Ag(g)rokraftstoff
Henrik Voigt in DAX Daily
vom 8. März 2011, 08:30 Uhr
ENL5454
wie ich an Ihrem lebhaften feedback gesehen habe, hat Sie die Thematik meines gestrigen Artikels " Machen Sie einen großen Bogen um E10!" ebenso beschäftigt wie mich. Einige Leser haben mir dazu Fragen gestellt, die ich an dieser Stelle noch einmal aufgreifen möchte. Es kam unter anderem der Einwand, dass in Brasilien und die USA bereits seit vielen Jahren problemlos mit Benzin-Alkohol-Gemischen gefahren wird und warum das bei uns nicht gehe. Der Grund ist einfach: Unsere Motoren sind nicht auf einen erhöhten Alkoholgehalt im Benzin ausgelegt.
Die in den genannten Ländern (und weiteren wie Schweden oder Kolumbien) verbreiteten Fuel Flexible Vehicles verfügen über geänderte Zündmechanismen im Motor (Alkohol erhöht den Verbrauch, aber auch die Leistung modifizierter Motoren), alkoholresistente Materialien im Kraftstoffkreislauf (Alkohol greift Gummi und Kunststoffe an), spezielle Motorenöle und Materialien im Triebwerk sowie einen Alkoholsensor. Bevor man also den Alkoholanteil im Benzin deutlich erhöhen kann, wäre ein Gesetzt zur Modifikation der Fahrzeuge angebracht (die selbstverständlich Mehrkosten verursachen) - mit entsprechender Vorlaufzeit für die Industrie. Das ist nach meiner Kenntnis aber nicht geschehen (Vergesslichkeit?).
Ein weiterer Einwand bestand darin, dass zur Ethanolerzeugung nur Pflanzenreste und keine Futter- oder gar Nahrungsmittel verwendet werden. Stimmt so nicht. Als herkömmliche Rohstoffe kommen meist die lokal verfügbaren Pflanzen mit hohen Gehalten an Zucker oder Stärke zum Einsatz: in Lateinamerika Zuckerrohr, in Nordamerika Mais, in Europa Weizen und Zuckerrüben (merken Sie was?). Die Zucker- und Maispreisen sicher auch deshalb im Höhenflug begriffen. Angestrebt wird zunehmend die Nutzung von kostengünstigen pflanzlichen Reststoffen wie Stroh, Holzresten, Landschaftspflegegut etc. - schon allein deshalb, weil die wertvolleren Stärkequellen nicht ausreichen werden, um den wachsenden Bedarf zu decken. In der EU wird bisher lediglich darauf geachtet, dass die Pflanzen auch nachhaltiger Wirtschaft stammen. Was mit den Preisen passiert, interessiert offenbar nicht. Übrigens wird der größte Teil des nicht in der EU produzierten Ethanols aus Brasilien importiert (in 2008 immerhin 20 Prozent des Jahresverbrauchs). Da Brasilien gleichzeitig einer der wichtigsten Zuckerproduzenten ist, dürfte das nicht ohne Auswirkung auf die Zuckerpreise geblieben sein (aktuell am 5-Jahres-Hoch).
Fazit: Gelänge es eines Tages, den weitaus größten Teil des für den Kraftverkehr verwendeten Ethanols tatsächlich kostengünstig und umweltverträglich aus Pflanzenresten oder aus auf Brachland wachsenden "Energiepflanzen" wie Rutenhirse herzustellen und würde die hiesige Industrie großflächig speziell auf den höheren Ethanolgehalt angepasste Motoren auf den Markt bringen, dann kann E10, E50, E85 und was alles noch kommen möge der große Wurf werden und tatsächlich eine geringere Abhängigkeit vom Öl bringen. Ein solcher Prozess braucht aber Zeit (die Brasilianer hatten 40 Jahre dafür). Solange wir aber beim "wäre" und "hätte" bleiben, wird aus der Geschichte leider nichts als Murks. Und das ist kein Ruhmesblatt für die beste Ingenieursnation der Welt - leider "führungsbedingt".
