren fallender Kurse überlegen wir derzeit, ob wir nicht am Anfang einer solchen langen Periode zurückgehender Notierungen stehen. Noch hat sich nichts ereignet, was dagegen sprechen würde.