Hier zeige ich Ihnen, wann sich ein Einstieg beim DAX wieder lohnt:
Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Amstler Karl (08.03. 2011 09:51 Uhr):
Ist es wirklich so "schrecklich" wenn die EU-Staaten sich der 40jährigen Erfahrung eines "Entwicklungslandes" bedienen - warum muss Wissenstransfer nur in eine Richtung erfolgen - so wird Entwicklungshilfe "produktiv"! - oder wollen wir das Rad jetzt auch neu erfinden.
Antworten - Kommentar von Johann Grundner (08.03. 2011 11:27 Uhr):
Lebe seit mehr als 20 Jahren teilweise und 6 jahre fest in Brasilien.Muß Ihrem Artikel fast ganz zustimmen.10% Alkohol schaden aber einem modernen Einspritzmotor nicht.Hier beträgt der Ethanolanteil 25%-40%.Ich fahre auch ein Europäisches Auto und sogar mit Turbomotor und es gab bis jetzt keinerlei Probleme.Klar muß die Zündung dementsprechend modifiziert werden und auch greift Alkohol verschiedene Dichtungen etc. an. Ansonsten finde ich die Idee mit Ethanol zu fahren brilliant auch wenn das Motorenleben dadurch etwas verkürzt wird. Das man in Deutschland die Industrie und Konsumenten quasi überfallen hat ist ein Lapsus.
Antworten - Kommentar von Peter Bierewirtz (08.03. 2011 12:07 Uhr):
Sehr geehrter Herr Voigt! Ich finde es verdienstvoll, dass Sie in ihren Wirtschaftsbetrachtungen oft auch Weiterungen zulassen. Unsinn und Vergesslichkeit, Kommunikationspannen und dergleichen sind jedoch eher unwahrscheinliche Kriterien. Zu überschaubar scheint mir die Problematik, als dass ein Kränzchen Versierter nicht schnell Kluges dazu hätte sagen können. Ich halte mich lieber an das bewährte cui bono und da fällt mir unter anderem Industriepolitik ein. Die Langlebigkeit der Autos ist in den letzten Jahrzehnten enorm gewachsen. Benzinmotoren halten mit großer Wahrscheinlichkeit mehr als zweihunderttausend Kilometer aus. Wäre es da nicht reiz - und aus dieser Sicht auch sinnvoll, etwas Alkohol ins Benzin zu gießen? Sagen wir gerade genug, dass diese Dinger nicht mehr ewig leben und nicht so viel, dass sie noch in der Gartantiezeit kaputt gehen?
Antworten - Kommentar von Gertrud Leidner (08.03. 2011 13:07 Uhr):
"Bio"- Treibstoffe wie "Bio"-Diesel, wofür Regenwald gerodet wird, "Bio"-Sprit, wofür LEBENSmittel verwendet werden - cui bono ?? Uns Verbrauchern mit Sicherheit nicht. Dafür aber dem ganzen Filz aus Politik und Industrie.
Antworten- Antwort von Johann Grundner (08.03. 2011 15:00 Uhr):
das Regenwald gerodet wird ist richtig,würden Sie aber Brasilien kennen und sehen wieviele tausend km² brach liegen.Und wo Regenwald gerodet wird wird kaum Cana de acucar gepflantzt Problem Großgrundbesitzer die ganze Landstriche brach liegen lassen. Sehr weite und schlechte Transportwege zu den Häfen. Anbaufläche gäbe es noch im Überfluß.Man könnte halb Europa versorgen.Aber alles braucht seine Zeit,wie auch die Akzeptierung des Biosprits in Europa.Mit unserem 2.Wagen tanken wir nur Ethanol,weil es trotz des enormen Mehrverbrauches noch billiger und vor allem umweltfreundlicher ist(15-20l auf 100km bei 1,6l Hubraum VW Polo in Europa undenkbar)
- Antwort von Johann Grundner (08.03. 2011 15:00 Uhr):